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unsre heutige Aufgabe machen, umsomehr, als der Willing'sche Maschinenbauer- und der Handwerkerverein, die tüchtigsten und massgebendsten Mustervereine im ganzen staat, uns drängen, ihnen eine Parole zu geben.

Louis hatte die Schelle gezogen. Der Kellner kam, räumte ab, ergänzte was fehlte und entfernte sich.

Mein Process, begann jetzt Dankmar, der Werdeck's und der Freunde Interesse an diesen Erörterungen nicht zu schüren brauchte, da sie ihm Alle in dem eifrigsten Streben, sich klar zu werden, entgegen kamen, mein Process ist denn nun also ein Bild unsrer Zeit geworden. In Ihrem Sinne, Leidenfrost, zieh' ich gleichsam die humoristische Consequenz aller Torheiten unsrer Epoche. Ich sage gleichsam den überlieferten Halb- und Scheinrechten: Da ist ja nun auch ein Recht, das dreihundert Jahre alt ist, wie Eure Gewalt. Ich will es haben und fort mit Denen, die von meinem Rechte Vorteil genossen! Steht auf! Ich setze mich mit meinem Bruder dahin, wo Ihr sitzt! Wir wollen für uns allein, was durch den Lauf der zeiten allgemeiner wurde! Der Major Werdeck sagt, dass diese Sprache unpopulair ist und ich stelle mich auf seine Seite. Ich weiss, nicht nur die Schlurck's und Gelbsattel's sind gegen mich ergrimmt, sondern viel achtbare Menschen und wenn sie einen Titel in den alten Papieren, hier über uns in dem Archive vielleicht, finden könnten, die alle unsre Hoffnungen zu Schanden machten, sie täten es nicht mehr wie gern. Deshalb hab' ich mich entschlossen, auch nicht persönlich zu erben.

Was heisst Das? fragte man. Nicht persönlich?

Mein Bruder ist schon davon unterrichtet, er kann es erklären! sagte Dankmar und füllte rundum die Gläser.

Dankmar hat einen kühnen und grossen Gedanken, ergänzte Siegbert, dessen Ausführung weltistorisch sein könnte, wenn es noch möglich wäre, dass ein Einzelner etwas Weltistorisches durch seinen einfachen Willen hervorriefe.

Einfacher Wille? berichtete der Bruder. Vergiss nicht, dass ich von mir und dir eine Million in Händen habe. Geld ersetzt den Glorienschein der alten Propheten.

Sie machen uns neugierig, sagte Werdeck. Was projektiren Sie denn?

Dankmar weiss, dass ich mich in den Gedanken des Reichtums nicht finden kann. Für unsre gute Mutter ist leidlich gesorgt. Der Bruder und ich, wir Beide werden uns schon im Leben zu behaupten wissen. Aber ...

Ihr wollt den Process aufgeben? fragte Leidenfrost.

Das nicht, antwortete Siegbert. Nur eine andre Wendung soll er erhalten. Warum sprichst du dich nicht selber darüber aus, Dankmar? Deine abenteuerliche Chimäre, die Erbschaft nicht für uns, sondern für den Templer- und Johanniterorden, der in alter Weise nicht mehr existirt, zu verwenden, musst du mit eigenen Worten wahrscheinlich machen. Du verstehst zu überreden.

natürlich erregte die Erwähnung eines Ordens grosse Spannung.

Eh' ich spreche, sagte Dankmar, tu' mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen und sage mir erst, was er für die Pflicht des ehrlichen Mannes in diesen schwierigen Tagen hält! Da werdet Ihr sehen, dass guter Rat teuer ist und meine Vorschläge vielleicht noch das Billigste sind. Indessen lass' ich Euch die Vorhand. Wisst Ihr Besseres, wohlan, so folg' ich Eurem Plane. Soll zugeschlagen werden? Soll nur zugeschaut werden? Soll die Flamme der Empörung lodern? Soll das Blut ...

Bruder! rief Siegbert. Was sprichst du? Sind wir hier sicher?

Diese Wände sind elephantendick, sagte Leidenfrost. Nur der Akustik dieses Kreuzes da oben trau' ich nicht ...

Man blickte hinauf zur Gasflamme.

Wie ruhig da die Flamme emporzüngelt! sagte Dankmar. Oben könnte uns höchstens eine Ratte belauschen und käme sie der Öffnung zu nahe, würde sie sich die Nase verbrennen. Wir haben hier kein andres Ohr als unser eigenes. Siegbert, sage du, was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes scheint, aber drücke dich so aus, dass wir den Arbeitern, dem Handwerker, dem Bauer wie dem Dichter und Denker davon eine Anweisung zum Handeln, zum Glauben und Hoffen geben können.

Es entspann sich zwischen diesen fünf Männern jetzt eine Erörterung von den eigentümlichsten Folgen und einem Ernste, der uns zur Pflicht macht, jede ihrer Äusserungen auf das Gewissenhafteste zu berichten.

Achtes Capitel

Die neuen Templer

Siegbert zuerst lehnte jede Gewalttätigkeit ab. Er läugnete nicht, dass ihm der ganze status quo unserer Verfassungen, politisch und gesellschaftlich, misfalle und das Meiste davon überlebt scheine ... Aber, sagte er: Ich kann mir unser Leben nur so denken wie einen Garten, den der Gärtner im März zum Frühling und Sommer vorbereitet. Der Schnee ist geschmolzen, mildere Lüfte wehen aus Westen, wenn auch noch sturmartig, doch nicht mehr schneidend. Schon bricht neben dem Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist, der kleine grüne Keim des neuen Wachstums an den Zweigspitzen der Sträucher und Bäume hervor. Der Gärtner schont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm überflüssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint. Da liegt der Boden voller Äste und nicht bloss voll alter, schon verdorrter, sondern auch manches vorwitzige Frühlingsreis musste schon mit. Unsere Gartensäge ist die Debatte und das Gesetz. Ich verwerfe jede Gewalttat. Der Mensch ist immer ein wildes Tier. Er mag nur einmal Blut