1850_Gutzkow_030_545.txt

grund ginge; ob es jemals möglich werden dürfte, den Adelsgeist, der hier und da sein Gutes hat, dem grossen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen, Das möchte' ich wohl wissen. Ich gestehe, dass ich ein Grauen empfinde vor dem Tage, der früher oder später kommen wird, wo wir Soldaten in der Lage sein werden, gegen den Geist der Zeit einzuschreiten und gegen bessere Überzeugung mit der Waffe aufräumen zu müssen. Ich läugne gar nicht, dass ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit herumgezerrtes Heer, ein Heer, das etwa einem Parlamente verpflichtet wäre und nicht wüsste, wer ihm Befehle zu geben hat, sich bald auflösen würde. Ich weiss aber auch, dass Heere, die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe festielten, wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden; denn mögen unsre alten Obersten noch soviel in den Kasernenhöfen fluchen, mögen sich die Leutenants noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehäusern Muts erholen, mögen die jungen avancementssüchtigen Referendare und Assessoren, die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten, noch so bramarbasiren, ich sehe doch, dass der Unterbau morsch ist. Die Gesinnung des gemeinen Soldaten steht nicht so fest, wie sich die Offiziere den Anschein geben, sie überall vorzufinden. Das Reglement des Schiessens reicht aus. Die Attake wird schon schwieriger sein und für einen Feldzug voll Mühen und Entbehrungen glaube' ich bei unsren Armeen ohne grosse neue volkstümliche Begriffe nicht einstehen zu können.

Leidenfrost pries die Krieger, die es in zweifelhaften Momenten mit dem volk hielten.

Sagen Sie Das nicht, alter Freund, bemerkte der Major. Ich habe die Art, wie in Frankreich die Regimenter schwanken, nie billigen können und immer eine moralische Abneigung empfunden, wenn es hiess: Die Linie ging über! Glauben Sie mir, Leidenfrost, Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden zug zum tod so rührend gesprochen, dass ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt begreife, warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohltat sein kann. Allein nicht bloss dieser Zug, der mir vorkommt, als sollt' ich sagen: Unsre Zeit ist gleich einem Standbilde von Marmor, dessen Augen ohne Augensterne sind ... nicht nur, dass diese toten Augen uns rühren, rührend ist auch in dieser Zeit der Jammer der Pflicht. Die Pflicht, meine Herren, ist die Träne im Auge des Kriegers. Es liegt etwas Majestätisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort. Lassen Sie mich wieder ein Bild brauchen. Diese schweren Pflichterfüllungen erinnern mich an jene sterbenden Gladiatoren, die hingesunken, erschöpft und todesmatt an der Erde liegen, noch einmal die arme stützen, um sich zu erheben und doch schon den Kopf sterbend sinken lassen, freie Menschen, die gefangen in der Lage waren, gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute, die in gleichem künstlichen und beklagenswerten Ingrimm ihnen gegenüberstanden, bekämpfen zu müssen, eine Zeitlang, der Ehre wegen, standhalten und dann gern sterben, um ein Leben voller Schande und Sklaverei loszuwerden für ewig.

Der Major schwieg. Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszüge hatte sich verloren. Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem Blicke, der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte. Die rechte Hand hielt mechanisch den grünen Römer, ohne dass ihn Werdeck zur Lippe führte. Ein tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Körper und dessen lebhafte Bewegungen gelähmt.

Leidenfrost reichte dem Major die Hand über den Tisch. Es lag etwas so Schmerzliches in dieser Begrüssung, dass es Allen auffiel und dem Major Veranlassung wurde, in seiner gerührten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen:

Dass ich hier unter Ihnen bin, meine Herren ... Ich dank' es nicht dem Geist, sondern dem Herzen! Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman erzählen, der mich an ihn fesselt! Sie wissen sicher, welche abenteuerliche Bahn seine Jugend durchlief! Er ist ein Soldatenkind und führt den Namen Leidenfrost nuraus gefälligkeit. Leidenfrost. Leiden im Froste! Wo gab es grimmigere Leiden im Froste als 1812! Ein hülfloses kleines Kind, ein Mädchen, liegt in den Armen eines sterbenden Wanderers, der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und die Erlösung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand, in deren Schrecken er sich auf seiner Flucht verirrte. Unter Leichen, unter Eis und blutgetränktem Schnee verschmachtet der Vater jenes Mädchens und die Kleine ist dem tod nahe, als ein vorüberziehender, halberfrorener, fliehender deutscher Soldat das hülflose Schreien des Kindes hört und es aus den Armen des toten Vaters nimmt. Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des toten zum Besten des Kindes an und trägt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Russlands Schneefelder und Eissteppen. Er gedachte eines Knaben, den er selbst daheim bei seinem jungen weib eben vor seinem Ausrücken unter Napoleon's Fahnen zurückgelassen hatte. Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hiess Brüning. Sein Knabe hiess Maximilian, nach seinem König; es war ein Baier. Seinen Pflegling aber, den er aus Russland hinweg auf den Armen trug, nannten entweder Er oder Andere Josephine Leidenfrost. Wenigstens tauchten beide Kinder, Max Brüning und Josephine Leidenfrost, unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf. Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben. Der verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen. Dort brach seine Kraft zusammen; er verfiel dem Typhus, sein Pflegekind, die kleine Tochter des sibirischen Flüchtlings, eines Polen, wurde dem Kloster übergeben. Da suchte den