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an eine alte verdriessliche geschichte zu finden. Was wollen Sie?

Sie ist nun tot.

Wer ist tot?

Ophelia! Ich sah das Stück in London. Sie war toll. Aber in den Bach sprang sie nicht. Sie fiel von ungefähr aus dem Fenster. Sie hätten es sehen sollen, Bester. Jesabel starb so. Es hätte ein Bild gegeben.

Heinrichson machte es heute so wie vorgestern. Er liess Murray reden und entzog sich einer weiteren Erörterung durch die Flucht. Dieser geistreiche Künstler gehörte zu den Menschen, die, wenn man ihnen eine Beleidigung sagt, behaupten, dass sie taub sind. Er war verschwunden wie gekommen.

Murray setzte sich ächzend. Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung gesprochen und sich doch beherrschen müssen. Der Bediente sah ihn staunend an.

kennen Sie den Herrn? fragte er.

Der grosse Künstler Heinrichson! sagte Murray.

Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen?

Eine Gliederpuppe, die er malen wollte, sagte Murray seufzend. Habt doch schon so ein Ding bei den Malern gesehen?

Freilich. Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn. Da sitzt immer eine grosse Puppe mit Kleidern behängt. Daran studirt er ...

Den Faltenwurf, mein Sohn! Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren. Sie war schön! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmassen, schlank, wie ein englischer Renner. Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen. Da wurde sie erst traurig, dann wild und zuletzt toll. Sie tanzte so lange, bis sie sich im Wirbel drehte, an ein Fenster kam und husch! im Grase lag sie mit ihren schönen gelenken Gliedern! Morgen früh begrab' ich das arme Ding.

Der Bediente schüttelte den Kopf und deutete für sich nach der Stirn, als wollte er sagen, bei Dem ist es wohl nicht richtig! Wie er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte, das durch eine Glastür vom Vorzimmer getrennt war, hörte er, wie Murray öfters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete. Dann sang der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fensterscheiben, in deren Nähe er sass. Dem Diener war es jedesmal unheimlich, wenn es klingelte und er zum Öffnen hinaus musste.

Zuletzt hörte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des Professors Rafflard, der sich schon auf der Treppe ankündigte. Sogleich ging er ihm entgegen, öffnete und zeigte auf Murray, der ihn erwartete.

Ah! Sind Sie endlich da! Was hab' ich Sie erwartet!

Wo ist die Gräfin?

Ausgefahren, Herr Professor!

Kommen Sie, mein Bester! Kommen Sie! Jean, wir gehen in das gelbe Zimmer. Man soll uns nicht stören. Hörst du, Jean? Kommen Sie, Murray! Gehen Sie voran.

Rafflard öffnete lang ausschreitend und liess Murray, der sogleich ehrerbietig aufgestanden war, vorangehen.

Rechts! Rechts! sagte Rafflard. Ihr wisst doch noch? So! Hier herein!

Damit folgte Rafflard, drückte die Tür des gelben Zimmers fest hinter sich zu, legte den Hut ab und setzte sich erschöpft.

Was bringen Sie? Wie steht es? Was habt Ihr heraus? fragte er und zog eine Schachtel voll Brustpastillen, erwartungsvoll, was ihm der demütige und sich überall umblickende Murray würde mitzuteilen haben.

Ei Herr, ich denke ja, begann Murray verlegen, ich denke ja, es wird sich so schicken, wie Sie's wünschen.

In der Tat, Murray? Ihr verdient Euch den wärmsten Dank der rechtschaffenen Familie, von der ich schon gesprochen habe. Erzählt! Wie weit seid Ihr?

Wie ich von Ihnen ging, Herr ... Darf ich denn ...

Erzählt! Alles!Alles!

Da ging ich sogleich in meine wohnung ...

Brandgasse Nr. 9.

Nein, in eine neue, die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der alten mietete ...

Ihr seid schlau ... Wo ist Das?

In der Wallstrasse Nr. 13.

Wallstrasse ...

Eine Treppe hoch ... vorn heraus ... ein Sprachlehrer, Signor Barberini war eben ausgezogen.

Signor Bar ...

Es soll, sagte man mir, ein Herr gewesen sein von langer Statur, mit schwarzer Perrücke und einer verdammt kleinen Nase, aber einem Kinn wie ein Pavian ...

Ei, ei! ... Ein Italiener!

Und Spitzbube! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer gesehen haben, nie hat er dort geschlafen. Fast glaube' ich, dass er nur dort wohnte, um seinen Nachbar zu belauschen.

Ich verstehe ... Aber, wie kommt Ihr ...

Gerade zu dieser wohnung? Das will ich Euch sagen, Herr! Ihr hattet von Fränzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir, wo sie wohne ...

Richtig.

Im haus bemerkt' ich denn auch bald, dass der junge Mann, der seiner Familie so vielen Kummer macht, ein Soldat ist, Namens Heinrich Sandrart.

Wer?

Es ist ein Sergeant. Er liebt Fränzchen; er ist wie die Taube, sie ist wie der Geier. Sie mag ihn nicht ...

Nein! Nein! Das

Ich versichere Sie, Herr! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Märtens und bläst die Flöte. Sie bringen den an's Ende der Welt, wenn Franziska Heunisch entführt wird ...

Aber

Ohne Ratgeber