von Werdeck bestürmt sie mit seiner Liebe. Ich sehe sie, sie sieht mich wieder. Nach sechs Jahren! Abälard und Heloise! Lacht nicht, Kinder, es ist zum Weinen! Betrachtet mich! Was? Nicht wahr? Ich bin hässlich. Diese Citrone, die ich hier fasse, ist mein Gesicht! Diese Löcher sind meine Augen! Diese getrocknete Zwetsche ist meine Nase! Ideal und Wirklichkeit! Josephine sieht mich wieder, entsetzt sich, erwacht von ihrem Jugendtraum und heiratet den Hauptmann von Werdeck, den sie liebt wie einen Gatten; mich liebt sie noch jetzt ... wie einen Bruder.
Als Max Leidenfrost diese Erzählung lachend, aber mit unterdrückten Tränen zum Besten gegeben hatte, waren Alle stumm, von Schmerz und rührender Teilnahme ergriffen.
Genug! Genug! fiel er aber selber ein. Vorwärts jetzt! Dankmar, sagen Sie jetzt Ihren Plan!
Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen über dies eigentümliche verhältnis zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg.
Da ergriff Leidenfrost den Römer und sagte:
Dir, holder Genius meines Lebens, dieses Glas! Dir, Josephine, um die ich rang und arbeitete! Dir, zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufälligen emporrichtete! Du warst der Stern meiner Nächte, die Sonne meiner lichteren Tage! Um dich darbt' ich, um dich dient' ich! Und als ich ein Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu teilen wagte, da weintest du und verhülltest dich! Lebewohl, Josephine! rief ich und stürzte mich wie ein Wahnsinniger in's Leben; ich trat meine Kunst mit Füssen. Ich wurde ein Verräter an mir selbst. Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeisseln. Ich ein Scheusal? Eine Abirrung der menschlichen Formen? Ich, ein Plastiker, unschön? Da trieb es mich auf die Bühne. Schauspieler wurde' ich, heute, um mich zu schminken und schön zu sein, morgen, um mir einen Buckel überzuschnallen, Gesichter zu schneiden, rote Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen: Jetzt bin ich erst hässlich! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir! Das bist du nicht selbst! Du bist ein Adonis, ein Gott gegen diese Fratze! Und so trieb ich's fort; bis ich wiederkehrte, mich besann, mich ergab, ergab als – Menschenfeind. Ich fand die Geliebte, die Schwester ernst, vornehm, aber wieder gut. Sie war nicht die alte Josephine mehr; sie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona ...
Jagellona? unterbrach Louis Armand.
Jagellona von Werdeck, Franzos! fuhr Leidenfrost fort. Jagellona, die Polin, die Adlige, wie es die Gesellschaft verlangte! Aber sie hat noch ein Herz, noch Liebe. Sie liebt Ideen, Menschen, die Ideen tragen und verkörpern, sie liebt Polen und die Freiheit. Jagellona ist meine Josephine nicht mehr; aber Werdeck wurde mein Freund –
Dein Bruder, Max! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgerührt die Hand. Im geist bliebst du meinem Weib ihr alter Max!
Im geist ist Alles möglich! sagte Leidenfrost. Stosst an ... auf Jagellona!
Siegbert, der des Rühmlichsten genug von der Majorin zu erzählen pflegte, stiess mit Entusiasmus an. Dankmar mit Vorwürfen, die er sich selbst über seine Zurückgezogenheit von der Gesellschaft machte, Louis mit der Frage auf den Lippen, wie denn wohl der fernere Name dieser Jagellona heissen mochte ...
Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich über diese ganze Unterbrechung und sagte entschieden:
Und nun kein Wort mehr davon! Ihr kennt jetzt die Tragödie, die ich in meinem Herzen spiele ... besser hoffentlich, als ich einmal sechs Monate lang früher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte. Jetzt zur Sache! Dankmar Wildungen! Unsre Stimmung ist hinlänglich feierlich! Reden Sie!
Dankmar entschloss sich nun, in den angeregten Gegenstand einzulenken und sprach:
Sie haben, Herr Major, in Ihren früheren Äusserungen das tiefe Weh dieser Tage ausgesprochen! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt, wie lang die Bahn gemessen ist, die unser redlicher Wille durchlaufen muss, wenn er sich in eine Tat umsetzen will! Hundert Gründe, etwas zu tun, tausend, etwas zu unterlassen. Das Ideal ahnen wir, aber Nebel umgeben die Sonne. Auf dem Wege zur Wahrheit hundert Lügen und Lügen nicht einmal, die wir verachten dürften, nein, wir sollen uns mit ihnen abfinden, sollen selbst lügen, um von ihnen ehrlich loszukommen! Wir Alle hier sind Demokraten. Das Wort ist alt. Seine geschichte lehrreich. Die Moral dieser geschichte abschreckend. Ich gebe zu, dass die Chronisten dieser geschichte meistens Aristokraten waren, wenn auch nur Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit.
Aber unverkennbar ist es, dass zu allen zeiten sich in ein lauteres, reines Princip unlautere Elemente mischten. Könnten wir diese von unserer Debatte ausscheiden! Das demokratische Princip galt bisher nur für kleinere Staaten, jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden, ein geschichtlicher Hebel. Da ist es fast so gross, so heilig zu erachten, wie eine Religion. Eine Religion muss unendlich einfach sein. Die Offenbarung gibt die geschichte. drei Sätze genügen. Das Übrige tut der Geist, die Gesinnung, die Hoffnung. Wir haben vier Meinungen gehört. Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden, und stritten wir noch länger darüber, so würde statt Einigung, Veruneinigung kommen. Der