an, was er von Siegbert's mildem und Dankmar's besonnenem Charakter wusste. Unmöglich konnten sie gewalttätigen Unternehmungen Vorschub leisten; aber wenn sie sich hätten hinreissen lassen, wenn sie der Überredung eines ehrgeizigen Kriegers, eines französischen Emissairs hier Gehör gäben? Hackert war von der Vorstellung der Gefahr, in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte, so ergriffen, von Teilnahme für die Brüder Wildungen so bewegt, dass er beschloss, Alles aufzubieten, um Schmelzing zu verwirren und für den Fall, dass wirklich Ernstes unten besprochen wurde, ihn in irgend einer Weise unschädlich zu machen.
Zunächst fing er an, Schmelzingen an die Pennalhälften zu mahnen. Er gab ihm die grössere und füllte sie mit dem etwas säuerlichen Haut-Sauterne, den die Polizei für diese Expedition auf Rechnung der "geheimen Fonds" setzte. Schmelzing lehnte die längere Hälfte ab und wollte nur aus seinem kleinern Fingerhute trinken. Dem Essen, das Hackert vorzulegen anfing, sprach er eher zu, dabei aber unaufhörlich winkend, kein Geräusch zu machen und seine Aufmerksamkeit nicht zu stören.
Hackert liess sich aber nicht beirren. Er dachte, ich muss dich bei deinen schwachen Seiten fassen. Die nächste Schwäche des schleichenden, tückischen Schreibers war seine Eitelkeit. Hackert musterte den Mantel, auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen, da er zu kostbar wäre, als Fussdecke benutzt zu werden. Das hörte Schmelzing schon gern. Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn, wo er seine Halsbinden jetzt waschen liesse. Schmelzing antwortete auf alle diese fragen mit der Fingersprache. Es bot einen eigentümlichen Anblick, diese zwei Menschen am Boden kauernd zu sehen, zwischen ihnen ein flammendes Kreuz, oben Alles todtenstill, und sie Beide doch sprechend, die Finger reckend, die arme bewegend, bald an die Brust, bald an's Kinn, bald an die Nase, die Ohren, die Haare fassend. Sie hatten sich in müssigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit in dieser Art der Mitteilung und des Gedankenaustausches angeeignet, dass sie sich nicht nur über äussere, sinnlich in's Auge fallende Gegenstände verständigten, sondern so auch über Ansichten und Empfindungen.
Wissen Sie wohl, Schmelzing, sagte Hackert mit der Fingersprache, während er mit Herzklopfen hörte, dass eben Dankmar die Frage beantragte, welchen Entschluss man für die nächste Zeit fassen müsste; wissen Sie wohl, was man von Menschen denken muss, die ihr Gehör verlieren?
Lassen Sie mich jetzt zufrieden! antwortete Schmelzing mit der Zeichensprache, horchte und schrieb emsig.
Nein, im Ernst, Schmelzing! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren Rüdesheimer trinken! Ich geb' Ihnen mein Wort, es hat etwas auf sich mit dem Gehör.
Schweigen Sie, Hackert!
Das Gehör, Schmelzing, ist der niedrigste, schlechteste und erbärmlichste Sinn des Menschen! Männer von Geist verlieren immer erst das Gehör.
Wirklich?
Wissen Sie denn, Schmelzing, dass der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt?
Sprechen Sie hier nicht von Sterben, Hackert! Ich verbitte mir Das.
Wie alt sind Sie, Schmelzing! Neunundzwanzig, nicht wahr?
Schmelzing konnte nicht umhin, etwas zu schmunzeln. Er hatte sicher schon sein Vierzigstes auf dem rücken.
Vom dreissigsten Jahre an sterben wir allmälig ab und zwar an unsern fünf Sinnen.
Zum Donnerwetter! Seien Sie still, Hackert!
Hackert hörte, dass Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und ununterbrochen redete. Er liess sich nun nicht stören, sondern wandte die ganze Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an, um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten.
Gemeine Menschen, sagte er, sterben von oben herab, edle Charaktere von unten herauf.
Wie so? fragte Schmelzing, der dabei an seine Füsse dachte, die ihm beim Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden.
Was sehen Sie denn auf Ihre Füsse, Schmelzing? Ich rede ja von Ihrem Gehör.
Lassen Sie mich in Ruhe!
Das Gehör ist wirklich das Gemeinste am Menschen. Nur bei den Dummen ist der Gehörsinn am schärfsten ausgebildet.
Wie so?
Je furchtsamer ein Tier ist, desto besser hört es. Alle feigen Tiere, Hasen, Rehe, Maulwürfe hören gut.
Wirklich?
Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hört darum so wenig. Plato und Aristoteles, kann ich Ihnen die Versicherung geben, Schmelzing, waren schon in ihrem dreissigsten Lebensjahre stocktaub, und wenn Sie's nicht wissen, wer Plato und Aristoteles waren, so sag' ich's Ihnen, das waren die beiden weisesten von den sieben Weisen Griechenlands!
Sie wollen mir etwas weismachen, Hackert.
Ich gebe Ihnen mein Wort! Erst kommt das Gehör, dann ...
Halt! halt! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten.
Hackert horchte hin; es war von den Willing'schen Maschinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede.
Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe.
Gut zu hören, fuhr er fort, ist gemein; dann kommt gut sehen, das ist weniger gemein, aber noch immer gemein; dann kommt gut fühlen. Das ist Mittelsorte. Dann steigt's aber in's Feine. Erst gut zu schmecken. Dann aber das Feinste, Schmelzing ...
Gut zu riechen? fragte Schmelzing erstaunt.
Der feine Mann hat seinen schärfsten Sinn in der Nase.
Gehen Sie weg!
Glauben Sie Das nicht? Sie wissen also nicht, dass alle Weisen Griechenlands am stärksten in dem Organe der Nase waren?
Ich meine doch, dass erst der Geschmack kommt, sagte