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der Prinz nicht antworten. Man scherzte, man lachte, man war über die Maassen vertraut gegen einander und doch hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrängt, wofür sie keinen Namen anzugeben hatten ...

Die vier gefährten stiegen nun die Stufen hinunter, die in den Ratskeller führten. Wie die in einem Gewichte gehende Tür hinter ihnen zufiel, sahen sie am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Tür huschen.

Kommen auch Damen in den Ratskeller? fragte Dankmar erstaunt und wandte sich zu dem Küfer, der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte Kabinet führte.

Es sind wohl Fremde! sagte der Angeredete lachend. Ein Herr mit zwei Damen will dort Champagner trinken.

Wohl bekomm's Ihnen! sagte Leidenfrost. Worüber werden wir uns denn einigen?

Sie waren in der grünen, gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die kräftigen neu gebeizten Eichenstühle um einen runden Tisch. Der Major war noch nicht da. Der Kellner aber sagte, dass er des Majors Geschmack kenneRüdesheimer.

Bringen Sie Rüdesheimer! antwortete Dankmar, und so viel Beefsteaks, wie Sie fertig haben.

Das ist vernünftig, sagte Leidenfrost, denn ich esse deren mindestens zwei. Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben, dass ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann.

Sie sind ja so einsylbig, Louis? fragte Siegbert. Was haben Sie?

Ich war bis jetzt in der kammer, antwortete Louis Armand.

In der Abendsitzung? Nun, wie war es? rief man einstimmig.

Die Regierung verlangt eine Abänderung der Geschäftsordnung. Das Ministerium will zu jeder Zeit die erlaubnis haben, vor, während und nach der Debatte seine Meinungen zu äussern ...

Empörend! unterbrach Dankmar. Als wenn das Ministerium die kammer bei sich zu gast hätte und nicht die kammer das Ministerium! Aber der Antrag geht nicht durch.

Das Ministerium machte die äussersten Anstrengungen.

Das glaube' ich wohl, ergänzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch, der ihm so glatt, so eben schien, dass er vielleicht an seine Schwefelhölzer dachte; eine Debatte kann da im besten Abschluss sein, die Halben, die Furchtsamen sogar sind vielleicht für die populaire Auffassung gewonnen, man will abstimmen und plötzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien an, sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen, die von ihnen abhängig sind und gegen sie stimmen wollten.

Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht, ergänzte Dankmar.

Das lässt sich leicht erklären, sagte Leidenfrost. Sie wissen, dass sie unhaltbar sind und ergreifen die erste gelegenheit, sich aus allen Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen.

Es hiess nun: Sprach Egon nichts?

Louis erzählte, dass Justus, der eine Partei in der kammer zu vertreten scheine, Egon veranlassen wollte, diese Debatte kurz durch einige treffende Worte zu beenden. Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus' Benehmen, seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt. Befremdet aber hätte es ihn, wie Justus selbst, dass Egon ihm Auseinandersetzungen machte, die nicht mit der Majorität übereinzustimmen schienen.

Man behauptete erstaunt, dass sich Louis wohl geirrt hätte und war der festen Meinung, Egon hätte nur nicht sprechen wollen, würde aber mit der Majorität stimmen. Louis konnte nichts erwidern, denn er erzählte, in Mitte der heftigsten Debatte wäre er gegangen, da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen wollte. Die Sitzung könnte sich so, wie sie angefangen, bis in die Nacht hinziehen ...

Indem trat der Major von Werdeck ein. Er kam in seiner Uniform, die ein Mantel verhüllte, grüsste sehr freundlich, bot Louis Armand, der ihm vorgestellt wurde, leutselig die Hand und fragte, ob er es mit der Wahl dieses kleinen Closetts recht getroffen hätte?

Man fand dies kleine grüne, blendendhelle Kabinet allerliebst und kündigte dem Major an, dass man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte, als man Rüdesheimer bestellte.

Wohl, sagte er, die Traube vom Turm des alten Brömsers gehört in diese Kellerhöhle. Er soll uns die Zunge lösen und die Flammen der Mitteilung schüren. Wissen Sie schon, dass das Ministerium diese Nacht nicht überlebt?

Wir hörten eben, dass es aus einer Frage der Geschäftsordnung eine Kabinetsfrage gemacht hat, sagte Dankmar.

Es ist ein Coup der Verzweiflung, meinte Werdeck. Die Herren nehmen den ersten besten Strick von unten und warten nicht erst, bis die seidene Schnur von oben kommt. Hanf oder Seide, es tut hier denselben Dienst.

Der Kellner brachte die Beefsteaks. Man setzte sich um den runden Tisch. Louis, voll Spannung und schüchtern, doch bald von Werdeck's feinem weltmännischen Tone ermuntert. Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn, bewunderte seine Fertigkeit, sich deutsch auszudrücken, pries die politische Haltung seines Freundes, des Prinzen Egon, der unstreitig der Volkssache grosse Dienste leisten würde, und dafür sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden. Denn man wisse Alles, was Egon und Louis zusammen erlebt hätten.

Louis wagte so viel Zugeständnisse kaum anzunehmen. Er erwiderte, und wenn diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu stand gebracht hätte, als dass die Stände einmal ein wenig durcheinander gerüttelt worden, so wäre Das schon ein Resultat.

Siegbert taute ein wenig auf. Bewegt von dem Vorfalle mit Olga, vorwurfsvoll über sich selbst und ernst gestimmt, hatte er zuweilen empor geblickt und seine Gedanken, wie manche matematische