Bist du schon wieder da, nazarenische Mahnung? Spukst du denn überall, trauriges Memento mori? hinweg von Griechenlands Göttersöhnen jagst du mich? Nein! Mit Rosen, nicht mit Dornen erlöst man die Menschheit. Küsst mich, Mädchen! Nach Korint! Nach Korint! Die Trümmer des Altars, den Paulus zertrümmerte, den Altar des unbekannten Gottes helft mir suchen! Es lebe der unbekannte Gott von Korint!
Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns, den er bei dem Sprecher unten voraussetzte. Hackert aber sagte, dass er ihn für irgend einen verdorbenen, vielleicht abgesetzten Geistlichen halte, der hierher gekommen wäre, um beim Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den Ratskeller verirrt hätte, um im Champagner seinen Zorn zu ertränken. Die Mädchen schienen ihn zum Besten zu haben, sie lachten und neckten ihn, trotz der Zärtlichkeiten, die sie ihm gestatteten.
Plötzlich schwieg der Sprecher. Die Gefährtinnen fragten ihn, ob er seinen Text zu Ende hätte. Er antwortete nicht. Sie stiessen mit ihm an. Es klang hohl wider, aber er antwortete nicht. Sie plauderten vom Wetter, vom Putz, vom Teater. Er antwortete einsylbig. Sie erwähnten den Prinzen Egon, ihre grosse Freude, dass im haus und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten bliebe, sondern diese noch vergrössert, noch erweitert würde. Alles würde prächtiger, herrlicher, glänzender!
Im haus des Prinzen Egon? fragte Hackert.
Er ist wohl eingeschlafen, sagte Schmelzing, der nur auf die Orgie selbst Acht hatte.
Nein, nein, er brummt bald: Danke, Diotima! bald: Danke, Aspasia! berichtete Hackert.
Er scheint nichts vertragen zu können, er wird einschlafen ...
Und die Mädchen plündern ihn aus? Das geschieht schon so –
Aber im Ratskeller!
Seltsam! Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter, der eigentlich mit diesen Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen wäre. Wer sind sie nur?
Er klirrt mit einer vollen Börse.
Die ganze geschichte kommt mir lateinisch vor. Es ist als wenn ein schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette läge!
St! St!
Die Mädchen beklagen sich über ihres Freundes schlechten Humor. Der Kellner wird bezahlt und scheint zu gehen.
O, o, hörte man jetzt den Sprecher wieder, seht, seht das Kreuz! Als wir eintraten, hatte' ich es nicht bemerkt. Seit mein Auge darauf gefallen, ist der blick verdunkelt.
Aspasia, Diotima –
Nenn' uns Dorette und Florette!
Was? rief Hackert nach diesen laut und ärgerlich gesprochenen Worten. Sind Das die ...
Lasst mir den Traum, Euch für Wesen zu halten, rief der Redner, für Wesen, die früher lebten, ehe man die Pariser Moden erfand. Du bist schön, Aspasia, und bildsam. Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele. Ihr solltet Euch bilden, Kinder! Es schlummern Ideale in Euch!
Du bist gerade wie unser Alter, sagte die Eine, wahrscheinlich die mit dem Seelenanflug ...
Wie so?
Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen über ...
Gingen mir die Augen über, Mädchen? fragte der immer verstimmter werdende Entusiast. Saht Ihr Perlen nicht bloss im Glase? Wo saht Ihr Perlen, ihr schlanken Bacchantinnen? In meinem Auge? Als ich zum Kreuze aufblickte?
Stummes Wahrzeichen, das du über uns schwebst, welche Freuden schliesst der Himmel ein, an dessen Pforte du gezeichnet stehst? Senke dich nicht herab, auf mich, todtes Holz! Soll ich's tragen zur Schädelstätte? Soll ich dir die Last abnehmen, Erlöser? kommt, kommt, Mädchen!
Das Haus fällt zusammen, hier ist's entsetzlich. Die Decke bricht! Die Bogen wanken! hülfe! hülfe! kommt, kommt!
Schmelzing zitterte an allen Gliedern. Hackert horchte.
Die Mädchen wollten so nicht fort. Sie glaubten ihren Freund verletzt zu haben. Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung. Sie verwünschten, dass sie seiner Einladung gefolgt wären und sich zu einem Abend verstanden hätten, der nun verdorben wäre.
Seid Ihr von den törichten Jungfrauen? fragte der melancholische Sprecher. Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an? Haltet Eure Lampen hell, Mädchen! Der Bräutigam sammelt sich. Denkt Ihr, dass Euch ein Mann liebt, dessen Seele leer und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tänzer ist? Ich zieh' Euch ja nicht hinunter in den Abgrund meines Herzens! Ihr bleibt ja oben, wo die Sonne scheint und grüne Sträucher stehen. kommt an die Luft! Unter die Sterne! Hängt Euch an meinen Arm. Es scheint still draussen. Man wird mich nicht kennen. Rasch hinausgehuscht! Klinkt die Tür auf! Niemand da? Niemand? lebe' wohl, du düstres Galiläa da oben! Gekreuzigter! Lass mich Arkadien suchen und weinet mit mir.
Damit verschwanden die Sprecher. Erst Alles still. Man hörte den Kellner brummen, die Flaschen und Gläser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das flammende Kreuz. Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht.
Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betäubt. Diesen melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten sie nicht erwartet. Hackert hatte eine Ahnung, was sie wohl bedeuten konnte, Schmelzing verstand sie nicht. Er war so abgekühlt, so getäuscht in seiner Spannung, so voll Ärger, dass er fast zum lauten Verwünschen dieser Störung fortgerissen wurde