eben an Louis gerichtet gesehen hatte. Egon schrieb an die Gräfin eine Entscheidung ihres Schicksals.
Vierzehntes Capitel
Zum Lebewohl
Der schmerzliche Accord, der durch unsre ernster tönende Erzählung fährt, lautete:
"O es ist wohl eine der herbsten Entbehrungen, Helene, die sich der Mensch auferlegen kann, wenn er sich dem arme der Liebe entwindet. Ich habe lange gerungen, mich von den grauen und düstren Vorstellungen, die mein Gemüt umschatteten, zu befreien. Ich kann nicht anders; ich bin den finstern Mächten der Überlegung verfallen und was ich auch beginne, mich wiederaufzuschwingen zu einem grossen, vorurteilslosen, freien Blicke über das Leben hin, ich kann es nicht. Ich erfülle mein Schicksal.
Was mich zu dir führte, geliebte Helene, hab' ich oft dankend gestammelt. Es war nicht deine Schönheit allein, nicht die Güte deines Herzens, die sorgsame Liebe und Sorgfalt, ja leidenschaftliche Vergötterung Dessen, was du einmal in das Heiligtum deines Herzens eingeschlossen hattest, es war ebensoviel von meinem eignen inneren Drange, gerade Das, was ich in dir fand, gerade Das zu besitzen. Ich Ärmster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben! Liebe ist das behagliche Glück der reinsten Menschlichkeit. Liebe ist das stille Ausruhen an einem platz, wo es allen Sinnen, den inneren und äussern, wohlergeht. So glücklich war ich zwei mal! In Lyon und in Enghien!
In Paris verlor ich Louison. Ich verlor diese Liebe an Paris selbst. Es gehört zur Liebe ein schlummernder Mensch, der wenig bedarf, wenig begehrt, viel träumen kann. Ein solcher war ich nicht mehr, als ich die grosse Weltstadt sah, das Gewühl der Menschen, die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt werden. Louison's liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasieen nicht mehr hinauf, die mich in der grossen Weltstadt zu umgaukeln anfingen. Und doch wollt' ich entsagen, wollte nicht sein und scheinen was ich war, wollte mich verbergen, lernen, mich bilden. Ich mochte den Begriffen, denen ich in Lyon Treue geschworen hatte, nicht entsagen. Da fand ich Alles, was ich vermisste, in deiner Liebe! Du hast mich geliebt, Helene, wie die Mutter, die sich vom Gatten abwenden muss, ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu läutern glaubt! Du fingst an, dich selbst zu lieben, dir selber zu gefallen, als du deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst! Aber auch damals, teures Wesen, warst du mir nur der Widerschein eines inneren Bildes, die Befriedigung eines von mir selbst gefühlten Bedürfnisses, ein Gedanke, eine Stufe der entwicklung, ein Standpunkt zur Anschauung des Lebens. Ach, dass es so ist! Aber wer kann es leugnen? Ich war glücklich, bei dir von einem Irrtume, einer Grille auszuruhen. Du nahmst mich ohne Ansprüche. Du wolltest nicht, dass ich glänzte, meinen Ruf wiederherstellte. Du liebtest nur mich, die person, mein lachen, mein Weinen, mein Hoffen, mein Klagen, den Menschen, den schwachen, träumenden, bequemen Menschen, der mit der Welt grollte, mit den Seinigen gebrochen hatte und über eine Zukunft philosophirte, die er sich nach den Stimmungen des Augenblicks wechselnd und immer anders ausmalte. Die Flamme brannte und nahm den Docht, wo sie ihn fand. Das Zufälligste machte uns glücklich und Unterhaltung fanden wir in uns selbst.
Eine schmerzliche Reue trennte uns. Du weisst, Helene, wie ich mich plötzlich aufgeschreckt fühlte. Ich konnte so, wie sonst, nicht zurückkehren zu dir! Ich hatte Louis Armand wiedergesehen und fand in ihm noch alle die Keime der Gedanken wieder, die ich in mir selbst erstickt hatte. Ich gab dich nicht auf, Helene! Das weisst du wohl. Ich floh nicht vor dir, sondern vor mir selbst. Ich floh vor dem Bilde der Trägheit, der zwecklosen Träumerei, das mir von mir selber vorschwebte. Ich floh vor den Jahren, um die ich den Schöpfer betrogen zu haben glaubte. Unschlüssig über mich selbst kam ich hier an. Louis dachte für mich, handelte für mich. Ich folgte seinen weiseren Anordnungen. Die Reise nach Hohenberg, die Krankheit ist dir bekannt, auch unser Wiedersehen, Helene! Frage den Gott der Liebe, ob es falsche Schwüre waren, die ich in der Seligkeit dieses Wiedersehens gelobte ... sie waren nicht untreu gemeint. Aber ich fühle es, die Art, in der ich allein noch, was ich damals verhiess, ausführen kann, wird dir nimmer genügen.
Ich habe angefangen, Alles, was ich seit Genf, seit den deutschen Universitäten, seit Lyon und Paris über die Gesellschaft und das Staatsleben gedacht habe, jetzt in ein System zu bringen. Ich muss den Anfang eines männlichen Berufes machen. Ich bedarf jetzt einer unendlichen Freundschaft, kann aber nur sie, nicht die Liebe, erwidern. Ich fühle mich zur Liebe, zur Hingabe ebenso zerstreut, matt, ohnmächtig, wie glühend ich die uneigennützige, blindeste, treueste Freundschaft bedarf. Es ist mir jetzt, als wenn Männer, die etwas Grosses wollen, nicht in der Weise, wie es die Dichter besingen, lieben können. Werf' ich dir vor, dass du es verschmähst, von meinen Almosen zu leben, von den Blicken zu zehren, die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend dir flüchtig zuwerfe? Wärst du selber ehrgeizig, du begnügtest dich mit ihnen. Aber