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und zu dem mittleren Kreuze zurückschlich. Hackert, grübelnd über Den, der unten mit den Fräuleins Wandstabler eine solche Scene der Lust und Reue, ja die Monologe eines gefallenen Luzifers hatte aufführen können, kroch nach. Der, der eben am mittleren Kreuze sprach, war der Major von Werdeck. Man vernahm Ausdrücke wie: Todesverachtung! Sein Leben in die Schanze schlagen! Fast wütend, dass ihm der ganze Abend mislungen war, ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing blindlings zu notiren an. Jetzt ergriff es Hackerten, als müsste er einen äussersten Entschluss wagen. Die Worte jenes übersättigten und vielleicht von Reue gequälten Mannes hatten eine eigentümliche wirkung in ihm hervorgebracht. Er war plötzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt. Es hatte etwas auch in sein Innerstes hineingegriffen, das er nicht gut enträtseln konnte. Übersättigung kannte er wohl. Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen, den er nicht zu fassen vermochte. Ungeduldig über das Nachdenken, in das ihn die Scene versetzte, verstimmt über das Scheitern seiner Störungen eines abscheulichen Spionengeschäftes war er nahe daran, Schmelzing von hinten zu packen. Wie, wenn ich ihm die Gurgel zudrückte und ihn von der Zelle fortschleppte? dachte er und erhob sich und schritt jetzt auf und ab, ohne sich um Schmelzing's wütende Winke zu bekümmern.

Bei diesen Wanderungen, die wiederum bewirkten, dass Schmelzing nicht aufhorchen konnte, kam Hakkert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz, wo ebenfalls gesprochen wurde. Er hörte überrascht hin und vernahm eine gebrochene französische Aussprache, wie an dem Mittelkreuz. Andere Stimmen mischten sich in den Vortrag des prononcirteren Franzosen. Eine gewichtige Bassstimme stimmte in die Äusserungen des Franzosen mit ein, während eine andre opponirte. Der Schall mochte ihn verführen, die Gesellschaft für zahlreicher zu halten, als sie war. Deutlich hörte er das Klappern eines Degens, musste also annehmen, dass auch ein Offizier in der Nähe dieses dritten Kreuzes war. Bald unterschied er das Tema, das besprochen wurde. Es war ein politisches. Er hörte den Namen der Jesuiten nennen. Man bat mehrfach den Franzosen, sich offen über diese Gesellschaft auszusprechen. Man versicherte ihn, dass er sich unter Freunden befände, unter den aufrichtigsten Verehrern einer Politik, die nicht auf Kleinliches und Geringes, sondern auf Weltplane lossteuere. Als die Bassstimme mit priesterlicher Salbung sagte: Dies ist der berühmte General, der mit dem Jahrhundert Fangball spielt, gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches, der vielgefürchtete sogenannte Jesuitenfreund ... als Hackert diese Worte überlegte, für seinen Fall erwog, kehrte er zu Schmelzing zurück und machte ihm Gestikulationen, die nichts Anderes sagen wollten als:

Esel! Esel, die wir sind! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit! Da ist die Stelle, wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat. Ein Franzose, nicht wahr?

Ja wohl! nickte Schmelzing.

Ein Offizier?

natürlich!

Donner! Hier sind ja die Rechten! Hier sitzen die Mordbrenner! Ich bin starr, was ich gehört habe ... Königsmord!

Allmächt'ger Gott!

Schmelzing! Hier ist's ja! Stimmen so heiser wie die Banditen! Sie hören hier jedes Wort! Kommen Sie einmal her!

Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor.

Dieser, der ein Misverständniss für nicht unmöglich hielt, folgte. Als er den Franzosen husten und näseln, den Degen des Generals klappern hörte, war ihm kein Zweifel mehr. Die Phrase, die eben ausgesprochen wurde: Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen! zog ihn wie auf's Commando sogleich zur Erde nieder. Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf, sondern mechanisch die Hand dem Ohre sogleich folgen lässt, so schrieb auch schon Schmelzing, während er sich noch niederliess. An den Wein und den Essproviant, den Hackert in seine Nähe rückte, dachte er nicht; so emsig holte er das Versäumte nach und schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf, denn sein Pergament füllte sich, Streifen auf Streifen. Er schrieb wie atemlos.

Während Schmelzing die gemütliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philantropischen Gesellschaft, Herrn Sylvester Rafflard, die man in einer völlig abgeschlossenen Trinkzelle des vielgesuchten altertümlichen Ratskellers veranstaltet hatte, Wort für Wort für die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von Hackert in seinem Amtseifer gestört wurde, wandte dieser ihm den rücken und hörte, endlich freiatmend, die ihm nun allein vernehmbare Erzählung, die nach einem lebhaften Zusammenklang der Gläser eben der Offizier unter seinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte, nichts ihm verfänglich schien. Er hörte gleichgültig bis auf die Stelle, wo ein verhältnis erwähnt wurde, das dem seinigen zu Melanie Schlurck ausserordentlich ähnlich sah. Als er hörte, dass dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Mädchens die Rede war, das dieser durch Bildung, Eifer und Anstrengung sich erobern wollte, entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehörte Seufzer, dass sich Schmelzing umwandte und ihm drohte. Die Erzählung brach aber ab oder wurde leiser, weil wehmütig. Er hörte nichts von dem ferneren Unglück Leidenfrost's. Er war in ein düsteres, trübes Sinnen verfallen. Erst als Dankmar seine stimme erhob und wieder kräftig über die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann, verstand Hackert deutlich, was verhandelt wurde.

Dankmar's Rede konnte er sich natürlich nur in den Hauptideen merken. Wörtlich aber