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Man hat ein Herz und darf ihm nicht folgen ... Armer Egon! Der Schmerz, mit dem er aufstand, war furchtbar, fast wahnsinnig.

kommt! kommt! sagte Dankmar. Die Luft dieses Pavillons, der Staub dieser Teppiche, das lachen dieser Bilder, das Alles ist erstickend. An die frische Luft! Ich kann nicht mehr Atem schöpfen.

An der kleinen Treppe, die hinauf zu Egon führte, führte auch eine Tür gleich in den Hof. Dieser eilten sie zu und sogen die stärkende Oktoberluft wie Balsam ein. Es trieb sie fort, als brennte der Fussboden unter ihnen. Stürmende Gespenster schienen sie zu jagen. Sie sahen sich nicht um, sie flohen fast.

Auf der Strasse rief ihnen eine stimme nach.

Sie wandten sich um.

Es war Rudhard, an dem sie vorübergeschritten waren, ohne ihn zu sehen.

Nachdenklich, ruhig, stand er am Portal des Palais, auf einen Stock sich lehnend.

Er winkte Siegbert.

Siegbert bat die Freunde, einen Augenblick zu warten.

Als Siegbert sich Rudhard nahte, erschrak er fast über des alten Mannes ernstes, gemessenes Antlitz.

Ich wollte zu Egon, sagte Rudhard. Ich hörte, dass er nicht allein ist. Er fährt zum König. Er fliegt einem glänzenden Gestirne zu. Lieber Wildungen ... ein Wort ...

Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greises.

Glauben Sie, dass ich Sie in mein Herz geschlossen habe, Siegbert? – fragte Rudhard mit einem nach Bestimmteit ringenden, bewegten Tone.

Rudhard! antwortete Siegbert und ergriff seine Hand.

Ahnen Sie nichts, was ich Ihnen sagen muss ... muss, mit widerstrebendem Herzen?

Rudhard liess seine Augen, die wie immer klar und ruhig waren, eine Weile fragend auf Siegbert ruhen.

Siegbert's blick füllte sich mit Tränen.

Ich weiss es, Rudhard, sagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung. Ich habe einen Auftrag zu einer künstlerischen Aufgabe empfangen, die mich vorläufig auf einige Wochen von hier entfernen wird. Sagen Sie den Damen Ihres Hauses, den lieben Kindern, ein herzliches Lebewohl!

Rudhard drückte die Hand des jungen Mannes und sprach nur das einzige:

Ich danke Ihnen dafür, Wildungen! Es war Ihrer würdig. Wir sehen uns wieder.

Siegbert wandte sich und Rudhard ging langsam zum Palais des Fürsten.

Als Siegbert zu seinen Begleitern zurück wollte, waren sie etwas vorausgegangen. Er konnte so noch Zeit finden, sich zu sammeln und die Tränen zu dämmen, die fast übermächtig in seine Augen schossen.

Louis und Dankmar standen an einer Strassenecke, wo sie sich zu trennen hatten. Siegbert überraschte die Freunde durch den Entschluss, nach Schönau zu gehen und den künstlerischen Vorschlag Gelbsattel's, den er erzählte, für den Sommer schon jetzt in Angriff zu nehmen. Auch Dankmar, der ihn fragend fixirte, sprach von der Möglichkeit, dass ihn die Entscheidung der ersten Instanz seines Processes zwingen würde, nach Angerode zu reisen.

Dann wünscht' ich vorläufig, dass wir den Process verloren hätten, sagte Siegbert. Der Mutter wegenmein ganzes Herz fliegt ihr zu.

Louis, erschreckend, dass beide Brüder entschlossen waren, die Residenz zu verlassen, hoffte, sie wenigstens noch zu sehen, ehe sie reisten.

Siegbert wollte sich eben seinem Atelier, Dankmar dem Gerichtshofe, Louis seiner Werkstätte zuwenden, als ein Wagen an ihnen vorüberrasselte und sie aus dem Schlage gegrüsst wurden.

Es war Egon, der mit zwei Bedienten in voller Gala zum König fuhr.

Es schlug zehn von den Kirchtürmen.

Die Freunde trennten sich. Egon, der sich von einer Scene mit der Gräfin losgerissen haben musste, hatte furchtbar ernst ausgesehen.

Dreizehntes Capitel

Eine Entscheidung

Es war gegen zehn Uhr Abends.

Die Lampe brannte düster in einem Zimmer, dessen

grünseidene Fenstervorhänge tief herabgelassen waren. Im Kamin glühte noch etwas die eben verkohlende Asche. Draussen jagten Carrossen. Die Teater sind beendet. Die grossen Gesellschaften füllen sich. Auch Volksmassen tummelten sich noch. Man hörte an dem lebhaften Sprechen der Vorübergehenden, das von unten herauf scholl, wie die Gemüter erregt waren. Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre hörbar, das hören wollte und konnte.

Helene d'Azimont, die zu diesen nicht gehörte, lag

ausgestreckt auf einer Chaise-longue, die in die Nähe des Kamins gerückt war. Das Zimmer war fast überhitzt. Sie fror. Eingehüllt in einen grossen Shawl konnte sie sich nicht erwärmen. Ihre hände fröstelten. So zitterte das Kinn, dass sie laut stammelte. Diener und Kammermädchen hatte sie abgewiesen. Sie wollte keine hülfe, sie erwartete den Tod.

Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so.

Sie war nach haus gekommen, aus dem Wagen

mehr gesunken, als gestiegen und hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen. Die Mädchen entkleideten sie, was auf ihren stummen Wink geschah. Man wollte zum arzt schicken. Sie hatte es heftig ablehnend untersagt.

Wer an der Tür lauschte, hörte sie oft laut schluchzen. Dann lachte sie wie wahnsinnig, dann weinte sie wieder.

Von einer Nahrung, die sie zu sich nahm, war keine Rede. Sie schüttelte nur, todtenblass, ihr entstelltes, von Tränen fast ungleich gefärbtes Antlitz.

Meldungen, sogar diejenigen, die Besuche von Rafflard, von Heinrichson ankündigten, wurden abgelehnt. Sie lag halb erstarrt. Ihr Kopf wühlte sich in ein Kissen, das von Tränen schon durchnässt war