1850_Gutzkow_030_561.txt

wohl seine Laterne anders stellen. Die Seite des Lichtschimmers fiel auf den gang, auf dem sich Hackert befand. Hackert fand sich dadurch zurecht. Er kannte diese Räume, die er oft im Auftrage Schlurck's und in Begleitung des städtischen Archivars, der ein sehr vertrauter Freund des Justizrats war, besucht hatte. Hier zur Linken ging es in die Aktensammlung über vormundschaftliche Angelegenheiten ...

Wie er näher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach sehen konnte, erkannte er auf den ersten blick seinen grämlichen alten Gegner im Schlurck'-schen haus, den vertrauten Ratgeber der ganzen Familie des Justizrats, Bartusch ... Der nächtliche Forscher im Archiv wandte ihm zwar, in Papieren blätternd, den rücken, aber an seinem grauen Rock erkannte er den alten Schleicher sogleich.

Bartusch blätterte eifrig in Akten, die er bald aus einem geöffneten Schranke herausnahm, bald wieder zurücklegte ...

Anfangs glaubte Hackert, ganz erfüllt noch von Dankmar's Vortrag, tief ergriffen von der hohen Bedeutung, die er jetzt den Ansprüchen der Wildungen'schen Familie beimessen durfte, dass Bartusch, in Schlurck's Auftrage, vielleicht Papiere suchte, die auf einen für den Justizrat so wichtigen Process Bezug hätten.

Dann aber sagte er sich: Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht? Was wäre dabei Geheimes und Ängstliches zu beobachten?

Er bewunderte den Mut Bartusch's, der sicher hier, der Schmelzing'schen Erzählung zufolge, schon zum zweiten male erschien.

Sollte er, dachte er sich, sollte er die Absicht haben, Dokumente zu vernichten? Was sucht er so eifrig? Was schüttelt er so den Kopf? Ist es nicht das rechte Papier, was er eben so emsig durchlas?

Bartusch ging an einen andern Schrank, an dem er ein Bund Schlüssel probirte.

Diese Schlüssel gab ihm der städtische Archivar! sagte sich Hackert. Oder er stahl sie ihm. Haltdie Ratsdienerin Spiess vielleicht? Oder sie verabredeten sich Beide, dass er sie sich selbst nahm, und der Archivar so tat, als sähe er es nicht. Wenn Schlurck's Champagner strömt, fliessen alle Bedenklichkeiten mit ihm. Man ist ja ehrlich, man wird ja nur betrogen! Schnöde Welt! Die Blinden gelten alle für gut und sind meist die durchtriebensten.

Die Laterne war hinterwärts auf einem Fussschemel stehen geblieben.

Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die Angelegenheiten der Häuser und Liegenschaften, die Schlurck verwaltete, und malte sich für gewiss aus, dass dieser nächtliche Besuch mit dem Johanniter-Processe in Zusammenhang stand, sann und grübelte hin und her, ob er den Gebrüdern Wildungen hier nicht auf's neue von Nutzen sein könnte, als er erstaunte, auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen. Was konnte ein so junges Datum mit jenem Processe zu tun haben!

Auch besann er sich, dass er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen Papieren umgesehen hätte.

1825!

Es war ihm immer gewesen, als müsste dies sein Geburtsjahr sein! Obgleich er in den Angaben seines Alters bald diese, bald jene Zahl nannte, liebte er doch die Zahl: 1825! Er kannte nichts von seiner Geburt, von seinen Eltern, nichts von seiner Heimat. Allein soviel konnte er berechnen, dass er, wenn er etwa sechs bis acht Jahre alt war, als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen, wohl um das Jahr 1825 geboren sein musste.

Nicht, dass er annahm, Bartusch suche nach Papieren, die ihn beträfen. Aber etwas mächtig Verführerisches lag darin, dass er gerade sein vermeintliches Geburtsjahr, 1825, über dem Schranke erblickte. Sein Entschluss stand so wie so fest ...

Bartusch hatte ein Papier in der Hand. Er überflog es und laut entfuhr ihm ein Ah! Das ist es! Er las noch einmal, nickte dann mehrmals und wollte selbstzufrieden eben den Schrank zuschliessen. Vorher steckte er das Papier in die linke Brusttasche. Eben schlug das Schloss in dem Schrank wieder zu, als er sich plötzlich im Dunkeln fand. Bartusch zuckte erschrocken auf. Im Nu hatte ihn eine kräftige Hand umklammert. Todesschreck schnürte dem Alten die Kehle zu. Er wollte schreien. Der Ton erstickte ihm. Er fühlte eine Hand, die ihm das Halstuch fast mörderisch zusammen würgte. Aus seiner Brusttasche wurde von einem Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen. Halb ohnmächtig, unvermögend zu schreien, lag Bartusch rücklings auf der Erde. Der Gedanke an die Erzählung der Bibel von einem nächtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein. Kannte er die Erzählung nicht, so war dieser ungeahnte Überfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug für ihn ...

Schmelzing harrte inzwischen unten in der Tat noch seines Kameraden. Er fürchtete sich, durch die mehreren Höfe und Durchgänge, die noch bis zur Schildwacht am Eingange des Ratauses zu durchwandern waren, allein zu gehen. Es schlug halb zwölf Uhr. An eins der leeren Weinfässer lehnte er sich, um Luft zu schöpfen. Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im inneren des unheimlichen Hauses, irgend einen Hülferuf zu hören. So stand er zitternd, bis Hackert plötzlich am rand der Treppe erschien.

Pst, Schmelzing! Wo sind Sie?

Hier!

Leben Sie denn noch? Ha! Die Nonnen!

Herr Gott!

Die Ritter! Die Geister! Fort! fort! Kommen Sie! Die blonde Nonne hatte wirklich keinen Kopf!