1850_Gutzkow_030_56.txt

Erfinder. Aber die Nachkommen der letzteren werden ebenso Aristokraten werden, wie es die Nachkommen der weiland zu Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden. Es ist eben ein Institut, das ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehltau sich ansetzen und sie verderben wird.

Die Französische Revolution hat den Adel abgeschafft, sagte der Gefährte, und er ist wiedergekommen. Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Corporalen vermehrt, und die jetzigen Börsenmäkler liessen sich mit Freuden adeln, wenn sie nicht fürchteten, sich lächerlich zu machen ....

O, so wünscht' ich, wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf: dass einmal eine kleine Sündflut käme und dieses närrische Menschengeschlecht wenigstens partiell verschlänge! Es ist nichts mit ihm anzufangen.

Das Gespräch ging jetzt über leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich aus der Betäubung, in die er so plötzlich verfallen war. Jetzt erst schien er sich zu besinnen, dass er wieder als Kutscher galt. Er wurde über diese unwillkommene Entdeckung unruhig, blickte bald zur Seite, bald hinterwärts, mass den Fremden bald mit einem wütenden blick, bald begann er etwas an dem Riemzeug und der Peitsche zu bändeln und zu knüpfen, bis er plötzlich ganz still hielt. Auf ein starkes Nun? das ihm Dankmar zurief, hieb er zwar wieder gewaltig auf das ermüdete Tier, dem die allmälige Annäherung an Hohenberg ebenso nottat, wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar, aber Dieser wusste nun in der Tat nicht mehr, wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und worauf er sich zu rüsten hatte ......

Es war schon vier Uhr. Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel. Alle Wolken hatten ihn verlassen. Das schönste Ultramarin erquickte das Auge, wenn man empor, das lachendste Grün der Wiesen und Büsche, wenn man zur Seite blickte. Die Gegend wurde immer reizender. Nach jeder Anhöhe, die das müde Ross erklimmte, öffnete sich ein immer lieblicheres Tal. Die Vegetation, statt gebirgig zu werden, wurde eher südlicher. Kastanien-, Ahorn- und Nussbäume standen auf kleinen Anhöhen am Wege neben Kirchen und Pachtöfen. Der weisse Flieder, der sich traulich an Ställe und Scheunen schmiegte und jeder verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh, konnte wohl den Fremden bewegen, auszurufen:

Wie erinnern mich diese weissblühenden Gebüsche an das südliche Frankreich, wo es freilich der Feigenbaum ist, der mit seinen grossen Blättern, seinen labyrintischen Ranken und den versteckten grünen Früchten sich so an jede nackte Felsen- und jede kahle Mauerwand lehnt, sie verschönernd durch seine trauliche Ansiedelung!

Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das Schloss Hohenberg. Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebäude unterscheiden. Je näher sie diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen, desto unruhiger wurde Hackert, desto heftiger seine Antworten, desto ungeduldiger das Seufzen, das ihm zuweilen entfuhr. Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und äusserte:

Bis hierher, Herr! Fahren Sie jetzt!

Dankmar beherrschte sich und erwiderte:

Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe!

Die Aussicht auf das Schloss verschwand. Man war in einem anmutigen Buchenwalde, der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien. Welch frisches Laub! Welche zauberhaften Lichter, wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich an Birken reihten, um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu unterbrechen! Welcher Smaragdschimmer, wenn grünbewachsene Plätze zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden, die schon grosser Öffnungen bedurfte, um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen! Da sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grünen Lager unter einem grossen freistehenden Eichbaum auf! Es musste mit des Jägers Kummer über die ausgeschossene Belebung dieser Wälder nicht so schlimm stehen.

Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren.

In dem Augenblicke hörten sie in der Ferne Pferdegetrappel. Hackert springt auf. Man sieht einen Zug von etwa fünf Reitern dahertraben, in der Mitte eine Dame, wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte. Hackert wirft Peitsche und Zügel fort, springt vom Sitz, schiesst wie besessen über den Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden. Der Gaul, erschreckt von der heransprengenden Cavalcade, bäumt sich. Die Zügel schleifen schon an der Erde. Dankmar wirft eiligst die Cigarre fort. Der Fremde hält ihn, damit er nicht hinausspringt. In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern, an deren Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte, vorüber. Es war Dies ein Glück für den bescheidenen Einspänner; denn dem stutzigen Gaul wurde die gelegenheit zum Durchgehen genommen. Die Cavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte. Die Dame lachte vielleicht über die komischen Capriolen des zügelfreien Tieres und die verlegene Besorgniss der beiden Männer. Mit einem Sprung war Dankmar, als der Gaul glücklicherweise stand, hinaus und griff nach dem Zügel. Mit Verwünschungen gegen den Betrüger, der sie hier so plötzlich im Stich gelassen und ihm auch die gelegenheit genommen hatte, die Dame zu fixiren, hieb er auf das erschreckte Tier zu und ohne sich weiter um Hackert's Rückkehr zu bekümmern, jagte er auf und davon.

Was hatte nur der tolle Mensch? fragte der Fremde, über das Zusammentreffen aller dieser Vorfälle erstaunt.

Ich sehe, er ist verrückt, antwortete Dankmar.

Ich glaubte diese Eigenschaft schon längst an ihm bemerkt zu haben.

Es erleichterte Dankmarn, seinem Begleiter zu erzählen, wie er an diesen Gesellen gekommen wäre. Als er dabei einen Bericht über den