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Horcherrolle aber machte ihm Kopfschütteln; dennoch hatte sich sein Menschenhass schon so entwickelt, dass ihm etwa eine Verhinderung der Pax'schen Absichten nicht im geringsten einfiel.

So lag Hackert eine Weile und horchte, ob nicht Schmelzing zurückkäme. Er hatte das Aufschliessen der Tür und das Zuschliessen gehört, aber Schmelzing kam nicht wieder. Wie? fuhr er auf, hat man dich eingeschlossen und dir das Geschäft des Lauschers allein übertragen? Noch eine Weile geduldete er sich. In dem Augenblicke glaubte er etwas knistern zu hören. Er lag ganz im Dunkeln und hätte kaum den Rückweg finden können. Zornig sprang er auf. Wie seine natur war, hatte er sogleich die schlimmste Vorstellung. Er sah sich gefangen, betrogen, irgendwie verraten. Die verzerrtesten Möglichkeiten tanzten vor seiner im Nu entzündeten Phantasie. Er wollte Lärm machen, durch die Kreuze hindurch um hülfe rufen. Jetzt zaghaft und sogleich kleinmütig, gab er nicht nur sich, sondern sogleich auch Die, die ihm vertraut hatten, auf. Da hörte er etwas in der Ferne knarren. Es musste die Tür sein, die aufgeschlossen wurde. Die Erzählung von dem grauen mann kam zur Mehrung seiner Aufregung noch hinzu. Er horchte. Er glaubte Tritte zu vernehmen. Ein Lichtschimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der Vorhalle. Er hielt den Atem an und rüstete sich auf jede Gefahr. Da kamen die Fusstritte näher, der Lichtstrahl beleuchtete die Wände. Hackert stand auf dem Sprunge, dem verdächtigen Ankömmling jedenfalls sogleich die Laterne zu entreissen ... Es war aber Schmelzing, der in der einen Hand mit der Laterne, in der andern mit einem grossen Papiere, in das etwas eingewickelt schien, näher schlich. Seine Phantasie hatte ihn von der Möglichkeit, dass der hartörige College wiederkam, ganz entfernt gehabt. Schmelzing kam und nickte Hackerten zu, ihm das Papier abzunehmen. Es war Brot und Fleisch. Schmelzing war noch auf die Strasse gegangen und hatte Vorräte eingekauft, wofür ihn Hackert loben musste. Behaglich kauerten sie sich nun zur Erde nieder an dem mittleren Gasflammenkreuz, zogen Messer hervor und zerschnitten sich den reichlichen Proviant. Leider hatte Schmelzing vergessen, für ein Glas zu sorgen. Da zog er ein hölzernes Pennal aus der tasche, nahm die Federn und Bleistifte heraus und verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher, einen grossen und einen kleinen. Den kleinen nahm Schmelzing, der nicht viel vertragen konnte, den grösseren Hackert. Mit der Fingersprache sagte Hackert, so hätten die Humpen der alten Ritter ausgesehen, nur wären sie grösser gewesen. Die beiden Schreiber stiessen mit ihren Trinkpennalen an und unterhielten sich, obgleich stumm, auf die heiterste Art. Endlich hörten sie Geräusch. Die Tür der Trinkstube unter ihnen ging auf. Männer traten ein, ein lautes Gespräch begann, jedes Wort schallte in der Wölbung so wieder, wie es unten gesprochen wurde. Die beiden lauschenden Schreiber spitzten die Ohren ...

Unsre Freunde aber, Dankmar, Siegbert und Leidenfrost hatten, als sie von dem Feste der Weinlese bei der Fürstin Wäsämskoi kamen, am Tore sich von den Arbeitern getrennt, die an der Stadtmauer entlang in die Willing'sche Fabrik zurückkehren wollten.

Sie schritten, die kleinen Einzelheiten des Nachmittags wiederholend und Manches, was ihnen, den stillbewegten Siegbert ausgenommen, spasshaft erschienen war, belachend, dem altertümlichen Viertel der Stadt zu. Am Ratskeller wollte sie Louis Armand erwarten. Dass auch Major Werdeck kommen würde, war der Inhalt des von Sandrart überbrachten Billets gewesen. Der Major hatte hinzugefügt, dass er zur Erörterung der längstersehnten Wünsche ganz für den Ratskeller wäre, dessen kleine abgeschlossenen vielgesuchten Zellen der gemütlichen Unterhaltung sehr entgegen kämen: er hätte schon die beste, in der selbst General Voland von der Hahnenfeder, der Altertümler, nicht verschmähe, sich zuweilen einen Trunk Lacrimä Christi zu gönnen, für sie mit Beschlag belegt.

Die Freunde hatten diesen Abend bestimmt, um sich über die grosse Aufgabe der Zeit, die sie Alle beschäftigte, in ihrem Sinne gründlich auszusprechen und diejenige Rolle zu bezeichnen, die sie entschlossen sein wollten, in dem allgemeinen Kampfe der Interessen und Ideen zu übernehmen.

Werdeck war durch Leidenfrost mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden. Schon öfters waren sie hie und da zusammengetroffen und hatten wechselseitiges Vertrauen gewonnen. Zwar lag in Werdeck's scharfhervortretenden Zügen Manches, was beim ersten Begegnen einschüchtern konnte, doch überwanden die sich Annähernden die erste Scheu; hatte doch auch Dankmar lange damit zu tun gehabt, sich mit Leidenfrost zu befreunden, der von der Malerei immer mehr abkam und in neuester Zeit sogar angefangen hatte, sich auf Strategie zu legen. Es war in der Tat kein Scherz, wenn Siegbert erzählte, dass Leidenfrost auf einer bescheidenen Erkerstube, die er bewohnte, eine Menge strategischer Werke, die ihm Werdeck geliehen, aufgeschlagen vor sich liegen hatte und auf einem Tische mit kleingeschnittenen Schwefelhölzchen den grossen und kleinen Krieg studirte. Er fand ihn oft in die Stellungen seiner Schwefelhölzer so versunken und machte mit ihm die berühmtesten Schlachten Alexander's des Grossen, Cäsar's, Eugen's von Savoyen und Friedrich's des Grossen so tapfer durch, dass man die Entzündung der Hölzer befürchten konnte. Die Schwefelhölzer waren je nach ihrer Nationalität und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet. Leidenfrost konnte sich in seinen taktischen Studien so verlieren, dass er unter seinen Tausenden von Schwefelhölzern wie ein Schachspieler sass und irgend einen neuen unbekannten Sprung erfinden zu wollen schien. Er hatte Siegbert ersucht, ihn nicht wegen dieses Unsinns dem Major