sie eine errungene Gewalt nun auch zu teilen wünschen, wird man immer geneigt sein, sie wieder zu entfernen.
Ich sprach von dem Tempel, den man in Jerusalem suchte und den man überall hätte finden können. Eine Vorstellung dieser Art war es, die die Freimaurerei entstehen liess. Wie ein Neugeadelter hat diese Gesellschaft gesucht, ihre Ahnen sich aus der Vergangenheit weiter zu verschreiben und sich Vorfahren beizulegen, die nie daran dachten, die Geheimnisse des Schurzfelles zu kennen. Diese Gesellschaft hat das Glück gehabt, in einer Zeit, wo Ungeschmack und Unpoesie die Welt regierte, sich einen gewissen Nimbus organischer Natürlichkeit zulegen zu können und nicht dem Fluche aller künstlichen Mysterien, der Lächerlichkeit vor Laien, anheimzufallen. Ihre Ceremonien erscheinen Vielen ehrwürdig. Das will etwas sagen in einer Zeit, die jede neue Religions- oder Sektenstiftung nicht nur sogleich mit der Polizei, sondern auch mit dem Witze verfolgt. Die Freimaurer haben das Glück gehabt, weder der Polizei noch dem Witze zu erliegen und mancher denkende Kopf sogar hat versucht, aus den Spielereien ihres Ceremoniels abstrakte Wahrheiten, wenigstens der guten Sitte, zu entwickeln. Die moralische Dehnkraft dieses weltlichen Ordens ist aber sehr gering. Sie geht über einen gewissen anständigen Egoismus nicht hinaus. Anständigen Egoismus nenn' ich Den, der seinem Jahrhundert nichts Anderes als Wohltätigkeiten spendet. Eine rüstige polemische Kraft liegt in der Freimaurerei nirgends. Nur da, wo hinter der Maurerei Carbonarismus steckte, hat man von Märtyrern dieses Ordens gehört. Die Freimaurer haben, als Tatprincip, höchstens eine entschiedene Antipatie gegen die Jesuiten. Eben so ist es umgekehrt. Sie bekämpfen sich gegenseitig. Mit Recht, denn sie sind die entgegengesetzten Pole eines und desselben elektrischen Stabes. Dass die Freimaurer sich erhalten konnten, trotzdem, dass sie von der Vollendung und Besserung der Menschheit sprachen, verurteilt sie allein schon im Auge des leidenschaftlichen Menschenfreundes, der da weiss, wie ein wahres Streben nach diesem Ziele sie sehr bald würde vernichtet haben. Oder soll uns diese Tatsache doch ermutigen, an die Möglichkeit einer geheimen Verbrüderung, die nur geistige Zwecke verfolgt, noch glauben zu können?
Die Gefahr, einen neuen Geheimbund zu stiften, ist nicht gering. Wenn ich den Gedanken der Templer und der Ritter vom heiligen Johannes, dem Johannes der Wüste, dem Täufer, wieder aufnehme und den Bund der Ritter vom geist beantrage, so kenn' ich die gewaltigen Schwierigkeiten. Allein diese Schwierigkeiten sind zu beseitigen, wenn nur der Gedanke klar und es bewiesen ist, dass eine solche Bundesgenossenschaft der gleichen Geistesstimmung wünschenswert, notwendig erscheint. Eine Wahrheit, die einmal erkannt ist, bricht sich in jeder noch so schwierigen Form ihre Bahn. Welchen Ausweg soll uns unser jetziger Kampf bringen? Ich sehe Interessen, ich sehe Teorieen. Jene sind ebenso leidenschaftlich wie diese. Die Interessen und die Teorieen, beide beanspruchen ein ursprüngliches Recht. Was lässt sich dagegen einwenden? Soll Blutvergiessen entscheiden? Ich bin nicht für das Blut. Ich weiss wohl, die geschichte ist aus dem Blute erwachsen. Aber der moralische Mensch kann, darf nicht sagen: Ich will diese oder jene Wahrheit dadurch beweisen, dass ich ihr diese oder jene Menschen zum Opfer bringe! Kein Einzelner kann Das sagen, was eine Gemeinde, ein Staat, ein Volk sagen darf. Solche Stimmungen der Gewalt hängen auch von der grösseren oder geringeren Entzündlichkeit der historischen Krisen ab. Der Denker, der sittliche Mensch, der sich nur auf sich und die Menschheit bezogen fühlt, kann nicht Blut predigen, nicht fordern, dass aus der Vernichtung des Lebens Leben spriesse. Die Interessen der Existenz sind berechtigt. Die Menschen, die uns die Träger der Irrtümer scheinen, leben wie wir. Allen droht einst das Mass der ewigen Vergeltung. Was erlaubt uns wohl, vorzugreifen und die geschichte mit Gewalt zu bestimmen? Mag's ein Attila, ein Napoleon tun! Mag's ein Timoleon oder ein Ravaillac tun! Der Pranger, das Blutgericht, vielleicht eine Ehrensäule wird's ihm lohnen. Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit schwarzen Buchstaben. Das ist die ewige Persönlichkeit, die nicht aussterben wird! Aber wenn man zu uns kommt in unsre Denkerwüste und frägt: Was sollen wir tun, um in's Himmelreich zu kommen? Was sollen wir tun, um unsern Beruf als Menschen und Staatsbürger zu erfüllen? Dürfen wir da sagen: Dies und Das ist richtig, Dies und Das ist notwendig, ergreift diesen Stab oder diese Fahne? Man sagt es alle Tage, man lehrt und predigt so an allen Strassenecken, aber wir kommen nicht weiter damit. Die Teorieen bleiben unpraktisch und die Interessen regieren doch die Welt.
Wenn mich Einer frägt, was soziale Wahrheit ist, ich weiss es nicht. Ich kann den möglichen communistischen Staat nicht beweisen. Und doch will ich auch nicht raten, dass man im gemeinsamen Verkehr des Ideen- und Vorsatzaustausches sich mit Allgemeinheiten begnüge, wie die Freimaurer! Bilde dich selbst, dann bildest du die Welt! Bessere dich selbst, dann wird die Welt besser! Das sind Trivialitäten, gefährliche Gemeinplätze sogar und ganz ohnmächtige den Jesuiten gegenüber! Die wissen Alles in nächster Nähe zu fassen, die erblicken überall die Möglichkeit einer Anwendung ihrer Principien, die treten sogleich in medias res und haben Gift, Dolch, Strang, Bibel, Himmel und Hölle, Dialektik und Weisheit sogar zur Hand und wissen sie anzuwenden. Das jesuitische Gegengift, das die Freimaurer bieten, ist laues wasser. Man wäscht