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damit seine hände wie in lauester Unschuld und bleibt ein aparter selbstzufriedener Egoist.

Ich sehe, die Menschheit ist zersprengt, nicht nur den Interessen, auch schon dem geist nach. Wir haben eine Religion, die christliche, die in ihrer eigentlichen Bedeutung nur noch Wenige bindet. Man sieht sich in den Kirchen, man befolgt den Ritus seiner Confession, man erklärt sich auch leidenschaftlich für den Namen des Heilandes, doch legt sich Jeder die Bedeutung desselben anders aus und eigentliche Christen gibt es gar nicht mehr. Also gerade diese Auslegung ist das Wichtigste, um diese Auslegung streitet man sich und vergoss um sie sogar Blut. Im staat sehen wir uns erst dann, wenn uns der Kampf zusammenführt. Wir rufen immer erst mit der Trommel, mit dem Lärmsignal der Gefahr, wo schon die gute Sache halb verloren ist. Da ist es für die Gleichgesinnten zu spät! Da sind gleich Tausende, die gerade für den Kampf nicht abkommen können, Tausende, die uns missverstanden, Abertausende, die in einer Lage sind, heucheln zu müssen. Das ist der wahre Jammer der Zeit, diese Lüge, diese Zaghaftigkeit, dieser Scheindienst der Wahrheit, eine Folge der völligen Nichtorganisation der Geisteskämpfe. Erst auf dem blutigen Schlachtfelde erkennen wir Den, der neben uns im verschlossenen Visir kämpfte. Und Den, der mit der Fahne in der Hand niedersank oder der die Bresche des feindlichen Lagers siegreich stürmte, Den hat man sonst vielleicht für seinen Gegner gehalten!

Ich will einen geheimen, keinen heimlichen Orden stiften. Die Gesellschaften, aus deren Schoosse die Verschwörungen und Revolten hervorzugehen pflegen, sind heimliche Gesellschaften. Die Jesuiten- und Freimaurerbünde sind geheime, nicht heimliche. Ihr Ritus bringt es wohl mit sich, dass sie nicht Jeden zulassen, der auf ihre Symbole nicht vereidigt ist, aber ihr Wirken, so versteckt es ist, ist nicht eigentlich heimlich, auch ihre Symbolik ist es nicht. Sie sind geheim, ohne unzugänglich zu sein. Ich will gar nicht unmöglich machen, dass man von Diesem oder Jenem sage: Er ist Einer von den Rittern und Reisigen vom geist! Nur dürfen, wenn die Genossen einen Convent halten, nicht Fremde, nicht Laien zugegen sein. Das Dunkel soll auch anziehen und schützen.

Jeder Geheimbund braucht erstens einen Gedanken, zweitens Symbole, drittens Hülfsmittel.

Die Ritter vom geist sind die neuen Templer. Sie haben den Tempel zu schützen und zu bewachen, den die Menschheit zur Ehre Gottes auf Erden zu erbauen hat. Ihre Waffe ist der Geist. Ihr Leben ist die innere Mission eines Kreuzzuges gegen die Feinde dieses Gottestempels. Der Geist als Lehre ist die Wissenschaft. Der Geist als Glaube ist die Gesinnung. Den Geist, der dem verstand entstammt, kann Niemand bannen, Niemand zum einheitlichen Gedanken eines Bundes machen wollen. Der Geist aber, der dem Herzen entstammt, ist der Wecker zu den edelsten Verpflichtungen. Die Religion hat nun Formen, um unsre sittlichen Verpflichtungen, der Staat Formen, um unsre politischen schon von vornherein gefangen zu nehmen. Die Religion des Geistes sollte keinen solchen bindenden Cultus haben dürfen? Ich sage, gebt dem geist einen Cultus und in hundert Jahren ist die Welt weiter, als wohin wir sie bei der jetzigen Verworrenheit der Zustände erst nach einem halben Jahrtausend werden kommen sehen. Religion, das Bindende, das Gleichgesellende, liegt in unsrer Epoche. Überall zeigt sich ihr Bedürfniss. Nur befriedigt es nicht auf dem alten Wege! Nur nicht innerhalb des alten Zwanges und der alten Dogmen! Man binde sich auf den Glauben unsrer Freiheit, auf den Glauben des Geistes, auf die gleiche Gesinnung! Aus solcher Grundlage, aus so geackertem, gesäetem Boden muss eine gute Frucht hervorgehen.

Ritter vom geist sind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber Brüder vom geist nennen würde, wenn ich nicht streitbare gewaffnete Brüder begehrte. Ich will einen Bund von Männern, die ihr Leben, ihre nächsten und entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von Wahrheiten, die leider noch immer in Frage stehen, noch immer von Willkür beanstandet werden. Dieser Bund soll den Kampf der Zeit nicht aufheben zu wollen sich anmassen, wohl aber der Aufgabe vertrauen, diesen Kampf abzukürzen. Man hat den Reubund lächerlich gefunden. Und doch ist sein Einfluss nicht gering. Er wird nicht ruhen, bis er mindestens die Wahlen in seinen Händen hat. Lasst uns einen grösseren, einen Treubund stiften dem geist! Die Wahrheiten liegen auf der Hand; aber Tausende entziehen sich ihnen! Die Blätter der geschichte sind aufgeschlagen. Man will sie nicht lesen. Wir wissen, wohin die Menschheit steuert, und stecken falsche Flaggen, falsche Leuchtflammen auf. Oder sollte es so schwer sein, das Wesen der Gesinnung auf einige grosse Wahrheiten zu abstrahiren, die feststehen, wie den Völkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten der Bibel feststanden? Es mögen nur wenige Sätze sein. Aber einige Tausend Menschen in allen Teilen der Erde auf diese wenigen Sätze in Eid und Pflicht genommen, macht, dass gewisse Gebäude umstürzen wie Aschenhaufen, zerreisst dichte Vorhänge wie Spinneweben, lockert die Lüge von selber ohne Handanrühren. Jetzt gewinnt man plötzlich Menschen, die sonst ruhten, für die Arbeit des Geistes. Jetzt sieht man Kämpfer, die kämpfen müssen aus Ehrgefühl! Jetzt wird es heissen: Nicht mehr beten für die gute Sache sollt Ihr, sondern auch arbeiten für sie!

Die Ritter vom geist streiten, sichtbar und unsichtbar, allein für die Gesinnung, für nichts also