verstimmt, besucht, um sich aufzuheitern, hätte Egon aber in eine Trauer, eine Abwesenheit versunken gesehen, die ihn wahrhaft erschreckt hätte. Auf genauere fragen hätt' er nicht Rede gestanden und nur zuletzt eingeräumt, dass ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen Mitteilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer über die Vergangenheit erfüllten. Wie man aber, fügte Louis Armand hinzu, wie man aus Trauer leichtsinnig, aus Schmerz verschwenderisch werden kann, begreif' ich nicht. Die Freunde hatten Louis um Aufklärung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte ihnen gesagt: Alle guten Vorsätze, die Egon für sein Hauswesen gefasst, sind plötzlich verschwunden. Jede Mahnung an die Ersparnisse, die er sich auferlegte, wies er ab. Menschen, die ihm verhasst waren, die er nicht mehr um sich leiden mochte, behielt er. Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte, sagte er scheinbar scherzend, aber doch voll Ernst: Bester Freund, die Rücksicht auf Ahnen ist kein leerer Wahn! Mein Vater hat Das so geordnet. Ich will es so lassen. Und nun statt irgend etwas von Dem, was er sich vorgenommen, wahrzumachen, erlebt' ich, dass er den Bankier von Reichmeier zu sich kommen liess, sich erst mit ihm über dessen Ansprüche verständigte und sogleich ein neues bedeutendes Anlehen schloss ...
Darüber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun, wie Egon plötzlich einige neue glänzende Equipagen zeigte, seinen Stall von Lasally und dem pferdekundigen Levi neu ergänzen liess, die Zahl seiner Bedienten vermehrte und ihnen allen eine Livree vorschrieb, die er selbst zeichnete. Alles Das in einem Zeitraum von vierzehn Tagen, mitten in der raschen, ihm von Justus, dem Volksmanne, erwirkten Nachwahl, mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes der Stände.
Auch die Beziehung zu Pauline von Harder, zu Guido Stromer, zu der Zeitung "Das Jahrhundert" war zur Sprache gekommen. Niemand begriff, wie nun sich Egon jener Frau so eng anschliessen konnte. Alle Welt wusste bereits, was sie der Mutter des Fürsten und ihm selbst schon angetan hatte, und dennoch dieses enge Band! Über Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon gesagt: Lieber Freund – diese traulichen Bezeichnungen dauerten natürlich noch fort – Lieber Freund, du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nähe! Dieser Stromer ist Pfarrer, Vater, Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in eine Laufbahn, bei der er Würde und Alles daran gibt! Ich streite ihm die bedeutendsten Gaben nicht ab. Er hat unfehlbar einen reichen, cultivirten Geist und viel Beruf, Dinge, die in der Menschenbrust schlummern, auszusprechen. Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer. Ein Gelehrter, ein Stubenmensch, ohne Weltton, ohne Lebensauffassung, wird plötzlich, wie soll ich's nennen, wild! Es fällt ihm ein, dass er schwärmen könne, und wie schwärmt er? Die Seinigen lässt er daheim, seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern. Das sind die gefährlichsten Repräsentanten des Geistes, die, alles Charakters baar, nur nach ihren persönlichen Stimmungen sich bald für Dies, bald für Jenes erklären. Weiss er nicht jeder Auffassung eine gefällige Form zu geben? Erfüllt er nicht die innere Leere seines Charakters dadurch, dass er mit Haut und Haar in jede fremde natur hineinspringt und aus ihr, sie lobpreisend, hervorkokettirt? Gib diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle Aufgabe des Lebens durchzuführen, er wird sie verfahren und wenn er sie nicht ehrlos mit Füssen tritt, sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwürdigen! Unfähig, irgend eine geschlossene Production hervorzubringen, raisonnirt er nur und lässt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Facetten eines Diamanten. Dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugänglich. Wer seinen Styl lobt, dem gibt er alle seine Ideen preis. Wer vollends sagt, dass seine stumpfe Nase griechisch, seine geschlitzten Augen kaukasisch, seine hände ebenso zart und weiss, wie sie rot sind, wären, dem stellt er alle seine Eingebungen, das ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfügung. Er wird rot, wenn man seine Manschetten lobt. Kurz er ist ein Mann, der aus der Concentration eines gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anstössig ist schon die geringe achtung, in die er sich versetzt durch sein leicht entzündliches Herz und die Narrheit, mit der er sich in jede Frau, die einmal seine jeanpaulisirende Schreibweise lobte, verliebt stellt.
Egon hatte damals über diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck gesprochen, die sich Stromer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne, während er doch glaube, dass dieser wildgewordene Pedant selbst den Fräuleins Wandstabler nachliefe, wenn diese ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel, wenn auch nur von 175 Graden, ansähen.
Egon erzählte dann auch, dass er die liebenswürdige Tochter des Justizrats Schlurck zuweilen bei Paulinen träfe und verlangte von Dankmar eine genauere Angabe der eigentümlichen Beziehungen, in denen er zu diesem bildschönen Wesen gestanden hätte. Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich auf Das, was Egon von der Hohenberger Reise schon wusste. Auf die Frage, die er dafür an Egon richtete, ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und Helene ziehen könne, wollte seinerseits wieder