einen Ring geben? Sie verwechseln sich wohl mit sich selbst!
Halten Sie mich für eitel? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt, weil ich Ihr Freund bin.
Lassen Sie mich in Ruhe!
Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen, die sie für Sie abschnitt. Köstliche braune Haare, Schmelzing. Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt' ein Ring für Sie werden. Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr nach einem Mädchen, das Sie überraschen wollte! Sie staunen, Schmelzing? Sehen Sie, dass Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehör. Plato hatte auch kein Glück in der Liebe; denn er war kurzsichtig.
Man nennt Das die Platonische Liebe. Man muss ein scharfes Auge haben, um in's Herz zu sehen, und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hört's nicht, so war man freilich ein Esel. Vergeben Sie mir meine Freimütigkeit.
Hackert, Sie machen mich ganz confus.
Aber wonach riecht Das hier? rief Hackert plötzlich sich aufrichtend.
Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein ...
Eau de Cologne, Schmelzing! sagte Hackert. Hier sind Frauenzimmer in der Nähe.
Die wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch. Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung. Hatte schon der Wein, die Erwähnung Louisen's, der Ring mit den Haaren, die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung seiner Empfindungen versetzt, so überfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de Cologne und von in der Nähe befindlichen Frauenzimmern ein förmlicher Schwindel. Hackert in aller Ruhe, trocken und kaustisch, blieb bei seiner Vorstellung von einem feinen Parfüm, stand auf und behauptete, der Duft käme von dem zweiten Kreuze her. Er blieb stehen. Fortgehen wollte er nicht. Schmelzing bekam sonst zu viel gelegenheit nachzuschreiben. So setzte er sich dicht wieder in seine Nähe, umschlang Schmelzing, zog ihn an seine Brust und flüsterte ihm ohne Zeichensprache in's Ohr:
O Schmelzing, was sind doch die Weiber für paradiesische Teufel! Eau de Cologne! Die künftige Seligkeit schlägt man um sie in die Schanze! Aber man muss sich recht umarmen, sich richtig küssen, Schmelzing! Die Meisten wissen gar nicht, was in den Lippen für Geheimnisse schlummern. Sie haben gute Lippen, Schmelzing! Nicht lachen! Nur nicht lachen hier! Da hört alle elastische Kraft auf! Ernstaft, Schmelzing! Und nun den Mund voller genommen! Luft gepumpt, dass die Segel schwellen! Schmelzing, Sie müssen wunderschön lieben können! Wenn ich Louise wäre und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fühlten mich hier dicht am Herzen und ich sagte: Schmelzing! Schmelzing! Göttlicher Schmelzing!
Der verwitterte alte Schreiber zerfloss in der Tat bei diesen von Gebehrden unterstützten Schilderungen seines Collegen in völlige Besinnungslosigkeit. Das Portefeuille, der Bleistift waren ihm entfallen. Er hörte nicht mehr, er kicherte nur noch und meckerte. Dennoch musste Hackert fürchten, dass er sich besinnen und ihn mit Gewalt von sich stossen würde. In dem Augenblick kam seiner Keckheit ein weibliches lachen zu hülfe, das wirklich von der Seite des linken Kreuzes her emporschallte. Es klang ganz dumpf, ganz fern, aber Hackert hörte deutlich, dass weibliche Stimmen in der Nähe scherzen mussten ...
hören Sie, Schmelzing, rief er. hören Sie! Weiber! Eau de Cologne, wie Sie's gleich gerochen haben! Kommen Sie! Kriechen Sie mir nach! Kriechen Sie!
Schmelzing konnte sich in der Tat nicht mehr aufrechtalten. Seine Sinne waren so verwirrt, Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner sehnsucht geweckt, dass ihm war wie einem Taumelnden. Er kroch auf allen Vieren hinter Hackert her an den linken Flammenschein. Anfangs hörte er nichts von dem lachen, das Hackert vernommen haben wollte. Wie er aber so dicht an der linken Kreuzesöffnung war, wie vorhin an der mittleren, machte die Wölbung, dass man Ohrenzeuge einer, wie es schien, sehr heitern Scene war. Man hörte Gläser klingen, das lachen von Frauenstimmen und eine männliche, etwas patetische stimme, die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien.
O verdammt! flüsterte Hackert, dass man nicht hinunterblicken kann. Nächst dem Genusse, selbst zu lieben, gibt es ja keinen grösseren, als Andre sich lieben zu sehen. Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl?
Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen. Ihr Rutschen, ihr Plaudern, sagte er, würde sie noch verraten. Er fing wieder in der Zeichensprache zu gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Scene, die in diesem Gemache aufgeführt zu werden schien, dass er die Politik, die Demokratie, die Arbeitervereine vergessen hatte. Hackert's mephistophelische natur war im vollsten Gange. Er bediente sich aller nur möglichen Einfälle und Schnurren, um Schmelzing zu betäuben. Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte sich aus.
Schmelzing schnalzte mit der Zunge, wie ein Hecht, der vom Trockenen in frisches wasser kommt. Sein ganzes Wesen schwänzelte. Hackert sagte, aufregend genug, mit der Fingersprache, in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr sagen, als man mit der Sprache sich zu sagen getraut:
Ich wette, es sind sechs Mädchen, Schmelzing, und nur Ein Mann!
Gehen Sie weg, sechs Mädchen?
Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen. Es ist ein Herr, der nicht zu den jüngsten gehört. Zwei sitzen ihm auf dem Schooss. Eine