1850_Gutzkow_030_57.txt

eigentlichen Zweck seiner Reise erstattete und den Schrein erwähnte, den er in Hohenberg verloren und dort suchen wollte, unterbrach ihn der Fremde mit den Worten:

Einen Schrein? etwa von drei Fuss Länge?

Wie? fragte Dankmar gespannt; allerdings ... etwa drei Fuss Länge ...

Eiserne Bänder an dem Deckel?

Wohl! Und am Boden ...

Zwei Fuss breit mit ausgefelgten Rändern?

Zierlich geschnitzt ...

Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz ...

Himmel, wo haben Sie diesen Schrein gesehen? Er ist es!

Wo hab' ich ihn gesehen! fragte sich der Fremde selbst. Besinn' ich mich wohl, wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel!

Ich beschwöre Sie, rief Dankmar, forschen Sie in Ihrem Gedächtniss. Die wichtigsten Angelegenheiten knüpfen sich für mich an diesen Schrein.

Das Kreuz hatte nicht die gewöhnliche längliche Form der Kirche ...

Doch! doch!

Es war ein Malteserkreuz!

Ähnlich!

Ganz recht! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattförmigen Rundungen.

Das ist er!

Dankmar war wie auf glühenden Kohlen. Das Pferd hielt er an, da der Fremde ohnehin gewünscht hatte, aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen zu dürfen. Endlich, als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden Hand ergriffen hatte, rief Dieser aus:

Ich weiss es. Den Schrein sah ich gestern Abend im

hof des Heidekrugs auf Schlurck's Wagen.

Auf Schlurck's ...? wiederholte Dankmar und stock

te.

Auf Schlurck's Wagen, versicherte der Fremde, der

sich ihm in diesem Augenblick in einen Boten des himmels verwandelte; es war nach vier Uhr. Es dämmerte aber noch sternhell, als ich im Heidekrug ankam. Anfangs wollt' ich die Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern. Da sah ich im Hof einen Reisewagen stehen, leicht bepackt, elegant. Der Kutscher zündete die beiden Laternen an, als wollte er weiterfahren. Der Wagenschlag hatte eine Chiffre, die mich fesselte. Ich blieb in der Nähe stehen. Ich sah dem Kutscher zu, wie er die Laternen befestigte. Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies und Jenes. Unter seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert. Er riss es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an. Einen in der Vache liegenden Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen. Bei der gelegenheit sah ich deutlich jenen Schrein, der mir wegen seiner altertümlichen Form und des auf ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes, da der Deckel zur Seite lag, auffiel. Ich würde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben, wenn mir nicht das verwischte fürstlich Hohenberg'sche Wappen an dem Schlage und das frisch und lebhaft darunter aufgetragene F.S. aufgefallen wäre. Ich fragte, wem die Kalesche gehörte. Es hiess: Dem Justizrat Schlurck. Ein lebhaftes Interesse, das ich an diesem Namen nehmen muss, veranlasste mich zu bleiben und hinaufzusteigen in den Saal, wo Sie mich später fanden. Unten rief mich der Kutscher, ein brutaler Mensch, als ich ihm zusah, wie er den Schrein mit frischem Stroh umwand, mit groben Worten an. Ich gedachte meiner Blouse, blieb demütig und machte die Bekanntschaft Schlurck's, der mir für mein Leben ebenso wichtig ist, als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann.

Und auf wessen zeugnis, fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude, auf wessen Namen kann ich mich berufen, wenn ich von Schlurck mein Eigentum zurückfodern werde?

Muss Dies sein? sagte der Fremde zögernd und stieg von dem Wagen herab, während Dankmar die Zügel stark, aber auch den Fremden sanft festielt.

Dass Sie der Tischler nicht sind, sagte er dabei, der Tischler, für den Sie sich ausgaben, ist gewiss. Sie müssen mir das zeugnis ausstellen, dass ich discret war und nicht in Ihr geheimnis drang. Aber jetzt durch Ihre mir ewig dankenswerte Entdeckung wird es mir zur Pflicht, Sie um Ihren Namen zu bitten; denn ich weiss nicht, es ist mir, als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf haben werde. Schlurck ist ein Mann, der mir vorkommt, als könnte man ohne Zeugen und Process kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten.

Wie der Fremde noch zögerte und mit verlegenem Lächeln sich wegen seines Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien, griff Dankmar, der nicht ohne Grund das Beispiel vom Taschentuche gewählt hatte, rasch in seinen Frack und langte das dem Fremden gehörende Tuch hervor:

Hier! sagte er, dieser Verlust muss uns näherbringen.

Mein Taschentuch! bemerkte der Fremde.

Ihr Taschentuch? Wirklich das Ihrige? Das eingestickte Zeichen ... die Krone? E. und die Zahl 100? Wohlan, mein Herr! Ich will Ihnen das geständnis erleichtern. Tauschen wir unsere Karten?

Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und überreichte dem Fremden seine Karte.

Dankmar Wildungen, sagte er, indem der Fremde seine Karte las; Dankmar Wildungen, ein obscurer, junger Mensch, Prätendent des Glücks, wo er es findet, ein junger Jurist, Bürger kommender Jahrhunderte, ein Posa, den König Philipp mit dem entschuldigenden Titel: Sonderbarer Schwärmer! entlassen haben würde, wenn er gerade in der Laune gewesen wäre, einmal von seinen Autosdafé sich auszuruhen.

Nun denn, Sie junger, lieber Malteser! sagte der Fremde, so will ich Ihr Carlos sein; unter der Bedingung, dass Sie feierlichst geloben, mich nicht