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. In einer Zeit des Handelns ist Niemand überflüssiger als Der, der ewig nur rät und lehrt. Aber kommt! kommt! Es ist bald neun Uhr! Wir gehen in den Pavillon!

Durch mehre Zimmer, Cabinete, einen Corridor und dann eine kleine Wendeltreppe herab führte Egon die Freunde nach jenem geheimnissvollen Pavillon seines Vaters. Niemals hatte er gern von diesem Orte gesprochen, die Freunde niemals veranlasst, ihn zu besuchen. Heute sprach er von ihm wie von einer seiner gewöhnlichen Retraiten. Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklommenen Stimmung. Sie fühlten, es war zwischen ihnen und dem jungen Fürsten nicht mehr wie sonst. Die Unbefangenheit fehlte, der Duft des Verhältnisses war verflogen. Sie fühlten, dass er ihnen nicht wehtun, sie in ihren grundsätzen nicht verletzen wollte, und nichts verletzte sie doch mehr, als gerade, dass sie sahen, wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tiefern Bruch zwischen ihnen zu verdecken suchte. Siegbert hatte noch den meisten Glauben, oder er fühlte in Dem, was ihn sonst drückte, nicht den Zwang dieser Scenen, denen er doch nur halb beiwohnte. Seine Phantasie weilte bei Olga, bei der Vorstellung, wie er ihr nun heute begegnen, ihr in's Auge sehen sollte! Louis war erschüttert. Dankmar verstimmt. Er stand sogar einige male auf der Wanderung nach dem Pavillon still, als ob er sich besänne, zu folgen und nicht besser täte, sich heimlich zu entfernen.

Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter sich. Ein Bedienter, der an ihrem fuss harrte, stiess zwei Torflügel auf, die in ein Vestibül führten, das rings mit Blumen geschmückt war. Zwei Victorien von Bronze hielten den Eintretenden Kränze entgegen. Der Fussboden war mit bunten, dichtwollenen Teppichen belegt. Hinter den Victorien rauschte ein Vorhang auf von schwerem, rotem Sammet. Man befand sich in einer Rotunde. Rings an den Wänden Spiegel mit Goldleisten und neben ihnen Candelaber. An den Wänden eine einzige Ottomane rundum, unterbrochen nur von den Eingängen in kleine durch Vorhänge unterschiedene Cabinete.

Als sie über die schweren Teppiche hinschritten, sagte Egon:

Ich entsinne mich, dass Ihr zum ersten male hier seid! Seht da die Erfindungsgabe meines Vaters! Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen sich kleine allerliebste Gemächer. Über jedem ist in Wachsmalerei angegeben, wozu die Bestimmung der Gemächer dienen soll. Hier über dem Vorhang der erschöpfte Mars. Amor nimmt ihm die Waffen ab. Es ist das Entrée eines Badezimmers, das sich hier nebenan befindet. Die badende Nymphe macht es kenntlich. Daneben sitzt Pan und bläst auf seiner Flöte, während Tritonen aus Hörnern Wasserstrahlen spritzen. Ich weiss nicht, welche Tändeleien für das dritte Cabinet bestimmt waren. Über jenes vierte seht Ihr Hebe mit der Kanne und einem Teller schweben. Wahrscheinlich ist in der Kanne Nektar und auf der Schale Ambrosia. Soviel weiss ich, dass in diesem vierten Cabinet vortrefflich gespeist worden ist und sich die Ambrosia als die Praxis eines guten Pariser Kochs zu erkennen gab. In dem fünften waltete die Nachmittagsruhe. Es ist das Cabinet der türkischen Pfeifen. Der talentvolle Künstler, der diese Medaillons über die Türen malte, muss in Verlegenheit gewesen sein, die türkischen Pfeifen in den Kreis seiner mytologischen Allegorieen einzuführen und doch hat er sich sehr artig geholfen. Seht die drei schönen Mädchen, die über einem toten von Flammenglut umgebenen Knaben weinen und die hände ausstrekken. Sie verwandeln sich eben in Pappeln und die Tränen, die ihnen entfallen, flimmern von dem gelben Schein des Knaben gelb ...

Recht geschickt! sagte Siegbert. Der gelbe Knabe ist der soeben von der Sonne herabgestürzte Phaeton. Die Schwestern beweinen seinen Fall und verwandeln sich in Pappeln. Ihre Tränen, die in dem gelben Scheine des versengten von der Lichtmaterie des Sonnenballs gedörrten Phaeton gelb erscheinen, sind der Bernstein.

Richtig, fuhr Egon fort und diese Sage vom Ursprung des Bernsteins passt in der Tat für ein Cabinet mit türkischen Pfeifen, deren Spitzen von Bernstein sind. Ich kenne den Maler nicht.

Es ist unser herrlicher Berg selbst, sagte Siegbert, der diese Wachsmalereien fertigte. Sie sind berühmt.

Ich bekomme Ehrfurcht vor dem Geschmack meines Vaters, des alten Haudegens. Seht da, das sechste Cabinet hat als Medaillon eine Nymphe, die sich im wasser spiegelt und sich dabei selber kopirt, mit einer Stecknadel nämlich auf einem grossen Feigenblatt, das ihr ein Satyr hinreicht. Seht den Satyr mit dem Feigenzweig! Wie zierlich und schalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt! In diesem Cabinet sind Bildersammlungen, die ich Euch nicht zeigen mag. Und hier im siebenten und letzten Cabinet befindet sich sogar eine Bibliotek verbotener Bücher. Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in diesem Fache der Literatur, das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte: Ein Faun sitzt und lehrt Amor schreiben. Der kleine Junge weint, weil die Feder vielleicht kritzelt oder ihm die Mühe zu sauer wird. Der Faun liest behaglich, was Amor geschrieben hat. Die beiden Tauben, die sich über dem Busch, wo die Schulscene passirt, schnäbeln, drücken das Tema der hier gesammelten wilden Literatur aus.

Inzwischen waren die Diener gekommen und hatten in das vierte Cabinet silberne Schüsseln, Körbe, Servirbreter, Flaschen getragen. Der Kammerdiener schlug den Vorhang zurück. Egon forderte die Freunde auf einzutreten.

Ein zierliches, behagliches Gemach umfing sie. Die kleine gedeckte Tafel in der Mitte widerstrahlte von Krystall und Silberzeug. Die nach aussen