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. Ihr habt Recht! Ja, ja, Alter! Ich habe den Fehler, verliebt zu sein in Mädchen mit wächsernen Augenlidern und schwarzen, langen Wimpern. Es ist eine Narrheit, der zu Liebe ich sogar Komödie spiele und den Sprachmeister mache, französischen und italienischen Unterricht gebe! Ha! ha! Alter, nimm! Wir wollen uns versöhnen ... im geist der Liebe!

Murray stiess die Börse zurück. Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt, dass er sich in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziska's möchte geirrt und die Ursache der Rafflard'schen Anträge vielleicht noch eine ganz andere wäre. Er wollte forschen und mässigte sich ...

Dankt Gott, sagte er, dem Gott, dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem des Mädchens, das ich morgen begrabe, unnützlich führtet ...

Das schöne Mädchen, mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet ... lenkte Rafflard ein, erleichtert, dass er auf einen andern Gegenstand kommen durfte ...

Ist tot ... sagte Murray, der bei diesem Gedanken alle Vorteile seines Sieges über den Elenden aufgab.

Wie kam Das, Alterchen?

Wohl so, wie es manchem Mädchen von wächsernen Augenlidern und langen Wimpern gegangen wäre, wenn Ihr eine schönere Nase hättet und ein menschlicheres Kinn!

Ich wünschte, Murray, versuchte Rafflard zu scherzen, Ihr nähmet lieber das Geld und liesset etwas mehr von meiner Schönheit gelten. Ihr macht Euch bitter bezahlt ...

Bessert Euch und belügt die Welt nicht mehr! sagte Murray, legte die früher empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen, da er in dem Nebenzimmer Geräusch, Türenschlagen, rasches Laufen hörte.

Rafflard, aufatmend, begleitete ihn mit aller Freundlichkeit, schlug ihn auf die Schulter zur Versöhnung und liess ihn aus dem gelben Zimmer mit den Worten:

Alterchen, wir bleiben doch Freunde! Die Philosophie verbindet uns. Auf Wiedersehen, wenn Ihr aus Hohenberg zurückkommt. Ihr seid in das kleine Ding verliebt und eifersüchtig auf mich! Verstellt Euch nicht! Führt sie in den Wald! Lebt glücklicher mit ihr als mit den Damen, unter deren Ruf Ihr leidet und die Euch sterben, wenn sie Euch Geld gekostet haben. Auf Wiedersehen, Murray! Lebt wohl, alter Freund!

Der lange, zudringliche Mann entliess Murray scheinbar wie seinen besten Freund.

Murray ging und seufzte über die verwilderte Phantasie eines Schurken, der nicht im stand war, irgend noch ein verhältnis rein und sittlich aufzufassen.

Das Entzücken, in dem Rafflard über die freie Bahn, die sich nun zwischen ihm, Egon und Helene d'Azimont eröffnete, sollte aber nicht lange währen. Er sollte bald kennen lernen, dass Egon einer jener Menschen war, die über jede Berechnung hinauswachsen. Kein Massstab passt auf Individuen so flugschneller entwicklung.

Wie der Jesuit die Bedienten nach der Gräfin fragte, wie man ihm sagte, sie wäre zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zurückgekommen, hätte aber vom Fürsten Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen, wusste er, ohnehin noch erschüttert, nicht, was er tun sollte. Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen. Alle seine Pläne gingen so günstig vorwärts. Er hatte der alten Gräfin nach Paris die besten Versicherungen schreiben können, dass er sich ihrem Auftrage, eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befördern, mit dem günstigsten Erfolge unterzöge. Helene hatte er seit vorgestern früh nicht gesehen. Er hoffte, sie mit der Aussicht, dass der Bund, der sich um Egon gebildet hatte, zersprengt, zerstreut, entfernt war, auf's angenehmste zu überraschen, und nun hörte er, dass sie weine, krank wäre, ihn abweise und sich schon wieder eingeschlossen hätte!

Eine längere Ungewissheit ertrug er nicht. Er näherte sich der verschlossenen Tür und lauschte. Es war ihm, als hörte er weinen.

Um des himmels Willen, dachte er, was hat die Gräfin vor! Was ist geschehen?

Er öffnete leise das Metallplättchen über dem Schlüsselloch. Die Bedienten, denen der Zustand ihrer sonst so gutmütigen und freundlichen Herrin Besorgnisse einflösste, unterstützten ihn in seinem Beginnen.

Er konnte Helenen nicht sehen. Der Schlüssel, der von innen steckte, verhinderte es.

Aber deutlich hörte er, dass sie weinte und mit den Zähnen klapperte wie eine Fieberkranke.

Jetzt hielt er sich nicht länger. Er klopfte.

Helene antwortete nicht.

Er klopfte stärker und rief durch das Schlüsselloch:

Beste, teuerste Freundin, was beginnen Sie! Lassen Sie mich hinein, Ihr wärmster, aufrichtigster Freund muss Sie sprechen! Es sind Wunderdinge geschehen. Öffnen Sie, Gräfin!

In der Tat hörte er die Gräfin gehen. Sie erhob sich. Er hörte ihr Kleid rauschen. Sie schloss auf.

Wie er eintrat, sah er eine Jammergestalt. Die Wangen der schönen Frau waren wie grau. Die Augen erloschen. Die hände schlaff herabhängend. Er fasste die Rechte, sie zu küssen. Sie war eiskalt.

Aber, was ist Das? rief er. Gräfin! Ich komme, um Ihnen zu sagen, dass von morgen, vielleicht schon von heute an der Fürst von allen seinen Umgebungen gänzlich verlassen ist. Er wird Minister. Das ist wahr. Aber die Stunden der Musse, der Erholung, deren er nur zu sehr bedarf, werden unverkürzt Ihnen gehören. Wieweit sind Sie?

Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief.

Es war dieselbe Handschrift wie die, die er