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Sie doch!

Schmelzing wusste nicht, wie ihm geschah. Er sah nichts mehr. Selbst der Lichtschimmer in der Ferne war verschwunden. In demselben Augenblicke erlosch im Nu neben ihnen die dritte Flamme. Die Gesellschaft unten schien sich gleichfalls entfernt zu haben. Es schlug ein Viertel auf zwölf Uhr vom rataus. Alles war dunkel und gespenstisch still um sie her.

Unwillkürlich fasste Schmelzing Hackert's Hand und flüsterte winselnd:

Nun wird's schön! Alles finster! Wo haben Sie die Laterne?

Kommen Sie nur! Wir haben ja Streichzündhölzer!

Was machen wir, dass wir davonkommen? Wir müssen hier übernachten.

Nein! Hier ist die Laterne!

Hackert zog Schmelzingen, als wollte er die Laterne ihm in die Hand geben. In Wahrheit aber führte er ihn nur an die Treppe, die sie herabgestiegen waren.

Wo sind Sie? Sie lassen mich ja allein, Hackert!

Gerade aus!

Ich falle.

Es ist die Treppe! Steigen Sie doch!

Die Laterne!

Hier! Hier!

Hackert besass auch in der Sehkraft etwas von Katzennatur. Er konnte sich im Dunkeln orientiren. Es war ihm ein Leichtes, den Weg zurück zu finden, während Schmelzing taumelte, überall anstiess und nur von Hackert's leitender Hand zurechtgeführt werden konnte.

Oben auf der Treppe sagte Hackert:

Ich steige jetzt höher, Schmelzing! Folgen Sie?

Nicht um funfzig Taler!

Sie lassen sich ja schon handeln! Vorhin nicht um hundert? Kommen Sie!

Nimmermehr. Ich beschwöre Sie, Hackert! Hakkertchen, führen Sie mich an die Tür.

Wenn Sie zärtlich sein können, Schmelzing, bin ich jedes Opfers für Sie fähig. Hier geht der Weg! Da! Den Fuss ausgestreckt! So! Die Stufen abwärts! Finden Sie sich zurecht?

Ja, Hackert!

Hier ist ja die Vorhalle. Bei Licht waren Sie so mutig. Sie müssen schreckliche Sachen aufgeschrieben haben.

Das hab' ich!

Pax wird sich freuen

Und wie!

Halt!

Was ist?

Hörten Sie nicht oben knarren?

Eine Tür ...

Das ist ein Ritter, der einmal gefänglich eingeschlossen war, weil er eine Nonne liebte, die blond war. Diese geistlichen Ritter durften keine Nonnen lieben, die blond waren.

Kommen Sie! Ich höre Eisen ...

Wenn es zwölf schlägt, hört man den Ritter an der Kette klirren und die blonde Nonne ächzen, weil die auch noch nicht erlöst ist. Sie wartet auf einen Jüngling, der durch Zufall dreimal: Kommen Sie! sagt! Wenn er zum dritten male hier über dem Ratskeller sagt: Kommen Sie! dann geschieht etwas.

Der unglückliche Schmelzing musste nun, er wollte oder wollte nicht, verstummen. Selbst sein wiederholtes: Kommen Sie! konnte ja nur Unheil bringen. Er zerrte Hackerten, der ihn völlig verwirrte, mit Gewalt vorwärts.

Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen, die hier entauptet worden ist, flüsterte Hackert. Hier sind alle Leichensteine jetzt aufgedeckt. Nehmen Sie sich in Acht.

Schmelzing fürchtete sich aber nicht mehr. Er sah die offenstehende Tür, die über die kleine Holztreppe in den Hof führte. Dass er sie, als er den Oberkommissair begleitet hatte, selbst verschlossen und nun offen fand, entsetzte ihn freilich, allein er fühlte die Nachtluft, sah den Himmel wieder und war schon im Begriff, die Holztreppe hinabzusteigen.

Jetzt, sagte Hackert, irren Sie sich, Schmelzing, wenn Sie glauben, dass ich eine nächtliche Visitation dieser Registraturen irgend einem geist oder Menschen gestatte! Im haus ist Jemand. Der Lichtschimmer konnte Täuschung sein, das Knistern auf dem Sandsteine konnte von den Ratten kommen, deren ich gräuliche gesehen habeaus Schonung für Sie schwieg ich über die Augen dieser Ratten, Schmelzingaber diese Tür steht offen. Ich muss wissen, wer hier nächtliche archivalische Studien macht.

Lassen Sie Das, bedeutete Schmelzing, der jetzt an der Luft in dem stillen Rataushofe neuen Mut geschöpft hatte. Lassen Sie Das! Man würde immer in die Lage kommen können, sagen zu müssen, was man hier wollte. Die Entdeckungen, die ich machte, sind zu wichtig

Hackert hatte aber schon seine Stiefeln ausgezogen und sie unter den Arm genommen.

Was tun Sie? sagte Schmelzing erschrocken.

Leben Sie wohl, Schmelzing! antwortete Hackert. Ich will die blonde Nonne, wenn es geht, selbst erlösen und zu dem Ritter dreimal sagen: Kommen Sie!

Schmelzing's Bitten half nichts. Hackert ersuchte ihn, hier wenigstens an der Tür Wache zu stehen. Er war dann schon unterwegs, gleichviel ob Schmelzing blieb oder nicht.

Auf den Socken schlich er sich den Weg zurück, bestieg wieder die Stufen, die emporführten und sah sich bei jedem Absatze der Treppe um, ob er nirgends Lichtschimmer entdeckte.

Im ersten Stock sah Hackert nichts. Auch im zweiten nichts.

Im dritten über sich hörte er das Knarren einer Tür.

Er schlich vorsichtiger ...

Als er oben im dritten Stockwerk war, spähte er nach dem Lichtschimmer. Er entdeckte nichts. Er musste sich in Acht nehmen, weiter zu schreiten. Bei irgend einem Fehltritt konnte er von den verwahrlosten Brüstungen herabstürzen. Er tastete sich weiter und prüfte erst jeden Schritt mit einem fuss, ehe er ihn mit beiden machte.

Er war auf einem Gange.

Nun hörte er hüsteln. Dies Hüsteln schien ihm bekannt zu sein ...

In dem Augenblick musste der nächtliche Besucher dieser Räume