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.. Die Ursula Marzahn, Herr, darf nicht sterben! Wissen Sie, Herr, sie darf nicht! kennen Sie die Ursula, Herr?

Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard hingestellt, der nicht wusste, wie ihm geschah. Er sah die Aufregung des Alten und musste ihn, aus Furcht, ihr Gespräch dürfte zu laut werden, gewähren lassen.

Murray besann sich und nahm wieder Platz.

Nach einer Weile, währenddem Rafflard nicht mehr wusste, was er aus seinem Gegenüber machen sollte, fuhr dieser fort:

Ist einmal Franziska im Hohenberger wald, so nimmt Sandrart, dem es schon längst in seiner bunten Jacke zu eng ist, den Abschied und der Zweck, den Ihr wollt, ist erreicht. Nicht so, Herr?

Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose ärgerlich auf den Tisch.

Welch' ein Tor Ihr seid, Alter! rief er. Welche alberne, kindische geschichte Ihr erfunden habt! Wer hat Euch denn geraten, weise zu sein, nachzudenken, Finessen zu machen! Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden wollen, kommt nur Verkehrtes an den Tag. Sie soll fort! Heute noch! Und Der, der Ihr folgen soll, Der, den sie liebt und der sie wieder liebt, ist nicht der Soldat da, sondern ...

Ha! Ha! Ich weiss es, rief Murray rasch, der, der sie liebt, ist ein Sprachlehrer, Namens Sylvester ...

Rafflard wandte sich, um nicht sein Erschrecken zu verraten.

Herr Sylvester! fuhr Murray fort. Ja! Ja! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe kennen gelernt. Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verführen wollen. Herr, dieser Sylvester ist es! Eine lange Figur, schwarze Perrücke, auch die verdammt kleine Nase, auch das Kinn des Pavians ... wie ich sehr vermute, der Doppelgänger des Signor Barberini, Herr ... Meinen Sie nicht? Es ist Der?

Rafflard, ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen, sagte leise und zitternd:

Auch Der nicht!

Zum Henker! So sagen Sie's, wer es ist! donnerte Murray.

Dieser selbe Louis Armand ist's! Habt Ihr, Wahnsinniger, denn nicht bemerkt, dass nur er, er es ist, den Franziska liebt? Habt Ihr Euch in Eurer tollen Weisheit so hinter's Licht führen lassen, dass Ihr nicht merktet, dass er sie vergöttert und sie bis an's Ende der Welt aufsuchen würde, wenn es hiesse, sie ist in Hamburg, in London ... wo weiss ich, Ihr alter Sünder Ihr!

Murray blieb auf diese Worte in einer eigentümlichen Stellung sitzen. Er hatte das linke Bein über das rechte gelegt und hielt es mit beiden Händen, unruhig an ihm rüttelnd, fest. Es schien, als müsste er durch diese Bewegung eine grosse innere Unruhe im Zaume halten ...

Dieser Louis Armand ist es, fuhr Rafflard fort, dessen communistische Träumereien hiesigen achtbaren Familien, mit denen er in Verbindung steht, die grössten Gefahren drohen. Wenn etwas ihn entfernen kann, etwas ihn in die Welt jagt, um sich zu ändern, zu bessern, Menschen kennen zu lernen, so ist es die Unruhe über das los jenes Mädchens, das er zu heiraten entschlossen ist. Es ist ein Werk der Sittlichkeit, der Erziehung, der Besserung, das Ihr fördern solltet, Murray, und so verkehrt habt Ihr es angefasst!

Nun denn, sagte Murray ruhig. Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen, Herr? Was erhalt' ich, wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem wald von Hohenberg abreise und morgen früh Louis Armand es ist, der uns dortin folgt?

Das ist nichts, sagte Rafflard. Auf Monate muss er entfernt bleiben. Entführt das Mädchen, wohin Ihr wollt! Louis Armand muss weit weg avisirt werden.

Wie aber, wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stücken auf dem schloss Hohenberg bliebe?

Rafflard horchte auf ...

Murray zog seine Brieftasche, öffnete sie langsam und nahm ein Billet heraus, das er dem, jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen Professor mit den Worten überreichte:

Der Bravo lauerte hinter einem Baume, an dem sich sein Opfer eben selbst erhängt!

Von wem ist das Billet? fragte Rafflard befremdet wieder über das Wort Bravo ...

Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde.

Rafflard las:

"Mein teurer Louis, soeben komm' ich vom Schloss. Der König und seine ganze Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen, das ich ehren muss. Mein Programm ist angenommen. Es kommt nur noch darauf an, Männer zu finden, die sich in meine Ideen einzuleben vermögen und meine Collegen werden. Sind diejenigen Namen, die selbst eine Politik vertreten möchten, zu stolz, sich meinen Ansichten zu fügen, so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs, sich meinen Befehlen unterzuordnen. Jetzt, Louis, hab' ich eine Bitte! Die Geschäfte des Staates werden mich so in Anspruch nehmen, dass ich mich meinen eignen Angelegenheiten völlig entziehen muss. Erweise mir die gefälligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg! Es wäre mir lieb, wenn du schon morgen gingest. Ich muss wissen, wie es dort aussieht, was der neue Generalpächter beginnt, ich habe Ursache, auf die Wiederherstellung meiner äusseren Verhältnisse den grössten Wert zu legen. Sollte ich bei der