mit dem volk ebenso. Es ruhte nicht, bis es gehört wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen. Es ist Dies dieselbe Frage, die im Grossen sich jetzt wiederholt. Wir zertrümmern die Ordnung, die wir vorfinden, um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu gründen. Bricht nun vollends etwas Neues an, stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch nur wieder für die alten Regierungsmaximen, für die alten Börsenmäkler, für die alten Kapitalisten, wohlan, so müssen diese ewigen Feinde der Menschheit in Ketten gelegt und unschädlich gemacht werden, bis man sich verständigt hat, ob dies Alles nicht auch anders gestaltet werden könne. Diese Kammern sitzen auch hier und sprechen über links und rechts, über die Geschäftsordnung, über erbliche, nicht erbliche Pairs, über die Rechte der Krone, der Stände, der Wähler, aber Niemand denkt daran, den Staat von unten herauf neu zu bauen. Darum, weil die Nationalwerkstätten in Paris scheiterten, soll das Recht der Arbeit widerlegt sein? Darum, weil ein Experiment misglückt, soll man ein anderes nicht versuchen? Die Armut, das Elend, die Verzweiflung der massen ist da, also auch die noch immer nicht gelöste Aufgabe der Zeit. Ich fürchte eine Revolution der massen, wie noch keine da war. Man beeile sich, ihren Gräueln, die nicht ausbleiben werden, bei zeiten vorzubeugen! Man organisire die Arbeiter zu Vereinen, stelle erleuchtete Köpfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem Nachdruck, den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert, den Menschen gegenüber, die jetzt den Staat machen, nicht mehr allein, nicht mehr hülflos, nicht mehr in dumpfer Verzweiflung; Das ist die Meinung eines Arbeiters, der die Lage seiner Brüder kennt!
Louis Armand hatte diesen Vortrag, unterstützt von Siegbert's Nachhülfe, in ausreichendem Deutsch lebendig und erwärmt beendet und Dankmar gab ihm das zeugnis, dass er auf Egon grossen Einfluss müsste gewonnen haben, stimmte er doch fast wörtlich mit manchen zufälligen Bemerkungen des Prinzen zusammen, nur dass dieser – wie Dankmar hinzusetzte, – leider – noch immer zu glauben scheine, wie mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen könnte.
Leidenfrost murmelte und brummte. Er meinte, seine Arbeiter wären keine Philosophen. Die wollten arbeiten, auch manchmal hungern, nur sollte Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrschen! Die Communisten im Handwerkervereine wären Näscher, Faullenzer, Lärmmacher. Er nannte mehre. Doch unterbrach er sich selbst, da er Louis Armand's Äusserungen wegen einer gewissen sentimentalen Wehmut seines Vortrages achten musste. Auch Werdeck, an den nun die Reihe kam, sprach seine Zustimmung zu Vielem aus, was dieser ihm immer mehr gefallende junge Franzose gesprochen hatte.
Der Major der Garde, ein Adeliger, Herr von Werdeck, in einer solchen Debatte mit einem Advokaten, einem Techniker (so wollte sich Leidenfrost bezeichnet wissen) einem Maler und einem Handwerker ... Das ist allerdings das Bild einer aufgeregten Zeit! Die öffentlichen Angelegenheiten hatten Alle ergriffen. Jede Schranke war wenigstens für einige Zeit gefallen. Man kehrte zwar bald in seine alten Lebensstellungen zurück, aber Mancher behauptete sich doch noch auf dem vorgerückten Standpunkte und verbrannte wohl gar die Schiffe, die ihn zu seiner früheren Existenz zurückführen konnten. Werdeck fühlte und sagte dies selbst. Er begann:
Meine Herren, dass ich mich in Ihrem Kreise befinde, ist für mich eine Veranlassung, persönlich zu werden; denn wenn irgend Jemand ein verlorener Posten ist, so bin ich es. Sie, meine Herren, können sich kaum so in der notwendigkeit, einen bestimmten Entschluss zu fassen, befinden, wie ich. Sie lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde, Ihrer Standesgenossen an. Ich dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein. Ich fühle vollkommen, wie sehr meine Stellung exceptionell ist. Es ist ein gehässiger Anstoss, den ich nach allen Seiten gebe. Vor einigen Monaten fiel es nicht auf, dass ein Offizier Politik trieb. Man hatte das Heer aufgegeben, gedemütigt, man wollte es dem allgemeinen Bürgergeiste unterordnen und sah es gern, wenn der Offizier auf diese Calamität einging, gute Miene zum bösen Spiel machte und sich der allgemeinen Debatte anschloss. Der Hof gewann dadurch die Beruhigung, dass die Zugeständnisse, die man gegeben hatte, auf einer inneren notwendigkeit beruhten. Wenn der Adel, wenn der Offizierstand politisirte, dachte man, so merke man nicht, was oben die Angst des Gewissens sprach. Ja man hat uns sogar aufgefordert, uns an der Debatte zu beteiligen. Man hat es gewünscht, dass wir uns hier und dortin wählen liessen und nicht nur unsere Fachkenntniss geltend machten, sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen Dingen dem alten Stock- oder Zopf-Soldaten bewiesen, wie wenig sein Kastengeist noch für diese Zeit ausreiche. Bald änderte sich Das. Die Ausschweifungen jener Demokratie, die man die einfache Strassenherrschaft nennen musste, machten das demokratische Princip selbst verdächtig. Manche zogen sich zurück, um nicht mit dem Pöbel in Berührung zu kommen; Andere, weil sie sahen, dass die Politik der Fürsten bereits eine andere war als selbst vorläufig noch die der Ministerien. Es galt nun für guten Ton, als Offizier sich von allen öffentlichen Kundgebungen fern zu halten, höchstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen, der zuerst von den Gutsbesitzern, Landräten, den Pensionairs angeschlagen wurde. Auch ich zog mich zurück und folgte dem Beispiele fast jedes höheren Militairs und trat in den Reubund. Meine Herren,