, fuhr Murray in seiner trockenen, ruhigen Weise fort, ohne Ratgeber und Vertraute kommt man in grossen Wagstücken nicht weiter!
Aber –
Ich vertraute mich meinem Nachbar.
In der Brandgasse?..
Nein, in der Wallstrasse. Es ist ein Landsmann von Ihnen.
Louis Armand! Ein Pariser, Kunsttischler, Vergolder ...
Freund des Prinzen Egon ...
Ich hoffe, Freund, Ihr habt keine dummen Streiche gemacht!
Euern Landsmann wollt' ich zum Vertrauten wählen.
Seid Ihr toll?
Vorgestern Nachmittag wollt' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen. Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe. Oben war sein Comptoir verschlossen. Ein Anschlag verweist in den Hinterhof.
Also ...
konnte' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen ...
Zum Henker! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen?
Ich schätze den Mann seit lange.
Ihr kanntet ihn ja nicht!
Louise Eisold, meine Nachbarin, lehrte mich ihn kennen.
Aber Freund, Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit –
Nein! Ihr müsst wissen, Herr, dass ich nach vielen wilden Dingen, die schwer auf meinem Gewissen lasten, zuweilen trübsinnig bin, schwarzsichtig. Da ist's mir eine Freude geworden, neben der Louise Eisold zu wohnen. Sie fürchtet sich zwar vor mir, das närrische Ding; aber singen hör' ich sie doch gern, und wie sie einmal ein Lied sang, das mir ausnehmend gefiel, ging ich zu ihr und klopfte an. Das sind acht Tage her ...
Wozu soll Das?
Ich klopfte bei ihr an und sagte: Louise, seit dem Tage, wo Ihr mir das Glas wasser vom Brunnen holtet, sprachen wir uns nicht. Ich habe seitdem viel Leids erlebt. Ich kam in dies Land, um hier zu sterben. Ich habe eine ernste Pflicht vor meinem tod zu erfüllen, einer von elenden, nichtswürdigen Menschen mit Füssen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, dann will ich mein zweites Auge zutun, das erste hab' ich schon daran gewöhnt, nichts mehr von der Welt zu sehen ...
Rafflard rückte mit seinem stuhl ungeduldig hin und her und riss zornig seine Augen auf ...
Ihr singt so schön, sagt' ich dem Mädchen, fuhr Murray in ungestörter Ruhe fort. Ihr singt so schön, mein gutes Kind, und ich muss Euch danken, dass Ihr meine Hoffnung damit aufrichtet. Was ist Das für ein Lied, das Ihr eben sangt? Da nannte sie einen Franzosen, Louis Armand, der es gedichtet hat ...
Rafflard horchte beruhigter. Diese Mitteilung schien ihm nicht ganz ungehörig zu sein.
Ich bat um die Strophen, fuhr Murray fort, und sie gefielen mir. Das waren Worte, wie sie im Herzen des fühlenden Freundes der Armen widerklingen müssen. Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden. Es war Schwung darin, Rhytmus, Harmonie ...
Wetter! sprang Rafflard auf und stand wie starr über diese gebildeten Worte. Treibt Ihr Musik? fragte er tonlos. Was ist Das?
Murray besann sich, stockte eine Weile und sagte dann:
Eh' ich meinen Ältern davon lief, hatten sie viel auf mich gewandt. Ich strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe ...
Ha! Ha! lachte Rafflard, der den Doppelsinn auffasste, den Murray mit schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte, und sich beruhigte ...
Seitdem, fuhr Murray fort, schätz' ich Louis Armand und wünschte, ihn kennen zu lernen. Die gelegenheit fand sich. Das Vertrauen, das Ihr mir geschenkt habt, Herr, führte mich dem Fränzchen Heunisch in die Nähe. Gestern früh macht' ich des Dichters persönliche Bekanntschaft.
Und ...
Es war nach zehn Uhr. Er kam verstimmt nach haus. Ich hörte ihn von dem Zimmer aus, das ich mir für acht Tage gemietet hatte. Ich ging zu ihm und fand einen jungen, gefälligen Mann ...
Wozu gefällig?
Erst sprach ich von seinem Gedicht, von Louise Eisold, ihren Geschwistern und was sich so ergibt aus der kleinen Welt, in der diese Menschen leben. Dann kam auch Heinrich Sandrart ...
Was wollt Ihr denn mit ...
Der junge Mann, der seine Eltern so bekümmert?
Ich bin auf der Folter ...
Louis Armand gestand es ja ein.
Gestand es ein? Was?
Dass Heinrich Sandrart Fränzchen liebt. Und als ich ihm den Wunsch der Eltern oder Verwandten aussprach, durch eine Entfernung Fränzchen's auch Heinrich Sandrart zur Vernunft zu bringen, erbot er sich, mir um so mehr die Hand zu reichen, als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Mädchens angekommen war ...
Welcher Onkel?
Den Ihr kennt! Ihr kennt ja die Verwandten? Herr!
Murray! Murray! Ihr habt klüger sein wollen, als ich ...
Herr, sagte Murray, ich habe Gewalt vermeiden wollen.
In Teufels Namen, wenn Sie einem Banditen sagen: Stich Den und Den nieder und der Bezeichnete ist eben im Begriff, sich selbst an den nächsten Baum aufzuknüpfen, wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen überflüssigen Mord auf seine Seele laden? Der Onkel schreibt an Louis: Veranlassen Sie Fränzchen zu mir zu kommen! Ich bin nicht wohl! Die Ursula Marzahn will sterben. Fränzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben .