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zum tod statuiren wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn nicht teilnehmen liess an einer möglichen Verbesserung des Lebens! O diese sehnsucht zum tod kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen! Schon jetzt ist es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen, ja auf den Tronen als Brutusse gebehrdet, die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieser zweideutige Heroismus überhand nähme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es lieb gewänne, nicht bloss selbst zu sterben, sondern auch sterben zu sehen ... Nein, nein, Leidenfrost, lassen Sie uns versuchen, eine mildere Formel zu finden, die das grosse Rätsel unserer Zeit löse und die Menschenlebenfordernde Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt!

Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich, seine Einmischung, seine Teilnahme an diesem gespräche hochgebildeter Männer entschuldigend, auf Siegbert's Seite, ohne jedoch die drohende Stellung eines bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrost's Meinung ganz überflüssig zu finden. Es ist schlimm genug, sagte er, dass derselbe Arm, der kaum stark genug ist, seine Arbeit zu verrichten, nun auch noch die Waffe führen soll, und dass dasselbe Leben, das so arm an Freude ist, sich auch noch hinzugeben hat gegen die Tyrannen. Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stände, die von der überlieferten Ordnung der Dinge unverhältnissmässige Vorteile für sich und die nächsten Ihrigen ziehen. Unsere zivilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen. Das höchste Recht, der Gipfel des Rechts, die Consequenz des Rechtes ist zum grössten Unrecht geworden. Dass ein Vater seinen Kindern die Früchte seines Fleisses hinterlässt, gehört ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten. Dass sich dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen zeiten wiederholen darf, ist der Fluch der Gesellschaft geworden. Die Könige denken nicht daran, dass sich das Erbrecht einmal modifizirt, die Adeligen denken es nicht, die Reichen nicht. Die Könige hat man aber gezwungen, ihr Erbrecht zu modifiziren durch die Constitutionen; die Adeligen gleichfalls durch die Aufhebung der Leibeigenschaft; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu modifiziren! Was ist die Einkommensteuer? Eine Lüge! Eine Illusion! Sie gibt ein kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die Lage Derer, die gegen die sich aufhäufenden Reichtümer nichts gegenüber zu stellen haben als die sich aufhäufende Armut. Die Riesen, die sonst die Welt unsicher machten und Menschen frassen, sind ausgerottet, wenn sie jemals lebten. Aber die viel grösseren Riesen, die Capitale, sind da und Niemand kann ihre Existenz leugnen. Sie sind die wahren wilden Ungetüme, die die Gesellschaft unserer Zeit unsicher machen, die ihre Mitglieder in Höhlen locken, wo die Gebeine der Geopferten modern. Ich weiss, dass es eine gleichmässige Verteilung der Güter nicht geben kann. Ich bin kein so törichter Communist, dass ich glaubte, mit der numerischen Anzahl der Menschen liesse sich in die numerische Anzahl der Werte dividiren und was da herauskäme, wäre Das, was jedem Einzelnen gebühre. Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Fürsorge, die wir doch als Gottes Weltplan anerkennen müssen, darf nicht fortdauern. Der Staat darf keine Ausbeute Derer bleiben, die seinen Sprungfedern nahe stehen und die elastische Kraft derselben nur benutzen, sich selbst zu heben. Die Staatsmänner müssen Erfindungen machen, die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen, mit denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten. Machen Sie mich, meine Herren, mit diesen Arbeitern, Ihren Freunden, bekannt! Ich will sie nicht lehren, übermütige Forderungen zu stellen. Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase. Ich habe mich überzeugt, dass in Paris der Trägste und Genusssüchtigste am meisten jammert und künstliche Tränen in den communistischen Clubs vergiesst. Ich stelle neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit, aber ich glaube, dass die Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen. Sie leiden am Kapital. Sie dienen nur dem Unternehmer. Sie sind dem Jammer der ungeschützten Production ausgesetzt.

Sie erzeugen Werte, ohne sie absetzen zu können. Sie können nicht von heute auf morgen denken, da sie in ewiger Ungewissheit über ihr los zittern müssen. Der Staat denkt an Alles, nur nicht an sie. Er beachtet sie nur, wenn sie als Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man fürchtet, dass sie sich zu Emeuten zusammenschaaren. Die social-demokratische Lehre will, dass der Staat des Mittelalters aufhöre und auf der Basis der Menschen, die arbeiten, neu erbaut werde. Es sind vielfache Vorschläge gemacht worden, diese Forderungen zu verwirklichen; sie scheiterten, weil man glaubte, an die Stelle der früheren Isolirung die Allgemeinheit setzen zu müssen. Man irrte sich, meine Herren! Die Allgemeinheit muss die vernünftige Isolirung mit in sich aufnehmen können. Die Isolirung liegt einmal im Menschen. Der Mensch wird immer darauf hinauskommen, eine Familie zu begründen. Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht überwuchern. Der Staat darf nicht dafür da sein, nur die Familie allein zu garantiren, er muss Institutionen bieten, die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen. Weist er diese Forderung als utopistisch zurück, wohlan, so ergreift die Flinte und sterbt eher auf der Barrikade, als dass ihr länger duldet eine Existenz, die nur den Rechnenmeistern, den Börsenmäklern, den Vornehmen zu gehören scheint! In Rom, weiss ich, war es einst