Hackert!
Sie kommt uns nach! Eilen Sie! Schmelzing, die Polizei erlebt mehr als gewöhnliche andere Menschen. Grauenvoll!
Damit zog Hackert den taumelnden, von der Luft und dem Wein und dem Schrecken an Hand und Fuss zitternden Schmelzing vorwärts. Die Höfe, die sie im Flug durchschritten, widerhallten. Durch einige Durchgänge mussten sie an den Wänden sich streifend. Da und dort ein mattes flackerndes Lämpchen. Sie kamen an die offene Tür des Ratauses, die immer von einer Feuerwache in der Flur, von einer Militairwache am Eingange besetzt war. Die Feuerwächter kannten die beiden neuen Polizeiagenten hinlänglich und liessen sie um so mehr passiren, als sie überdies noch eine geheime Parole sagen konnten.
Nach einer halben Stunde kam ein graues Männchen durch den Hof geschlichen, wandte sich ächzend und stöhnend nicht durch den Torweg auf die Strasse, sondern schlich sich in eine offene Tür, wo eine Stiege zu einem Fenster führte, in dem noch Licht brannte. Dort wohnte der Ratsdiener Spiess, der eine hübsche junge Frau hatte, die an Abenden, wo ihr Mann zu Pfändungen und gerichtlichen Executionen in der nächsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb, immer länger Licht zu haben pflegte als gewöhnlich.
Bartusch, der das geheimnissvolle Wort der Polizei nicht kannte, wäre schwerlich an der Feuer- und Torwache hindurch gekommen. Wir glauben, dass er mit dem Glockenschlag zwölf sich anschicken wird, einen beruhigenden Tee zu trinken, den ihm die Ratsdienerin gewiss mit grösster gefälligkeit kochen wird, da sie und ihr Gemahl diesem guten vielvermögenden Herrn Bartusch einen solchen Posten und hier in dem ehrwürdigen alten rataus die bequemste freie wohnung verdankten.
Zwölftes Capitel
Der Sechste im Bunde
Am Morgen nach diesem ereignissreichen Tage und der ihm folgenden ernsten Nacht finden wir die Brüder Wildungen in einem Gespräch auf dem Sopha der "Akademie".
Die Akademie, wissen wir, ist Siegbert's, die Aula ist Dankmar's Wohnzimmer.
Sie waren trotzdem, dass sie so spät zur Ruhe gegangen waren, früh erwacht. Trotz des Weines, trotz der Reden, trotz der gewaltigsten Aufregung des Geistes fühlten sich die kräftigen jungen Männer nicht angegriffen ...
Nur Siegbert konnte sein inneres Leid nicht verbergen ...
Bist du unzufrieden mit mir, sagte Dankmar, dass ich mich gestern von dem traulichen Beisammensein so erregen liess und so offen mit meinen Träumereien hervortrat? Sage mir nichts Weises darüber! Du kennst meinen Unmut, wenn ich mich des Morgens besinne, dass ich am Abend zu viel sprach, zu exaltirt und zu offenherzig war.
Mein schlimmster moralischer ...
Siegbert stellte eben der Katze der Frau Schievelbein den Rest ihrer Milch an die Erde und ergänzte:
Katzenjammer!
Katzenjammer! Was ist Das nur! fuhr Dankmar fort. Gebrochene Wehmut! Reue, die bei mir die Morgenstunde mehr im mund hat als Gold!
Er legte die Cigarre fort, die ihm nicht schmecken wollte, und spitzte sich Federn zum arbeiten.
Siegbert sprach ihm Mut zu. Er sagte, dass er sich fast gefürchtet hätte, als Dankmar mit seinem kühnen Plane so offen hervorgetreten wäre. Allein die wirkung wäre auf Alle doch die mächtigste gewesen.
Und, setzte er hinzu, es sind doch Das nur gemeine Naturen, die bei nüchterner Stimmung die Entschliessungen nicht wahr haben wollen, die sie in aufgeregten Augenblicken fassten. Nur Die Menschen sind gross und bedeutend, bei denen sich der Morgen erfüllend an den prophetischen Abend knüpft.
Man vereinigte sich nun darüber, dass die Freunde es aufrichtig gemeint hätten in ihrer Zustimmung zu Dankmar's Planen. Selbst Leidenfrost, der ihnen so plötzlich und rührend als Max Brüning Entüllte, wäre ergriffen gewesen und hätte die blanke Revolutionsidee preisgegeben, von der man ohnehin nicht wisse, ob er sie im Ernste oder humoristisch verstehen wollte. Des edlen Werdeck's Augen hätten geglänzt wie zwei funkelnde Sterne ... jetzt in warmer, nicht mehr in kalter Winternacht, setzte Siegbert hinzu. Diese natur, sonst so verschlossen, wäre durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgetaut gewesen und der Händedruck, den er den Freunden gegeben, als sie auf der Strasse schieden, hätte etwas Krampfhaftes, ja tragisch Bedeutendes gehabt. Nur von Louis Armand mussten sie sich eingestehen, dass es ihm schwer wurde, sich von den unmittelbaren Aufforderungen der politischen Sachlage zu trennen und jetzt mehr für die Zukunft wirken zu sollen als für die ihm der dringendsten Beihülfe bedürftig erscheinende Gegenwart. Auch wär' er nach der Erzählung über Jagellona Werdeck plötzlich sonderbar zerstreut gewesen ...
Aber du! Aber du! unterbrach Dankmar. Du kamst ja schon verstimmt und mit Gespensteraugen in die Sitzung ...
Verstimmt nicht; nachdenkend!
Du hast etwas mit Olga gehabt?
Siegbert schwieg.
Wer sah es dem Mädchen nicht an? Diese Fröhlichkeit, als wir schieden! Ihr kamt zum Gesang der Trompetta und der Flottwitz als Nachzügler aus dem dunkeln Garten. Ich sah dir an, dass du zittertest. Olga glühte dagegen und hätte lieber selbst tanzen mögen, als Tänze spielen. Wie sie auf das Klavier schlug, merkt' ich, dass sie die gewaltigste Aufregung zu beherrschen suchte.
Die Situationen sind doch immer unser Fluch!
Aha! Die Raketen waren zerplatzt, die Leuchtkugeln flimmerten noch vor den Augen. Es wurde still. Das Herbstlaub raschelte an den Bäumen. Die Sterne funkelten.
Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln: Himmlischer, Sternengewaltiger, sieh herab auf deine kleinen Kinder! Wir wollen uns lieben wie die Lämmerchen