. Nur auf vieles Zureden ihrer Mädchen erhob sie sich und liess sich auf die Chaise-longue führen, die man an den Kamin rückte. Gegen Abend heizte man.
Um sechs Uhr etwa begehrte die Gräfin einige Löffel Suppe. Sie ass nicht den vierten teil eines Tellers und stiess den Rest zurück. Die arme hingen herab vom Körper, willenlos, schlaff. Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor Erschöpfung. Oft griff sie plötzlich nach dem Herzen. Man hatte alle Bänder an ihren Kleidern aufknüpfen müssen. Jeder Druck machte ihr Beengung. So streckte sie sich wie leblos.
Gegen Acht wurde sie hörbar. Sie klingelte. Sie machte eine Miene, etwas zu begehren. Sprechen konnte sie nicht. Die Hand streckte sich nach einem kleinen Tisch am Fenster hinüber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen. Man wollte sie bringen. Sie schüttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang ihrer wohnung. Man verstand sie jetzt erst. Sie wollte die Zeitung von diesem Abend haben. Man ging hinaus, sie zu holen.
Sie war noch nicht angekommen.
Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort.
Endlich kam das ersehnte Blatt.
Sie erhob sich geisterhaft. Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf und durchflog es.
Bald entdeckte sie die mit grossen Lettern gedruckte Stelle, die sie suchte. Sie lautete:
"Die Krisis ist noch nicht beendigt. Fürst Egon von Hohenberg hat ein Programm vorgelegt, das die vollständige Billigung des Hofes erhielt. Die Frage ist nur die, ob der Fürst sein Ministerium wird vervollständigen können. Die Nachricht einiger Blätter, dass er einige jüngere Beamte und Offiziere als Collegen vorgeschlagen hätte, ist eine Verleumdung. Vorläufige Liste: Conseilpräsident und Minister des inneren: Fürst Egon von Hohenberg. Auswärtige Angelegenheiten: General Voland von der Hahnenfeder. Krieg: General Arnheim. Cultus: Propst Gelbsattel. Handel und Gewerbe: Justus. Königliches Haus: Geheimrat von Harder."
Helene warf die Zeitung hin, als wär' es ihr lieber, sie fiele gleich in die Flamme des Kamins. Sie sah nicht, dass der Bediente sie aufhob. Sie hörte auch nicht, ob er ging oder blieb.
Ein sanfter Tränenstrom entfloss ihren Augen. Eine unendliche Rührung schien sie über ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen. Erst erquickten sie diese rinnenden Perlenbäche, die aus den heissen fieberhaften Augen flossen. Dann aber geriet sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte sich ein. Sie musste husten, als wenn sie ersticken wollte. Das Blut, das sie zuweilen in ihren Tüchern erblickte, schien ihr eine Erleichterung.
Rafflard und Heinrichson liessen sich zum zweiten male melden. Sie nahm sie wieder nicht an.
Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen.
Ohne Hast, ergeben und schmerzlich, öffnete sie es.
Pauline schrieb:
"Helene, was hör' ich! Sie sind unglücklich über die glänzende Laufbahn unsres Freundes! Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine genauere Erläuterung seines meisterhaften Programms. Zwei Worte, die er fallen liess, verrieten mir, dass Sie eine Scene hatten. Warum Das, Helene? Warum fliehen Sie mich? Warum schliessen Sie sich nicht unsern grossen, bedeutungsvollen Plänen an? Egon liebt Sie, Helene! Aber stellen Sie sich nicht in den Weg, der zu seinem Ruhme führt! ..."
Egon liebt mich! rief Helene und zerriss, kurz den Rest dieses Billets überfliegend, es in hundert Stücke, die sie zornig in den Kamin warf. Er liebt mich? Und kann mich mit Füssen treten, mich fast an den Haaren schleifen, wenn ich ihm sage: Vernachlässige mich nicht! Waren die zwei Worte, die er fallen liess, vielleicht die, dass ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat? Waren die zwei Worte vielleicht die, dass ich sagte: So will ich dein Weib sein! War es die kalte, herzzerschneidende Antwort: Helene, ich muss zum König! Beschäme mich nicht mit einem Geschenk, für das ich dir würdig zu danken keine Zeit habe!
Ein krankhaftes lachen befiel sie bei diesem Selbstgespräch. Sie sprang auf. Sie wollte nun Menschen sehen. Sie rief nun nach Rafflard, nach Heinrichson. Es war aber nach zehn Uhr. Zu spät, um sie noch entbieten zu können! Sie durchschritt die Zimmer, riss die Fenster auf, wollte ausgehen, zog an den Klingeln, die Diener und Mädchen standen hinter ihr, sie wusste nicht, was sie ihnen befehlen sollte.
Lasst uns allein! rief sie endlich den Dienern. Entkleidet mich! stöhnte sie den Mädchen.
Langsam schritt sie in ihr Zimmer zurück, liess mit sich geschehen, was man beginnen wollte und sank in's Bett, bewusstlos, ohne Schlaf und ohne Wachen. Immer horchte das Ohr, ob nicht doch noch Egon käme, und wenn auch nach Mitternacht! Erst gegen Morgen ergab sich das gequälte Gemüt den Forderungen des erschöpften Körpers. Sie entschlief ...
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Helene erwachte.
Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Frühe nach ihrem Befinden erkundigen lassen. Von Egon fand sie keine Anfragen vor.
Sie liess sich langsam ankleiden. Sie fühlte sich vom Schlafe nicht gestärkt. Die Rückerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft.
Um elf Uhr kam Drommeldei, der ihr Aussehen, ihren Puls bedenklich fand.
Er war nicht ohne Neugier, der Sanitätsrat. Er kannte die eigentümlichen