1850_Gutzkow_030_569.txt

zu unscheinbaren Fenster waren durch ein zweites Fenster verdeckt, das von innen vorgebogen werden konnte, ein Fenster von mattgeschliffenem Milchglase mit eingefugten Litophanieen. Die Sessel waren ausserordentlich bequem mit Lehnen von blau- und weissgestreiften Gurten. Von derselben Farbe waren ringsum Ottomanen. Ein Gemälde an der Wand erwies sich alsbald als Flötenuhr und spielte mit reingestimmtem Glokkenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel. Der einfachere Charakter dieses kleinen Cabinets entsprach seiner Bestimmung; denn in einem Esszimmer sollen die Sinne des Auges nicht durch eine überladene Staffage zerstreut werden.

Egon machte den Wirt mit gewohnter Freundlichkeit.

drei galonnirte Diener, schon in Bereitschaft mit nach hof zu fahren, servirten in weissen Handschuhen. Es war ein Ton in das Hauswesen gekommen, gegen den Egon früher selbst protestirt hatte und der sich nun seit etwa vierzehn Tagen von selbst verstand.

Seine Gäste assen nur wenig. Sie machten sich Vorwürfe, ihn jetzt, wo er seine Gedanken zusammenzufassen hätte, noch aufzuhalten. Dankmar fragte ihn sogar, ob er das Programm schon fertig hätte ...

Seit Jahren denke' ich darüber nach und schrieb es in zehn Minuten nieder! erwiderte Egon.

Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren?

Ich werde dem hof Bedingungen stellen, die er niemals eingehen kann. Denn leider haben diese bedrängten Machtaber schon eine solche Furcht, von der Sprache unsrer Tage abzuweichen, dass sie eher die Richtung, die sie selber fürchten, an's Ruder bringen als etwas Neues zu versuchen.

Dies vortreffliche Dejeuner, bemerkte Dankmar sarkastisch, ist wenigstens Bürgschaft, dass du keine so spartanischen Vorschläge machen wirst, wie ich zuweilen deinen Ideen abgelauscht habe. Welche Rolle wird denn in diesem Programm die vielbesprochene Arbeit spielen?

Dieselbe Arbeit, sagte Egon mit ruhigem Ernst, die ich immer pries, wird auch in meinem Programm die Hauptrolle haben. Ich kenne nur den Staat der Pflichten. Einer Zeit gegenüber, die nur ewig von den Rechten der Menschheit träumt, muss man es offen aussprechen, dass die Pflichten es sind, deren gewissenhafte Erfüllung allein die Rechte gewährleistet. Wenn Alles von seinen Rechten spricht, wo bleiben die Pflichten? Nur da, wo Jeder bereit ist, zu geben, was er geben muss, nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches ermöglicht werden. Das, was uns überliefert ist, ist des Menschen erste Lebensbedingung. Ich bin der Tor nicht, der da auftreten und das Unrecht deshalb verteidigen wird, weil es überliefert ist. Dem Unrecht als solchem dien' ich nicht. Aber auch in dem überlieferten Unrecht liegt eine Menschenpflicht und ein Menschenrecht. Die Tradition ist die Aufgabe, die wir friedlich lösen sollen. Die Tradition ist das Chaos, das wir zu lichten, der Knoten, den wir zu entwirren haben. Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle diese Schwierigkeiten durchhauen? Ich verlange, dass man das Leben reformirt nach einer überlieferten Gestaltung, d.h. die Metode des neuen Lebens muss das Leben selber sein. Ich werde Jedem, der trotzig von seinem Rechte spricht, auch eine Pflicht entgegenhalten, dem Armen, wie dem Reichen, dem Niedrigen und dem Vornehmen.

Ich fürchte, bemerkte Dankmar unerschütterlich, dass diese Grundsätze dem hof und den kleinen Cirkeln, die am Ende doch Alles regieren, zu allgemein sein werden. Man wird ganz einfach den Verfassungsentwurf der frühern radikalen Ministerien nehmen und dich fragen, was du mit ihm zu tun gedenkst?

Ich bin auch darauf gefasst, sagte Egon. Ich nehme diesen Verfassungsentwurf nicht an. Ich erkläre, ihn nicht verteidigen zu können. Ich habe die Vorstellung von einer andern Urkunde unsres gesellschaftlichen Paktes. Von unten herauf, vom Zweck der gesitteten Gesellschaft aus, muss der Aufbau vollendet werden.

Damit wirst du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen, bemerkte Dankmar fast erschrocken über diese Kühnheit. Diese wollen nur einen überlieferten historischen Staat, der in die traurige Lage gekommen ist, zu den schon berechtigten Gewalten eine neue Berechtigung, das Volk, mit hinzuzulassen. Man streitet dort nur über das Mass von Freiheiten, das man an die neuen stürmischen Dränger abzulassen gedenkt. Wenn du von der Überflüssigkeit z.B. einer ersten kammer sprächest, würdest du sogleich bemerken, dass alle Hofdamen, die Euer Gespräch belauschen dürften, die Nase rümpfen werden.

Ich bin für eine erste kammer, sagte Egon.

In der Tat? bemerkten erstaunt die Freunde.

Jede Frage verlangt eine doppelte Erwägung. Prometeus und Epimeteus, Das ist eine alte Wahrheit. Aber ich verwerfe das nur geschichtliche Element, das die erste kammer bilden soll. Ich verlange von der Gesetzgebung zwei Instanzen. Die eine soll die der Interessen, die andere die der allgemeinen Freiheit sein. Um ein Beispiel zu geben, würde' ich gleichsam in die erste kammer die Meister, in die zweite die Gesellen bringen. Unser ganzes Wirken ist aus den Faktoren des Besitzes und Erwerbes, des Stabilen und des Strebsamen zusammengesetzt. Ich verachte die Stabilität der Beamtenwelt, des Geldsackes, selbst die der Geburt einzelner vornehmer Geschlechter. Ich erkenne nur die Arbeit als das Princip des Staates an, schliesse das Kapital als arbeitende Potenz, eine Lüge, völlig aus, anerkenne nirgendwo die tote Hand, auch die tote Hand des Besitzes nicht, ich anerkenne nur die lebendige, individuelle Arbeit. Meine erste kammer besteht aus den Bevollmächtigten der positiven Interessen der einzelnen Arbeitsbranchen des Lebens, meine zweite aus den Bevollmächtigten gleichsam des arbeitgebenden Publikums. In der ersten wird gleichsam der Zunftzwang, in der