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Eine empfiehlt eine augenblickliche Tat, der Eine will nur die Gefahr des Experimentes wagen, der Dritte lieber mit dem Alten untergehen, nur um nicht das bedenkliche Neue zu versuchen. So werden wir uns nie vereinigen. So werden wir immer nur die Repräsentanten des Chaos sein, das jetzt in den Gemütern gährt und allen erleuchtenden und erwärmenden Lichtstrahlen unzugänglich scheint, weil jede Subjektivität leidenschaftlich, reizbar, eigensinnig ist. Freunde, wir müssen unsre Lehre vereinfachen, aber die einfache Lehre kraftvoller durchsetzen! Wir müssen es aufgeben, positive Schöpfungen hervorzurufen, und uns begnügen, nur den Geist, in dem sie erwachsen sollen, zu befördern. Keine Teorie! Aber für den Geist der Teorie das Leben! Hört mir zu, Freunde! Die Stunde ist heilig! Stosst auf eine idee an! Ich wünsche, dass es so, wie in unsern Gläsern auch in unsern Herzen widerklingen möge!

Man stiess mit Dankmar, dessen Augen leuchteten, feierlich an. Vom Ratsturm schlug es zehn. Als die Gläser gesenkt waren, begann Dankmar mit fester stimme von der notwendigkeit zu sprechen, über den Bund der Freimaurer hinaus einen neuen zu stiften, einen Bund, den er den der Ritter vom geist nannte.

Neuntes Capitel

Die Stiftung des Bundes

Kaum hatten die beiden Schreiber, Schmelzing und Hackert, auf dem Estrich kauernd, die Gesellschaft, ehe noch Werdeck kam, unter sich in die kleine Trinkstube eintreten hören, als sich auch der Letztere sogleich von einigen Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fühlte. Noch wusste er nicht deutlich zu unterscheiden, wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte. Die Worte, die unten gesprochen wurden, bekamen durch die Wölbung und die Resonanz etwas Schnurrendes, ja Unangenehmes. Man musste etwas von der Kreuzesform zurückbleiben, um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden. Für Schmelzing's Ohr waren diese Töne gerade so, wie er sie haben musste. Er hielt sich so dicht an dem flammenden Kreuze, dass ihn Hackert einige male zurückzog und ihm durch die Fingersprache sagte:

Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen, Schmelzing!

Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert's rotes Haar, dem das Sengen nicht viel schaden könnte, zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der unten gesprochenen Worte förmlich zurecht.

Hackert sah diese Zurüstung mit Gleichgültigkeit. Er war ein Mensch des Augenblicks. Weil die Stimmen ihm im Ohre wehtaten, so gönnte er ihnen, dass Schmelzing ihr lautes lachen und Scherzen aufschrieb. Ruhig streckte er sich am obern Ende des Kreuzes hin, während Schmelzing am untern kauerte und bald horchte, bald schrieb, bald das Brot und den Wein zurechtlegte für ein geordnetes, später einzunehmendes Souper; denn, deutete er Hackerten an, diese Sitzung da unten würde gewiss lange währen, es schiene heute ein Hauptschlag beraten zu werden.

Hackert riet hin und her, wer die Sprecher sein mochten; endlich vernahm er in dem Durcheinander, bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten hörbar war, eine sanftere, mildere stimme. Es war Siegbert's. Unwillkürlich kam es Hackerten, als müsste er nun durch das Kreuz sehen. Schon hielt er den Kopf hin, als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zurückfuhr.

Das ist Siegbert Wildungen! dachte er sich. Mein wackrer Freund, der so liebevoll für mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem Fortunaball so niederträchtig kränkte, dass ich ihn für immer vermeiden muss!

Und nun erkannte er auch Dankmar's stimme.

Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor, welche Rolle er hier spielte. Menschen, die ihm fremd, zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des bunten Lebens zu machen, wäre ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen. Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen hörte; als er sich erinnerte, wie freimütig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den verkleideten Prinzen Egon sich geäussert hatte; als er sich vorstellte, in wieviel gefährliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch gleichfalls an jenem verhängnissvollen Abend geneigt gezeigt hatte, ihm zur Aussöhnung und Verständigung die Hand zu reichen, da befiel ihn über die Möglichkeit, ihre Äusserungen könnten ihnen Gefahr bringen, eine unbeschreibliche Angst. Er lauschte nochmals. Er glaubte, sich getäuscht zu haben. Aber es blieb unwiderleglich, dass die Brüder Wildungen unter ihm waren. Als man allgemein Guten Abend! rief und einen Neuangekommenen begrüsste, hoffte er, das Gespräch würde sich in Allgemeinheiten verlieren. Er machte deshalb Schmelzing ein Zeichen, als wollte er sagen: Es sind wohl die Rechten nicht? Dieser aber bemerkte, dass gerade der Neuangekommene der Rechte wäre. Hackert möchte ihn jetzt nicht stören, sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen, damit sie hernach ihre Notizen vergleichen könnten ...

Hackert, um Verdacht zu vermeiden, befolgte diese Weisung. Er zog eine pergamentne Schreibtafel und stellte sich, als wenn er ausserordentlich begierig wäre, zu erfahren, was gesprochen wurde. In der Tat war er es auch. Noch immer hoffte er auf Allgemeinheiten und persönliche Gegenstände. Als er aber den Accent eines Franzosen hörte, den Staat, die Zeit, die Willing'schen Maschinenarbeiter nennen hörte, stand es ihm in der Tat fest, dass die Polizei ausserordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte, Gesinnungen dieser Art zu überwachen.

Zugleich aber kämpfte gegen die offenbare Überzeugung, dass es sich hier um ein gefährliches Staatskomplott handelte, alles Das