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Schmelzing, von diesen Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt.

Ach, wie irren Sie sich, Schmelzing! Geschmack ist fein, aber Geruch viel feiner.

Ich rieche sehr fein.

Wirklich?

Sehr fein!

Riechen Sie z.B., ob Das hier Kohlen- oder Teergas ist; ich meine das Gas, das von den drei Kreuzen kommt.

dafür kann ich nicht Chemie genug, sagte Schmelzing. Aber ich rieche, dass hier viel Mäuse und wenig Katzen sind ...

Sehen Sie einmal an, das riech' ich nicht, Schmelzing, sagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig. Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine künftige Verwesung schon voraus gerochen haben. An sich selbst, Schmelzing!

Ach, schweigen Sie von Verwesung, Hackert!

Sie haben gut reden! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne, Schmelzing, und ich fürchte sehr, ich habe nur den gemeinen.

Sie machen Possen!

Im Ernst, Sehmelzing. Ich sterbe umgekehrt ab. Ich rieche schon jetzt gar nichts. Mein Geschmack ist dürftig. Der Wein z.B. mundet mir keineswegs und doch sehe' ich an der Etikette, dass es der feinste ist, den der Polizeiminister kaum besser hat. Mein Gefühl ist leidlich. Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret und hören ist meine Leibpassion. Ich höre z.B. jetzt eben ...

Was hören Sie?

hören Sie nicht die Tür knarren?

Machen Sie mir keine Angst! Lassen Sie Das!

Es ist möglich, dass ich mich täusche. Wissen Sie was, Schmelzing, ich will mich hinlegen und schlafen.

Hier sprang Schmelzing auf. Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so eigentümlich dargestellt, dass Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das frühere Nachtwandeln Hackert's dachte, von dem dieser behauptete, jetzt gänzlich geheilt zu sein ...

Es fehlte nicht viel, so hätte Schmelzing nun laut gesprochen. Der Dialog über die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen. Die beiden Sprecher hatten immer nur nötig, auf die betreffenden Organe zu zeigen. Diese Andeutung aber, dass Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen könnte, diese Möglichkeit, verbunden mit so scharfem Gehöre, dass er eine Tür wollte knarren gehört haben, war Schmelzingen zuviel. Hätte er nicht das Geräusch gefürchtet, er hätte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenstecher, den er schon aus der tasche zog.

Hackert liess in seinen Angriffen auf Schmelzing's Ruhe nach, denn Siegbert hatte aufgehört zu reden. Das Durcheinander von Stimmen, das herauftönte, brachte jetzt nicht ein einziges gefährliches Wort. Schmelzing war ausser sich vor Zorn, als er auf seine leeren Blätter blickte.

Es wurde unten ruhiger. Eine stimme sprach, die Hackert nicht kannte. Es war dies die stimme von Leidenfrost. Anfangs dachte er, der mag reden, soviel er will! Plötzlich nahmen Leidenfrost's Äusserungen aber einen Charakter an, der Schmelzingen bestimmte unwillkürlich auszurufen:

Herr Gott! Nun kommt's!

In der Tat war Das die Rede eines vollständigen Demagogen.

Ja, dachte Hackert, Das wird nun arg! Es sind in der Tat die unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten. Wie kann Siegbert Wildungen ableugnen, dass er in Gemeinschaft eines solchen Aufrührers politische Beratungen gepflogen hat!

Und nun entschloss er sich rasch, Schmelzingen auf's neue in Verwirrung zu bringen.

Die erste Schwäche des Schreibers, sein Ehrgeiz, war schon ergiebig gewesen. Er entschloss sich, mit einer neuen anzubinden. Schmelzing war verliebt. Hackert wusste Das nicht nur im Allgemeinen, sondern hatte sogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet, dass er einen Eindruck seiner hagern, gespenstischen Figur auf das junge, ihn verachtende Mädchen für möglich hielt. Ihm, Hackerten, war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges. Er liebte sie nicht, er fürchtete sich vor ihr; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der Erinnerung an dies edle, sittenreine Mädchen. Sein Atem stockte, seine Brust beklemmte sich, wenn er ihrer gedachte, ihrer, die er verlassen, die er nie wieder aufgesucht hatte, auch im geist geflohen war! Aber nun musste er ihr Andenken heraufbeschwören. Wachrufen in der gemeinen Seele dieses dürren Schmelzing! Er besann sich, ob er denn nicht irgend ein anderes Mädchen wisse, dessen Namen er entweihen durfte, um Schmelzing's Phantasie zu verwirren. Er fand keine. Da hörte er, dass der Sprecher unten die Barrikaden erwähnte, und ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und zeigte auf denselben Finger an Schmelzing's Hand.

Schmelzing wollte nicht hören.

Hackert wiederholte das Zeichen.

Wo haben Sie denn Ihren Ring, Schmelzing? sagte er.

Zum Donnerwetter! Welchen Ring?

Den Ring von Louise Eisold!

Ich einen Ring von Louise Eisold?

Wie Sie auszogen

Wie wir auszogen?

Den Ring, den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte?

Mir einen Ring? Sie schlafen wohl?

Schlaf' ich? Träum' ich vielleicht?

Hackert, seien Sie still! In meinem Leben nehm' ich Sie nicht wieder hier mit ...

Was wollen Sie denn? Ich weiss doch, dass Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt, dass sie Ihnen noch einen Ring geben wollte. War's der nicht?

Mir