Verhältnisse dieser gestörten Liebe; noch mehr, da er ein vornehmer Frauenarzt war, verstand er sich auf die Patologie der "brechenden Verhältnisse". Er erklärte sie für einen jener Seelenzustände, bei denen man vorzugsweise dem gastrischen Rückschlage vorbeugen müsse. Er billigte die Diät der Gräfin und schied von ihr mit den Worten:
Verehrte, hüten Sie sich zwar vor dem Übermass der Gefühle! Aber dennoch gesteh' ich, dass ich mehr für das volle Ausbluten des Herzens bin, als für die gewaltsame Unterdrückung. Ich weiss nicht, was Sie so stören, so bewegen kann. Aber wenn Sie Kummer haben, meine Gnädigste, so nehmen Sie nur den Kelch des Schicksals gleich ganz, trinken Sie den bittern Schierling hinunter bis zum letzten Tropfen! In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung. Nur nicht fliehen vor dem Schmerz! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen! Beileibe nicht! Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene Seelenzustände, die sehr entzündlich werden können. Für heute aber tun Sie mir den Gefallen, lassen Sie anspannen und geniessen Sie die stärkende, erfrischende Luft nicht nur, sondern auch die viel trostreichere und erquickendere Abwechselung der Gegenstände, die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt darbieten werden. Versprechen Sie mir Das?
Die Gräfin versprach es nicht nur, sondern erfüllte auch des Sanitätsrats Begehren, sogleich anspannen zu lassen. Er wollte sie ausfahren sehen.
Ich bin noch nicht angekleidet.
Sie müssen einen Mantel nehmen! Es ist oktoberfrisch ...
Dabei zog Drommeldei sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen portativen Apoteke, die er bei sich führte, einige Streukügelchen. Er erklärte also die Krankheit der Gräfin für eine von denen, bei welcher die Homöopatie zulässig war.
Drommeldei, ein sehr kluger Weltmann, rührte die Streukügelchen selbst in einem Glase wasser ein und plauderte dabei von Politik, Ministerium, Egon's glänzenden Talenten, Paulinen von Harder, vom "Jahrhundert", Allem durcheinander. Charakteristisch war, dass er bemerkte, man nenne das Ministerium Egon schon das Blousen-Ministerium und erwarte, dass er seine vier bis fünf Inséparables zu Ministern mache. Die gestern angegebene Liste des "Jahrhunderts" hätte sich schon zerschlagen und man wette noch, dass der Kunsttischler Louis Armand, der ohnehin Heimatsrechte haben solle, das Portefeuille der öffentlichen arbeiten erhalte.
Während Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und über alle diese Äusserungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lächelte, sagte er:
Apropos, was haben Sie denn mit der Trompetta? Ist sie Ihnen bös?
Möglich! sagte Helene. Ich habe alle Menschen vernachlässigt. Sie gehört wohl zu Denen, die Dergleichen nicht verzeihen.
Gestern, als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden hörte, fuhr sie entrüstet auf und sagte:
Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralität verbündet, brech' ich mit ihm. Ich widme mein Album der deutschen Flotte.
Welches Album? fragte Helene, die vielleicht schon oft vom Getsemane gehört, aber für nichts Sinn hatte, was nicht mit dem geliebten Egon zusammenhing.
Drommeldei erklärte ihr diese Sammlung und schloss damit, dass die Trompetta sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit des Hofes entschlossen hätte, das Getsemane zum Besten eines Schiffes der deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere Betriebsamkeit zu widmen, dass sie ganz für sich allein ein Fahrzeug vom Stapel laufen zu lassen sich entschlossen hätte. Sie studire jetzt Marine und würde sich nächstens entscheiden, ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der Begründung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen schwimmenden Batterie finden solle.
Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanitätsrat Drommeldei Helenen an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges, welchen er eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Toren einschlagen sollte.
Helene war, als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging, an der Treppe einem alten gebückten mann begegnet, der, eine schwarze Binde um die Augen, an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewändern vorüber rauschen liess. Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zurückkehrte, fragte der Alte, der sich an einer Fussbürste sorgfältig die Stiefeln reinigte, ob er den Professor Rafflard sprechen könne.
Er ist im Augenblick nicht da.
Ich hab' ihn in seiner wohnung gesucht und möchte ihn hier erwarten.
Der Bediente besann sich, dass Dies jener Fremde, Namens Murray, war, mit dem der vertraute Ratgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er beauftragt war, mit Vorsicht zu behandeln.
Professor Rafflard, sagte er, kann jeden Augenblick wieder kommen. Setzen Sie sich, wenn Sie ihn erwarten wollen.
Eine Weile hatte Murray, still in sich versunken, auf einen Stuhl im Vorzimmer sich niedergelassen, als es draussen klingelte und der nebenan in die Bedientenstube gegangene Diener öffnete.
Die Gräfin zu sprechen?
Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren.
Wohin?
In den Park, um sich zu erholen. Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen.
In den Park! wiederholte der Sprecher, der sich, als er einige Schritte vorwärts tat, als Heinrichson erwies. Er war in weissen Glaçehandschuhen und einem kalksteinfarbigen, gelbweissen, leichten Paletot über seinem Frack.
Halb unter der Tür stehend, konnte er Murray nicht sehen.
Als er sich besann, ob er nicht der Gräfin im Park sollte zu begegnen suchen, stand plötzlich Murray vor ihm.
Herr! rief Heinrichson erschreckend, hier schon wieder jenen unheimlichen Mahner