1850_Gutzkow_030_577.txt

Überfülle der Zumutungen, die mir jetzt werden gestellt werden, dich, meinen teuersten gefährten und Bruder, nicht mehr sehen können, so entnimm vom Banquier von Reichmeier Alles, was du zur Bestreitung dieser Reise bedarfst. Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Fürstentums, den ich nicht länger vernachlässigen will! Nimm dir Zeit dazu und sorge, dass für das bevorstehende Frühjahr Alles so in Angriff genommen wird, als es nötig ist, um mit Ackermann einverstanden zu bleiben. Lebe wohl, Louis! Der unsichtbare Genius, der uns verbunden, schütze dich und mich! Dein Egon!"

Rafflard's Mienen verklärten sich sonnenhell. Einen solchen Einblick in die innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zöglings hatte er nicht erwartet!

Wo habt Ihr das Billet her, Murray? fragte er und hustete sich aus. Das Bücken beim Lesen hatte ihn angegriffen.

Von Louis selbst! sagte Murray in seinen früheren dumpfen brütenden Ton zurückfallend.

So vertraut seid Ihr mit ihm?

Ea war zehn Uhr Abends, als dieser Brief ankam. Ich hatte drei Stunden mit ihm allein gesessen ...

drei Stunden ...

Ich hatte ihn traurig gefunden; denn er nahm Abschied von einem Freunde, Namens Siegbert Wildungen, der nach einem dorf Schönau reist –.

Schönau? In der Tat! rief Sylvester mit grosser Befriedigung ...

Er nahm Abschied von einem anderen Freunde, Namens Dankmar Wildungen, der einen wichtigen Process in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in Türingen reist, um sich neue Hülfsmittel zu einem grossen Unternehmen zu holen und eine kranke Mutter zu sehen ...

Murray! Du bist ein Freudenbote!

Er nahm Abschied von einem Geistlichen, Namens Rudhard, der in diesen Tagen die Residenz mit der ganzen Wäsämskoi'schen Familie, die Fürstin ausgenommen, verlassen will!

Rafflard stand auf. Dieses natürliche Lösen der Kette, die sich um Egon geschlungen hatte, erwartete er nicht ...

Ich fand Louis Armand, fuhr Murray fort, gestört, unglücklich, in Tränen. Ich wollte ihn zerstreuen, trösten. Ich bin unglücklich mit meinen Tröstungen. Als es zehn Uhr schlug, kam dieser Brief ...

Er wird gehen?

Er ist schon fort. Morgen, wenn ich eine tote begraben habe, folg' ich ihm mit Franziska Heunisch ...

Ihr mit dem Mädchen?

Warum nicht?

Euch vertraut er sein Teuerstes?

Mir nicht, warum nicht mir?

Murray! Ha! Ha! Murray, wodurch habt Ihr ihn so bezaubert?

Durch die Wahrheit!

Welche Wahrheit?

Die Wahrheit meines Lebens, mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen suchte.

Ha! ha! Und da glaubt er Euch? Das ist lustig, Murray! Ha! ha! Aber Ihr wollt das Mädchen nun in den Wald führen zu Louis Armand? Alterchen, wie wär' es doch, wenn man lieber einen Ort ausfindig machte, wo der allerliebste kleine Engel nur Euch und zuweilen mich sähe! Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen hier noch einen Vorteil für sich im besonderen verbände. Murray, wenn man das schöne Mädchen irgendwo versteckte, knebelte ... Ihr wisst zu bezaubern. Wodurch habt Ihr diesen Armand gewonnen?

Noch mehr! Durch die Wahrheit über Euch, Rafflard, habe ich ihn ganz gewonnen!

Rafflard richtete sich auf, wie vom Donner gerührt. Das war ein Wort, das ihm die lüsternen Lippen erstarren machte.

Durch die Wahrheit, die ich Euch verschwiegen habe, Elender!

Murray!

Rafflard!

Seid Ihr toll? rief Rafflard, dem es war wie ein plötzlicher Überfall.

Barberini! Sylvester! Jesuit!

Wahnsinniger! stöhnte Rafflard und sprang an die Tür.

Murray ihm zuvor. Beide rangen um den Ausgang ...

Durch die Wahrheit, donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im Genick, durch sie hab' ich einen edlen gewonnen, der schauderte, als er erfuhr, dass ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg, weil ich ihn hören, ganz hören, Euch ganz entlarven und Die, die er betraf, warnen wollte.

Lügner! krächzte Rafflard und wollte die Tür gewinnen.

Ich log mich als Sünder, sagte Murray ihn zurückschleudernd, als elenden Helfershelfer Eurer tückischen Pläne, weil ich das erste mal, dass ich den Namen Franziska Heunisch hörte, zitterte, denn ich habe Ursache, Menschen, die mit dem Geheimnisse meines Lebens zusammenhängen, zu schonen, zu schützen, wie ein Engel zu bewahren. Du Teufel, glaubst, dass ich der Hölle entstammt bin wie du! Was Heinrich Sandrart! Was die gemietete wohnung! Nichts von Allem ist wahr, als dass dein Nebenbuhler dir von selber weicht! Aber auch das Opfer, das du ihm nicht gönntest, ist die entrissen. Ich werde Franziska schützen. Diese Tücke ist dir mislungen, Elender!

Rafflard war auf seinen Stuhl zurückgesunken, todtenbleich. Murray hatte sein Terzerol gezogen. Rafflard verzog keine Miene. Seine Geistesgegenwart war erschüttert, aber sie verliess ihn nicht ganz. Aus den letzten Worten Murray's entnahm er, dass er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen reizenden Mädchens voraussetzte. Er ergriff rasch den Gedanken, sich durch Humor zu helfen. Frech zog er eine Börse hervor und sagte, sie in die Luft werfend, lachend:

Murray, Das war dir bestimmt! Nimm! Ich erkenne, du gehörst zu Denen, die sich hüten, rückfällig zu werden. Es ist nie gut