unserem rücken Niemand will, dass sie sich verwirklichen.
Ihr Herr Bruder sagt' es, bemerkte Werdeck. Und ich versichere Ihnen, es ist fast die allgemeine stimme.
Dankmar schrak fast zusammen. Es liegt etwas Furchtbares in diesem Drucke, der auf unser Gemüt lastet, wenn man so plötzlich über unser innerstes Wollen und eigenstes Schaffen ein Urteil hört, das sich für das allgemeine der Welt ausgibt. Man hat in der Stille sein Werk gezeitigt, man hat es den nächsten Freunden und Teilnehmenden entüllt, es gehört nun dem Allgemeinen an. Die Urteile fliessen anfangs spärlich. Sie sind wohlwollend, sie scheinen befriedigt. Da geht es plötzlich wie ein Vorhang auf. Das Werk, das vergessen, unbeachtet geblieben schien, hat Alle im Stillen interessirt und nun bricht ein Lärm, ein Durcheinander von Meinungen, Ansichten, Widerlegungen auf uns ein, dass man erschrocken fast die Besinnung verliert und sich vorkommt wie überfallen von einer heimlichen Verschwörung.
In dieser peinlichen Lage war Dankmar, als ihm Max Leidenfrost beisprang, den grünen Römer auf den Tisch schlug, das lange Haar zurückstrich und ausrief:
Das unterschreib' ich nicht! Wer wird sich denn erstens an die Menschen kehren, was die sagen und die meinen! Können Unbilden durch die Jahrhunderte jemals gerecht werden? Wenn wir zugeben, dass Jahre die moralischen fragen zudecken, beseitigen, entfernen, dann ist ja unser ganzer Kampf um die grossen Ideen des Weltalls nichts, und an die elektrische Strömung der Offenbarung, die wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen soll, kann dann schon kein Mensch mehr glauben. Das Erbrecht ist eine der wunderbarsten Strömungen der zeiten. Wollen wir's, weil es mit Unrecht verbunden wäre, abschaffen, so gebt etwas Neues dafür! Aber etwas Vernünftiges, Cohärirendes! Cohäsion muss sein. Zusammenhang ist Leben! Bis jetzt bin ich noch der Meinung, dass man mit der Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menschheit aus ihren sittlichen Fugen bringt. Das sag' ich trotz meiner Schwefelhölzer, mit denen ich Taktik studire, um unseren Aristokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern, mit einer Armee, die sich finden muss.
Man lachte, weil man Leidenfrost's strategischen Selbstunterricht kannte. Louis Armand aber meinte, das Erbrecht wäre doch der eigentliche Grund aller Leiden der Menschheit. Ihm verdanke man die Aufhäufungen der Kapitalien, ihm die ungerechte Verteilung der Lebensgüter, ihm den Fluch, der auf ganzen Generationen läge. Das Erbrecht wäre ein fortlaufender Protest gegen das Glück der Menschheit.
Wohlan! rief Dankmar, sich sammelnd. Da wären wir ja gerade bei unserm Gegenstand. Heute wollten wir uns über den Feldzugsplan jedes aufgeklärten und ehrlichen Mannes in dieser Zeit unterrichten, sogar Verabredungen für irgend eine gemeinschaftliche Unternehmung treffen und nun ist meine eigene und meines Bruders persönliche Angelegenheit förmlich ein Symbol der Frage unseres Jahrhunderts, wie sie einmal ungelöst dasteht. Es ist unwiderleglich; um das Recht der person, um die nachwirkende Kraft der Vergangenheit handelt sich Alles. Ist der Staat etwas Allgemeines, das aus dem Wohle jedes Einzelnen und dem Wohle von Familien, Geschlechtern, Gruppen und Sippen oder nur aus lauter sich selbst bestimmenden Individuen zusammengesetzt ist, die nur lose zusammenhängen und sich nicht gegenseitig bedingen? Wenn mein Process unpopulair ist, wie Sie sagen, Herr Major, und wie ich es selber fühle, seitdem Siegbert's Takt mich irre macht, so sollte Vieles unpopulair sein, was sich von der Vergangenheit als reines Personeninteresse forterbt ...
Die Monarchie und der Adel vor Allem, brach Leidenfrost hervor. Ob der alte Ritter Wildungen seine Erbschaft antrat oder nicht, bleibt sich doch wohl gleich, sogut wie Einer zufällig seine Krone verliert und darum ihr Recht nicht aufzugeben braucht. Beweist man Jemanden, dass ein Recht schädlich ist und der Verlust seiner Krone ein Glück für die Völker, gut, so ist sein Personenrecht todtgeschlagen; aber wer beweist Ihnen, dass Ihre Million, die Sie beanspruchen dürfen, ein Nachteil für den Gegner ist? Ich will gerade, dass dies Ihr lebendiges Beispiel den Aristokraten und Monarchen zeige, was sie an sich selber nicht glauben wollen, dass das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings seine Grenzen haben sollte.
Ah, sagte Louis, da geben Sie doch schon von dem Erbrechte etwas heraus! Sie wollen nur eine Consequenz ziehen, nur eine Lektion geben.
Nur vernünftig, nur poetisch beschränke man das Erbrecht! fuhr Leidenfrost fort. Es muss durch Ideen, nicht durch willkürliche Taxen oder Klugheitsregeln beschränkt werden. Wer eine Million erbt, muss dem Staat nachweisen, dass er diesen oder jenen allgemeinen Gebrauch von seinem Vermögen anstellt. Er behält dabei nach dem Willen des Erblassers den Genuss. Ruhm aber ist auch Genuss; Dankbarkeit, Ehre, achtung ist auch Genuss. Nur nicht das Erbrecht völlig aufheben! Das hiesse jedes Band der Liebe, Zärtlichkeit, der Hoffnung aus dem Leben nehmen, zu geschweigen, dass uns kein Schneider mehr einen Rock borgen würde, wenn er immer beim Massnehmen auf unser Gesicht sähe, ob wir nicht etwa den hippokratischen Zug haben und einen Tag nach dem ersten Sonntag, wo wir den neuen Rock tragen, seine Rechnung durch den Tod quittiren.
Man sieht aus den Widersprüchen, in denen Ihre Gedanken noch mit sich selbst befangen scheinen, lieber Leidenfrost, sagte Dankmar, wie schwierig diese fragen sind, und wenn wir geschellt haben, die Trümmer unsrer Beefsteaks beseitigt sehen und eine Ergänzung des Rüdesheimers vor uns steht, so wollen wir uns an