1850_Gutzkow_030_546.txt

erkrankten Soldaten im Frühjahr 1813 sein Weib auf, dag zu Fuss, elend und arm, ihren Knaben in einem Tuche, das sie über die Schultern band, tragend, durch Franken, Türingen und Sachsen nach Gnesen wanderte, wo sie wusste, dass ihr Gatte Brüning krank darniederlag. Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn, sie pflegt ihn, erkrankt selbst, stirbt und ihr genesener Gatte ... begräbt sie. Seinen Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst tritt unter die neuentfaltete preussische Kriegsfahne, folgt der Proklamation von Kalisch; ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Brüning etwas vernommen. Es ist der Vater unsers Max da.

Der Major schwieg eine Weile. Die Andern blickten teilnehmend erstaunt auf den Maler, der mit gestemmten Händen den Kopf hielt und in seinen Römer blickte, wie auf den Grund eines rätselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen blickt, wo die Sage von verschütteten Horten erzählt ...

Der Major fuhr fort:

Max, das Soldatenkind da, und Josephine, die Polin, galten für Geschwister, ohne es zu sein. Sie liebten sich wie sich Kinder lieben, die zusammen lernen und spielen, und die Nonnen flössten Beiden die ganze Schwärmerei in die jungen Herzen, die sie, der Welt entsagend, nur in ihren Träumen oder in ihrer Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten. Es war leicht erklärlich, dass man Max als Katoliken erzog, ebenso, dass man auch ihn Leidenfrost nannte, weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen Namen stolz waren. Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefährliches Element unter den Nonnen. Man führte ihn nach Warschau in ein Mönchskloster. Entführen hätt' ich sagen sollen. Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und Hinterhalt genug nötig gemacht haben. Dort im Warschauer Kloster erzählt die Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Brüning, genannt Leidenfrost, Streiche, die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden. Josephine blieb bei den Nonnen, bis Sibylla, die Äbtissin, eine herrliche, verständige Dame, den geringen Beruf des Mädchens für die geistliche Welt erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte. Äbtissin Sibylla gehörte dem altpolnischen Adel an. Josephine und Max sahen sich wieder und die Liebe des jungen Halbnovizen für seine Namensschwester wuchs. Ich will die Abenteuer nicht ausmalen, die der romantische Sinn der zusammenerzogenen, für Geschwister geltenden jungen Leute ...

Der Major unterbrach sich:

Hab' ich nicht Recht, Max?

Leidenfrost hob den Kopf und schüttelte ihn lächelnd:

Ich bin stumm gewesen und höre nur! sagte er.

Es war mir doch, bemerkte der Major zur Flamme emporsehend, als hört' ich ... doch ich bin bewegt und meine Phantasie überhört vielleicht, dass ich selbst der Sprecher bin. Genug, Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck, aber welche Kämpfe hat es gekostet, bis ich sie mir errang! Ich lernte sie vor zwölf Jahren in Warschau kennen, hangend und bangend in Liebe um ihren teuren Max, der, um nicht Priester zu werden, vor zehn Jahren entflohen war, verkleidet als Bedienter eines russischen Vornehmen, Otto's von Dystra. Welch' ein Verkehr hatte sich zwischen ihnen entsponnen! Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach äusserer Bewährung eines inneren Genius, der in ihm rauschte, ohne dass er ihn bändigen konnte. Was hatte er bei den Mönchen gelernt? Nichts als nur schreiben, aber zierlich, malerisch schön! Eine Künstlernatur lebte in ihm, ihm unverständlich. Er konnte kaum noch richtiges Deutsch, er musste in Allem von vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln, seinen Geist zur Höhe zu bringen. Statt Maler Anstreicher, statt Bildhauer Drechsler! ... Josephine galt in dem haus, wo sie lebte, für eine Waise, ohne Lebensansprüche. Sie liebte Max und empfing seine Briefe, die sie beantwortete, wie Heloise die Briefe des Abälard beantwortete. Max raffte sich immer gewaltiger empor. Immer bedeutsamer wurde sein Talent. Er war Künstler, Maler; er konnte stolz sein, Josephinen einst seine Hand zu bieten. Da sah ich dies reizende Mädchen in Warschau, wie ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin. Ich liebe Josephinen sogleich, trag' ihr meine Hand an und trotzdem, dass durch die Papiere, die Brüning in Russland dem toten Vater abnahm, des Mädchens wahrer Name, ihre adlige Herkunft allmälig entdeckt wird, schlägt sie meine Bewerbung aus und reist nach dieser Hauptstadt, um den inzwischen hier zur Geltung, zur selbstständigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen ... da ...

Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten:

Bin ich ein Tor, dass ich diese Erzählung begann? Was führt mich darauf!

Die Freunde drückten ihren Dank, ihre grösste Spannung aus. Louis Armand, der sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte, schien besonders bewegt ...

Aber der Major sagte:

Nur der Trieb, Ihnen zu sagen, warum ich gern mit Ihnen lebe, gern in Ihrem Kreise bin, meine Herren, öffnete mir die Zunge zu dieser Geschwätzigkeit ...

O wohl! lachte Leidenfrost auf. Mit den sogenannten Verstandesmenschen, wofür der Major gilt, geht gewöhnlich die ganze Logik durch und reisst der Verstand alle Stränge, wenn die einmal auftauen und ihr Herz zeigen wollen. Die geschichte ist ganz einfach. Josephine kommt hierher. Der Hauptmann