zweiten die Gewerbfreiheit sitzen. Ich lasse nicht nach Ständen, Städten, Census und ähnlichen Unterscheidungen wählen, sondern in die erste kammer nach den speziellen Tätigkeitsbranchen des Lebens, in die zweite nach dem öffentlichen Bedürfniss. Es ist möglich, dass in meiner zweiten kammer Fürsten und Grafen, in meiner ersten Blousenmänner sitzen.
Das kommt auf Eins heraus, fiel Dankmar lächelnd ein. Man würde diese Einrichtung allenfalls bei hof und in Petersburg als einen Druckfehler entschuldigen können ...
Doch nicht, lieber Freund, sagte Egon, sich bekämpfend. Das Wahlprincip der zweiten kammer fass' ich numerisch. Das Publikum ist unbeschränkt. Nur einige Modificationen mit Ansiedlung und Bürgerrecht, sonst ist jedes Staatsglied Wähler. In die erste kammer setz' ich Die, die die Träger des Staates sind, die fleissigen hände. Erschrickt der Hof vor Pairs, die keine Glaçeehandschuhe tragen, so ist die Zeit dieser Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern zurück, um das Chaos zu beobachten, bis unsre Zeit gekommen ist.
Louis und Siegbert waren von diesen Auseinandersetzungen überrascht und freuten sich der noch immer so stark in ihrem hochgestellten, nun zu so glänzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volkstümlichen Einflüsse.
Dankmar aber äusserte sich entschieden zweifelnd und bemerkte:
Ich habe, mein verehrter Freund, seit ich dich kennen lernte und du mir einst sagtest, unter diesen Spiegeln und Kronenleuchtern würde' ich einmal noch in dein tiefstes Innere blicken, nie anders von dir gedacht als bedeutend und gross. Etwas Gewöhnliches wirst du niemals bieten. Allein ich fürchte sehr, dass sich bei dir eine alte Erfahrung bestätigt. Die Richtung der Zeit ist wie der reissende Strom eines Flusses, der aus einer seeartigen Breite plötzlich in engere Ufer tritt. Man wird fortgerissen. Die Zeit lässt sich durch einen Einzelnen nur in den seltensten Fällen bestimmen. Diese Begriffe von Links und Rechts, von Liberal und Conservativ sind in der Tat furchtbar einseitig, und jeder geistreiche Kopf, der positiv denkt und nicht von einer blossen Manie der Neuerung getrieben wird, leidet unter der gegenseitigen Ausschliesslichkeit dieser Antitesen; allein diese Antitesen sind einmal die grössten Tyrannen unsrer Zeit. Man glaubt, sie beherrscht, ihre Klippen vermieden zu haben, und scheitert an ihnen. Die Umstände zwängen uns immer wieder in die alten Schattirungen: Schwarz oder Weiss! Licht oder Schatten! Und sieh! Wenn ich mir dächte ...
Dankmar sprach nicht weiter; denn sie wurden unterbrochen. Einer der Bedienten brachte dem jungen Fürsten, den die Äusserung Dankmar's von dem blick in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieses Pavillons ernster gestimmt hatte, ein zierliches Billet. Über der Metode, Briefe auf silbernen Tellern zu überreichen, hatte Egon früher selbst gelacht. Heute fand diese Abgabe ganz in dieser komischen Form statt.
Egon erbrach das Billet und schien zerstreut, verstimmt.
Die Gräfin sind selbst da! sagte der Bediente.
Nein! Nein! rief Egon. Ich bin unter meinen Freunden.
Ich sagte es ...
Ich fahre zum König.
Eben deshalb, sagte die Gräfin.
O Gott! O Gott! schrie Egon auf. Er begleitete diesen Ruf mit Gebehrden wie ein wildes verwundetes Tier.
Er sprang auf und warf das Billet den Freunden hin, dass sie es lesen sollten.
Entschuldigt mich! sagte er. Lebt wohl!
Damit verschwand er, noch die Serviette in der Hand, die er zornig zerknitterte und unterwegs mitten in der grossen Rotunde von sich warf.
Die plötzlich verlassenen Freunde ahnten, dass ihn die Gräfin d'Azimont abgerufen hatte.
Siegbert, dem das Billet am nächsten lag, nahm Anstand, es zu lesen.
Auch Louis meinte, er könnte nichts hören, was von dieser Hand käme.
Dankmar fand es wenigstens nicht erlaubt, das Briefchen liegen zu lassen.
Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freundschaft, den wir noch von Egon empfingen, nicht ehrend entgegen nehmen? sagte er.
Die drei Freunde schwiegen erschüttert. Sie traten in die grosse Rotunde. Das von oben herabfallende Licht erhellte den Raum hinlänglich, um die kleinen zarten Schriftzüge lesen zu können. Sie lauteten:
"Ich sterbe! Du wühlst den Dolch in meiner Brust! Zertritt mich ganz! Sage mir nur, dass ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe. Dann ist's doch aus! Aus! O Gott, schenke mir Wahnsinn! Tod oder Wahnsinn! Egon, ich beschwöre dich ... sei Mensch! Entsetzlicher! Foltre mich nicht! Lass mich sterben! Morde mich! Nur Entschiedenheit! Erlösung, Licht, mindestens die Freiheit des Todes!"
Die drei Freunde sahen sich entsetzt an.
Sie fühlten, dass Dies der Verzweiflungsschrei einer Frau war, die ihr Alles an Egon gesetzt hatte und wahrscheinlich fühlte, dass sie ihm von keinem Werte mehr war.
Die Genugtuung für Louis Armand hätte damit vollständig erreicht sein können, wenn sein fühlendes Herz eines so kalten Triumphes fähig gewesen wäre.
arme Louison, sprach er, du hast nicht gewollt, dass der Genius der Liebe so dein Andenken rächt!
Und doch, sagte Siegbert, den diese Worte der Schwester Adelen's tief in's Herz schnitten, doch ist Egon vielleicht unglücklicher als Helene! Ein Weib geliebt haben und heraussein aus dem magnetischen Rapport, der in ihr noch voll und glühend nachwirkt, während man selbst erkältet, übersättigt ist ... Das ist Qual! Man will nicht verwunden, man will nicht lügen ...