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benutzte es nicht, um dem Treulosen zu zeigen: Sieh! Da weckt' ich doch noch neue Flammen!

Siegbert schauderte und blickte fast vernichtet zur Erde. Es war ein zu greller Schatten gewesen, den Dankmar da auf die Menschenseele fallen liess.

Lieber Bruder, sagte Dankmar ruhig und ergriff Siegbert's Hand. Ich wünsche, dass ich mich immer täuschte, wo du anders und gläubiger siehst. Du siehst die Dinge schön und warum sollt' ich nicht wünschen, dass die Menschen gut, ihre Taten schön sind! Aber kannst du leugnen, dass dich die Fürstin Wäsämskoi liebt, dass sie zittert, in deiner Nähe zu sein, dass sie Augen nur hat für dich, dass sie in Zorn gerät, wenn Olga dich eine Weile anblickt? Und du selbst, Siegbert, bist du frei von der Einwirkung dieses eigentümlichen Verhältnisses? Es macht dich unlustig zur Arbeit! Du tändelst deine Zeit so hin! Du beginnst nichts Neues mehr, vollendest nichts Altes! Gestehe nur, dass es in deinem inneren bewegt und bunt genug aussieht.

Siegbert ging im Zimmer auf und ab. Er fühlte nur zu tief die Wahrheit dieser Vorwürfe und widersprach ihnen nicht.

Du hast Recht! sagte er leise und mit feuchten Augen und setzte sich neben den Bruder, das Haupt auf die alte Sophalehne stützend. Du hast Recht! ... Rate mir!

Liebst du die Fürstin? fragte Dankmar.

Siegbert antwortete nicht ... schüttelte aber zuletzt entschieden sein ernstes Haupt.

Und Olga?

Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder.

Du hast vielleicht, fuhr Dankmar, um die drückende Stimmung zu erleichtern, scherzend fort, du hast vielleicht ein Gefühl wie ich gestern. Der Gegensatz reizt, die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt?

Sage mir lieber, unterbrach Siegbert, was du empfindest, seit du weisst, dass der Knabe, der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete, kein Knabe, sondern ein Mädchen ist?

Dankmar sah betroffen auf.

Du bist scharf, erwiderte er nach einer Weile. Ich glaube, wenn ich mich im Spiegel untersuchte, ich würde finden, dass ich errötete. Bin ich rot geworden?

Blass und marmorgelbgraukalt wie immer, sagte Siegbert vorwurfsvoll.

Dann lügt mein Gesicht! antwortete Dankmar. Ich kann mich an meine Freunde im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen. Ich sage gemahnt! Denn, wenn ich ihrer gedenke, ist's nicht Erinnerung nur, sondern wie Vorwurf.

Selma und Olga! sagte Siegbert. Was darf man für so beginnende, noch im grünen Kleide versteckte Knospen fühlen?

Ehrfurcht! sagte Dankmar. Heilige Scheu! Oft versink' ich in ein stilles Grübeln. Ich bin dann im wald von Hohenberg, in der Ferne rauscht die Mühle, der Specht hackt im Baume, die Vögel singen, ich schreite mit Selma durch die junge Eichenschonung. Sie spricht ebenso heiter, so klar, so nachdenkend wie damals, als ich nicht wusste, welch' ein Zauber mich zu ihr zog. Wie mag als Mädchen sein? Ich träume davon. Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke, steht sie vor mir in leichtem weissen Kleide. Sie ist immer um mich. Ich scherze schwesterlich mit ihr. Weisst du unser kleines Schwesterlein? Die holde Mechtild! Wie liebten wir sie! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten, als es im Sarge lag mit Blumen bestreut! Selma ist mir wie Mechtild. Und wenn ich ihrer gedenke, so senken sich alle Spitzen meines Wesens, wie man die Waffen senkt, wenn man sich gefangen gibt. Ich denke dann an Nichts mehr von Dem, was mich so foltert und quält. Unser Streitandel, die Weltlage, die Zeitfragen, die Stiftung des Ordens ... was ist das Alles, wenn ich an Selma denke! Sie kommt dann und nimmt mir Schild und Speer aus der Hand, sie legt das Schwert unter Blumen, entwaffnet mich ganz und sitzt dann auf meinem Schooss und herzt mich und küsst mich, ohne dass die Küsse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer traulich gesprochenen Worte. Selma! Wenn ich sie sehen könnte!

Du liebst sie, Bruder! sagte Siegbert in seine Nähe rückend. Wie kannst du von den Lippen Wilhelminen's von Flottwitz sprechen!

Aber! schaltete Dankmar rasch ein. Selma ist ein Kind, wie es Olga ist. Genug! Wir wollen vernünftig sein.

Er stand auf und wollte, seine Gefühle, wie er immer tat, abschüttelnd, in die "Aula" gehen, als der Postbote eintrat und einen Brief brachte. Er kam von der Mutter. Siegbert las die sonst so feste Handschrift, die ihm heute schwankend schien. Die Mutter wird leidend sein! bemerkte Dankmar erschreckend.

Das verhüte Gott! sagte Siegbert und durchflog die Zeilen.

Sie klagte in der Tat. Auch ihr wollte der Aufentalt in den grossen kalten Räumen des alten Tempelhauses nicht bekommen. Sie sprach von der Rückkehr alter Leiden und beängstigte ihre Söhne so lebhaft, dass Siegbert sich die bittersten Vorwürfe machte.

Was haben Eltern von ihren Kindern, sagte er, wenn diese selbstständig geworden! Jedes Band ist da wie abgeschnitten! Der flügge Vogel ist aus dem Neste und denkt nicht mehr daran, zu den trauernden Alten zurückzukehren.

Dankmar, nicht minder bewegt, kleidete sich an und beruhigte den Bruder, dass es leicht möglich werden könnte, er müsse noch in diesem Herbste nach Angerode.

Ob ich nicht