1850_Gutzkow_030_565.txt

sogleich lieber selbst ginge? sagte Siegbert und wiederholte einige Stellen aus dem Briefe der Mutter, die ihm ganz besonders bedenklich schienen. Du weisst, dass sie nicht zu Denen gehört, die von sich selbst viel Aufhebens machen.

Sie beschlossen bei dieser gelegenheit, die Mutter, wenn das Trauerjahr im Pfarrhause vorüber wäre, zu sich in die Residenz zu nehmen, wobei sie sich freilich nicht verschweigen konnten, dass sie ungern ihren Bitten nachgeben und den Aufentalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen würde.

Auch Siegbert hatte sich angekleidet. Beide Brüder waren im Begriff auszugehen. Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort länger zu arbeiten, als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war. Dankmar dagegen wollte aufs Gericht, um zu hören, ob der richterliche Senat die, wie er schon wusste, ihm ungünstige Entscheidung des Referenten bestätigt hätte. Es lag ihm daran, die genauere Ausführung des Urteils zu hören und sich vorbereiten zu können, in zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln.

Wie sie aus dem haus traten, sahen sie Louis Armand hastig die Strasse daher kommen. Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt es in die Höhe.

Louis brachte die neueste Nummer des "Jahrhunderts", das seit einiger Zeit auch in einer Morgenausgabe erschien.

Egonfing er stammelnd an, ohne weiter sprechen zu könnenEgon

Die Brüder staunten über seine Erregung.

Das Ministerium hat abgedankt. Es hatte eine Differenz von funfzehn Stimmen gegen sich.

Aber der Fürst? fragte Siegbert.

Stimmte mit der Minorität, sagte Louis.

Ministeriell?

Mehr als ministeriell! Lesen Sie seine Motivirung!

Man trat in die offene Flur des nächsten Hauses, breitete die Zeitung auseinander und las:

"Fürst Hohenberg. Meine Herren, Sie wollen in dies Haus eine Ordnung einführen, die eine Tyrannei ist und allen Gesetzen des Anstandes widerspricht. Ich billige vollkommen, wenn Sie sagen, in diesem haus wären Sie die Herren und die Herren Minister nur Ihre Gäste; ich teile durchaus nicht die Ansicht der Herren Minister, denen dies verhältnis umzukehren beliebt. Allein, wer sich vorgesetzt hat, nur seinen eigensten Überzeugungen zu folgen, wird unfähig sein, sich in dieser Frage auf irgend einen Parteistandpunkt zu stellen. Die Minister haben Tatsachen zu vertreten, während Sie nur Meinungen. Ein Minister kann in jedem Augenblick in der Lage sein, einen neuen Brennstoff in die Debatte zu werfen ...

Eine stimme. Öl in's Feuer!

Fürst Hohenberg. Wohl! Mein Herr! Öl in's Feuer! Dass es lodere, dass es flamme, dass die Wahrheit heller erkannt werde! Und wenn hier ein Minister des Absolutismus oder ein Minister in der Blouse stünde, er müsste das Recht haben, die furchtbare und leider meist unwiderstehliche Kraft der ihm anvertrauten Tatsachen zu vertreten, zu geschweigen, meine Herren, dass die einfachsten gesetz des Anstandes Demjenigen, den man bei sich eingeladen hat, das letzte Wort zuzugestehen. Ich stimme gegen den Antrag der Commission. (Bewegung. Bravo. Zischen.)"

Es ist acht Uhr, sagte Dankmar, nach einem Augenblick des Erstaunens rasch auflodernd, wollen wir Egon besuchen?

Ich muss es tun, sagte Louis; ich hab' ihm versprochen, Bericht zu erstatten von unserm gestrigen Abend, an dem er Anteil zu nehmen schien, als ich ihm davon erzählte. Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann, so sollte es dieser hochherzige! Egon ist ja schon ein Ritter vom geist ... denn Sie sehen, wie er sich vom Buchstaben der Partei lossagt.

Dieser Buchstabe, bemerkte Dankmar auf eine so zweifelnde, schmerzliche Wendung, ist leider in Übergangskrisen, wie wir sie jetzt erleben, der Geist selbst. Wer nicht die Kraft hat, selbst eine Partei zu bilden, muss sich bezwingen, die Zahl Derer, die ihm am verwandtesten denken, durch seine Zustimmung zu vergrössern. Die edelste Aufgabe meines Bundes wird auch die sein, die Kunst zu lehren und zu üben, Majoritäten zu bilden. Wir wollen zu Egon gehen.

Als die Freunde eine Seitengasse einschlugen, bestätigte Louis auf's neue, wieviel Sorgen ihm der hochgestellte Freund mache. Seit vierzehn Tagen schiene er an einem tiefen Kummer zu leiden und wäre nicht mehr der Alte. Leider hätte diese Verstimmung zur Folge, dass er alle seine alten Pläne aufgäbe und nur noch dem Ehrgeize lebe. Louis erzählte von Wiederherstellung eines verwitterten Wappens über seinem Palais, eine Unternehmung, die Siegbert noch mit den Worten entschuldigte: Warum soll er das Wappen vermodern lassen? Entweder musste die steinerne Tafel ganz abgenommen oder restaurirt werden. Aber man hörte von Vermehrung der Bedienung, von neuen Livreen nach englischem Schnitte, von einer verschwenderischen Anwendung des Hohenberg'schen Wappens auf Briefcouverten, Büchern, Tellern, Pferdegeschirren u.s.w. Unsre Freunde gestanden sich, dass die sonst so demütigen Blicke der Diener impertinent geworden waren. Die Wandstabler's, die sich schon anschickten, das Haus zu verlassen, rümpften die Nase, als wollten sie sagen: Unsre Zeit bricht wieder an! Die Art der Anmeldung bei Egon wäre umständlich, complizirt, erkältend, noch ehe man ihn sähe. Er erweise sich herzlich nach wie vor, aber er wäre zerstreut ... oder ein Kummer drücke ihn, den Niemand erraten könne ...

Man war bei dem Tema über Helene d'Azimont angekommen und schwieg. Der Weg zum Palais war noch nicht