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, Schmelzing, legt sich ihm eben quer über die Schulter und eine hat sich einen Fussschemel heran gerückt und legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe ...

Das sehen Sie Alles, Hackert?

Ich hör' es ja, alter Freund! Es sind Tänzerinnen! Sie stehen jetzt auf und wollen ihm eine Polka vortanzen. Sie rücken die Stühle zurück. Platz gemacht! Sie treten an. Ha! Wie sie die Kleider fassen! Sehen Sie, Schmelzing, nein sehen Sie diese Füsse! Sehen Sie die weissen Strümpfchen! Die hat rote Strumpfbänder mit einer emaillirten Schnalle! Sehen Sie denn die Schnalle nicht? Ich sehe die Schnalle, wie sie blinkt, Schmelzing!

Sie sind verrückt, Hackert! Wo sehen Sie denn die Schnalle? rief Schmelzing und verbrannte sich fast die Nase.

Jetzt nehmen sie die Champagnergläser und tanzen an ihm vorüber, fuhr Hackert fort. Jedes mal, wenn Eine vor ihm vorbei kommt, muss er rasch trinken. Dann kommt die Andere, die Blaue! Dann die Dritte, die Rote! Jetzt die Vierte, die Weisse! Jetzt die Fünfte ...

Halten Sie ein! Es sind nur drei!

Woraus merken Sie Das?

Sie sprechen ja so deutlich, dass man ihre Stimmen unterscheiden kann. Die Eine spricht ein Bischen tief.

Das lieb' ich, Schmelzing. Je tiefer die stimme, desto mehr Feuer. Der Mann muss zweiten Tenor, die Frau zweiten Sopran sprechen, Das ist das wahre Duett der Liebe, Schmelzing. Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhöhe, Schmelzing!

Sie machen mich noch toll, Hackert!

Schmelzing musste sich mit Gewalt losreissen. Hakkert wühlte zu grausam seine Phantasie in Grund und Boden um. Er lag erschöpft. Hackert lehnte sich zu dem Lichtschimmer hin. Beide horchten.

Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein, die unten völlig unbelauscht zu sein glaubten. Das Klingen der Gläser hatte aufgehört, das lachen sich gemässigt. Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen.

Diese lautete eben:

Aphroditische Wesen, sagte die männliche stimme, lasset uns zum letzten male noch von dem Schaum opfern, dem die Göttin entstiegen ist, deren würdige Priesterinnen Ihr Euch nennen dürft! Steige auf, cyprische Welle! Lodre, brodle, schäume!

Ein Geräusch verriet, dass ein Champagnerkork aufflog.

Zwei Mädchenstimmen schrieen vor künstlichem Schreck ...

Die Gläser her! fuhr die männliche stimme fort, das Glück verrauscht! Kurz ist der Augenblick der Freude!

Mit Brotrinde umgerührt, sagte das eine Frauenzimmer, so dauert's länger.

Künstlich! Künstlich! Allzukünstlich, Diotima! sagte die männliche stimme.

Diotima? fragte das Frauenzimmer. Ich heisse ...

Man hörte nicht recht den Namen, den sie sprach.

Pst! rief Hackert. Sie heisst ... haben Sie's gehört?

Schmelzing nickte, als wollte er sagen, er verstünde Alles.

Nein, Diotima, sagte wieder die patetische stimme.

Was soll mir des Brotes Rinde! Was soll mir der künstliche Perlenflor! Die natur verschmäht die Nachhülfe der Kunst. Oder bist du mehr für die Kunst, du schlanke Aspasia?

Spasia? sagte Schmelzing. Das war deutlich.

Aspasia? wiederholte die andere stimme. Ich heisse ...

Man verstand wieder den Namen nicht.

Wie? bedeutete Hackert seinen Collegen.

Spasia! wiederholte dieser kichernd.

Aspasia! Mädchen! Es sind die Namen, die Ihr in den Sternen führen werdet; Plato's Freundinnen hiessen Aspasia und Diotima.

Plato's! fiel Hackert zu Schmelzing ein. Verstehen Sie?

Das ist ein Gelehrter da unten. Plato hatte kein Glück in der Liebe, obgleich er kurzsichtig und hartörig war und sehr früh eine Brille trug.

St! winkte Schmelzing.

Trinkt, Mädchen! rief der Redner unten. Trinkt aus des Spitzglases unschöner Form! Krystallene Schalen von gewobenem Glase, rötlich angehaucht, sind des Schaumweins würdigere Pokale! Trinkt oder tut wie ich!

Ah! riefen die Mädchen. Sie verschütten ja ...

Das köstliche Nass auf des Hauses geheiligten Estrich?

So musst du den Göttern opfern, Diotima!

Mit erlaubnis, antwortete Diotima, zum Aufscheuern ist Champagner doch wohl zu kostbar.

Opfre! schrie der Sprecher in der Trunkenheit.

Diotima sträubte sich.

Opfre!

Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen. Dann sagte sie mit gurgelndem trinkenden Tone: Da! Nicht auf die Erde!

Die versteht's! sagte Schmelzing, der für die Barrikaden und Arbeitervereine nun kein Ohr mehr hatte.

O hätt' ich Rosen, hätt' ich Kränze, rief der Sprecher unten, könnt' ich mich schmücken wie Apollo! Und Ihr, Freundinnen, im griechischen Gewand, Ihr schrittet mir zur Seite, wie Priesterinnen! Ha, könnte ich dieses dumpfe Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle! Rufen möchte' ich wie Faust nach dem Tranke der Hexe, damit ich losgebunden, frei, erfahre, was das Leben sei.

Schmelzing zeigte nach dem kopf.

Zu viel? fragte Hackert.

Zu wenig! antwortete Schmelzing schüttelnd.

Er hat entweder oder ist! sagte Hackert bestätigend.

Aber da oben, da oben, seht Ihr's? rief die exaltirte stimme plötzlich.

Rasch fuhren die beiden Lauscher zurück. Unwillkürlich kam ihnen diese Bewegung. Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen. Aber die stimme sprach:

Seht Ihr's da oben, das Kreuz in der Mauer?