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Seite gelegt, und hoffe, sie mit der Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder einhändigen zu können. Es war dies eine Artigkeit gewesen, durch die Egon zu Nichts verpflichtet wurde. Sie galt seinem stand und gehörte fast zur Etikette einer solchen Präsentation.

Ich bin zum König gerufen, sagte Egon und begrüsste die Freunde wie sonst durch den alten Handschlag. Was habt Ihr beschlossen? Ich höre nichts mehr von Euren Plänen! Ihr feiert Weinlesen, seht Schwärmer prasseln, macht schönen Mädchen den Hof, während ich Armer den Dunst unsrer schlechten Ölbeleuchtung in der kammer einatmen muss. Siegbert, wie geht es der kleinen Olga? Ihr Glücklichen! Sie und du, Dankmar ... was seid Ihr beneidenswert! Die eine Hälfte der schönen Welt spekulirt auf Eure Million und die andere tröstet sich, wenn es nichts damit ist, doch wenigstens mit zwei liebenswürdigen Männern kokettirt zu haben! Und Louis hat auch seine stillen Freuden und sieht lyrisch aus! Ich wette, er wetteifert schon wieder mit Béranger und Lamartine. Ihr seid nicht aufrichtig, Alle, Alle seid Ihr's nicht!

Vor dem neuen Minister des inneren, bemerkte Dankmar, wird man bald keine Geheimnisse mehr haben.

Egon blickte auf Dankmar mit einem eigentümlichen, sichern, lächelnden blick.

Glaubst du, sagte er nach einer Pause, glaubst du, lieber Freund, dass ich deshalb, weil ich gestern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte, nun auch gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde?

Es ist gefährlich, eigene Grillen zu haben, bemerkte Dankmar mit kalter Ruhe. Wenn man sich von seinen Freunden trennt, werden die Feinde der Freunde immer glauben, einen Verbündeten zu haben.

Und sie werden sich täuschen in diesem Glauben, lieber Dankmar, sagte Egon ruhig. Ich glaube in der Tat, dass man die Absicht hat, mir heute um zehn Uhr im schloss ein Portefeuille anzubieten. Ich werde ein Programm stellen. Erlaubt man mir nach diesem Programm zu regieren, so werde' ich das Portefeuille annehmen!

Die Lage des Hofes, erwiderte Dankmar, ist nicht von der Art, ein Programm, wie du es mit Ehren nur stellen kannst, annehmen zu können.

Dies Wort verletzte Egon sichtlich. Doch behielt er seine Mienen in der Gewalt und fragte Siegbert und Louis, ob sie gemeinschaftlich frühstücken wollten?

Ich habe, sagte er launig, den Keller meines Vaters revidirt und gefunden, dass da unten viel Poesie versteckt lag. Wie ich die Etiketten las: Alicante, Xeres, Marsala, welche Vorstellungen weckt Das! Man fühlt sich in die Gegenden versetzt, wo diese gekelterten Trauben einst am Stocke hingen, man sieht das Ultramarin des südlichen himmels, man hört die Woge des Meeres an den hohen steinigten Ufern branden und streckt sich unter Palmen- und Olivenbäumen hin und träumt dolce far niente.

Damit klingelte Egon und bestellte ein Frühstück.

Unten im Pavillon, sagte er. Aber rasch! rasch! Bringt, was Ihr zur Hand habt und Alicante und Xeres!

Der Kammerdiener flog.

Ich kann mir denken, sagte Egon, dass Euch meine gestrige Abstimmung überrascht hat. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich muss so reden, wie ich fühle. Tretet nur einmal in eine dieser Vorberatungen der Parteien, hört diese blinde, tolle, sich überstürzende Hast der Menschen, die die Parole austeilen, ich wette, Ihr haltet es mit aller Eurer Überzeugung von der notwendigkeit, Partei halten zu müssen, nicht drei Tage aus. Ich hielt es vierzehn Tage aus. Aus der Partei der Linken bin ich ausgetreten.

Und welcher Seite des Centrums schliessest du dich an? fragte Dankmar.

An keine.

Nicht einmal an den Club Justus? sagte Dankmar immer erregter.

An diesen am wenigsten, antwortete Egon. Was soll ich dasitzen und dies Durcheinander der Intriguen hören! Alles soll Taktik und immer Taktik sein, an die Tatsachen denkt Niemand. Sie sitzen und zählen Stimmen. Immer ist Einer unterwegs, der bald zu der, bald zu jener kleinen Fraktion läuft und ein Compromiss beantragt: gebt uns acht Stimmen für Das, so geben wir Euch acht Stimmen für Das ... o pfui, ich habe diese Metode Politik zu treiben satt. Es ist ein kleiner Schacher, kein grosser Handelsgeist, der dort herrscht. Ich will von heute an stimmen, wie ich denke.

Die Freunde konnten diesen Entschluss eigentlich doch nur billigen, befürchteten aber, dass sich Egon isoliren würde.

Nein, sagte Egon, es gibt Männer genug in der kammer, die unter dem Druck der vorlauten Intrigue seufzen. Sie Alle sehnen sich nach Befreiung. Sie werden sich mit Freuden unter dem Banner schaaren, das irgend ein Retter der gesunden Vernunft aufsteckt. Ob ich dieser Retter sein werde, weiss ich nicht! Will man sich mir anschliessen, wohlan, da ist meine Hand! Aufsuchen werde' ich Niemand!

Aristokratisch oder bequem? fragte Dankmar mit feinem Lächeln.

Egon schien an dieser Alternative keinen Anstoss zu nehmen. Im Gegenteil sagte er:

Entsinnst du dich unsres ersten Gespräches im wald hinter dem Heidekrug?

Wohl! sagte Dankmar. Damals trugst du eine Blouse.

Allerdings würde ich jetzt dieselben Ansichten, von einem Fürsten in gesterntem Fracke vorgetragen, vorsichtiger auffassen. Du protegirst die Zeitung: das Jahrhundert. Man nennt den Ton derselben doctrinair. Die Doctrinaire sind die Aristokraten der idee.

Beruhige dich, Freund, erwiderte Egon, ich werde auch nicht mit den Professoren stimmen