, weil ihnen die Welt so gut gehört wie uns. Unsre Massstäbe von Verstand, Herz, Gemüt passen in den seltensten Fällen auf die Menschen. Dieser Hackert konnte demütig werden bis zum Kleinmütigen, ja bis zum Überschlag in eine weiche und klagende Hingebung, und der geringste Erfolg, wie wir an dem Abend gesehen haben, als er Melanie in ihrem Wagen überfiel, schnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und zur widerlichsten Prahlerei empor. In jener Nacht, als er den Brüdern Wildungen ihre üblichen moralischen Voraussetzungen über den Haufen stiess, strafte ihn freilich das Geschick. Eben noch jubelnd von Lust, drohte ihm zum zweiten male ein Überfall, eine noch schimpflichere Mishandlung. Damals gerettet durch die sorgsame Liebe des jungen Mädchens, dem sein zerrissenes Gemüt, seine Bizarrerie imponirte, flüchtete er sich in einen Versteck und verfiel vor Zorn und Jammer über sein los in Krämpfe, Zuckungen und ein stilles Schluchzen, das erst aufhörte, als er, vom genossenen Weine übermannt, halb und halb entschlief. Und in diesem Halbschlafe trieb ihn sein unruhiger kranker Geist empor und führte ihn als Schlafwandler in den Tanzsaal zum allgemeinen Entsetzen. Damals kam ihm die Ideenverbindung der regen Phantasie von selbst auf Louise Eisold, die neben ihm war und ihn stützte. Er sah die Kinder im Geist. Er lehnte sich über ihre Lagerstätten, um ihnen: Gute Nacht! zu sagen. Er sah den Alten, griff nach ihm und fühlte ihn kalt. Er sah, dass er starb. Die Uhr schlug in dem Augenblicke vier. Er erwachte und sank in die arme jenes seltsamen Mädchens, das in ihm gerade den kranken Genius liebte.
Wie Hackert damals von Sandrart, Louisen und Fränzchen nach haus geführt wurde, in der Frühe noch zu Bett ging, dann aufstand, sich auf Alles besann und tief, tief über sich schauderte, da hatte er gedacht: Du musst dich in ein festes Lebensjoch schmieden! Du musst irgend etwas beginnen, was diese bösen Geister deines inneren, diesen ewigen Aufruhr deines Dämons zur Ruhe bringt! Mit Gewalt zwang er sich, den Vorschlägen des Oberkommissairs Pax Gehör zu geben. Und ohne zu prüfen, was doch wohl Alles dieser neue Beruf ihm auferlegen konnte, ohne irgend zu überdenken, welches die Bedeutung seiner neuen Tätigkeit werden müsste, schleuderte er sich mit Gewalt in diesen Beruf, nur um von dem gefahrvollen wilden Vegetiren freizukommen. Er hatte Melanie versprochen, wenn sie bei Lasally die Einstellung seiner Klage gegen ihn durchsetzen würde, sie und Alle in Ruhe zu lassen. Zu Louise Eisold zog ihn nur Wehmut, nur Schmerz, nur Reue. Er wurde feig, unmännlich, wenn er sich die Möglichkeit dachte, ein so edles, tugendhaftes Mädchen zu lieben, er floh sie wie die Tugend. Und weil er auch schon längst das grobe Laster verabscheute, so warf er sich nun zum ersten male wieder in die Arbeit. Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder. Bei Schlurck war er ausserordentlich geschäftskundig geworden, hatte eine Schlauheit, Pfiffigkeit, eine Gewandteit im Auffassen, einen Reichtum von Detailkenntnissen sich erworben, die der Oberkommissair Pax sehr zu schätzen wusste und gern darauf einging, für gröbere arbeiten eher den Schreiber Schmelzing zu beschäftigen. So hatte Hackert seiter hingebrütet in Büreautätigkeit. Er hatte die Genugtuung, dass ihm diese Lebensweise für die Beruhigung seiner Nerven besser gedieh als das planlose Umherdämmern in Busch und Feld, auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen seiner leidenschaftlichen Eingebungen. Bald dachte er früher: Du musst sparen! Es kommt eine Zeit, wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmst! Es kommt eine Zeit, wo du verhungern kannst! Da wurde er geizig, schmuzig geizig. Dann warf er wieder das Geld fort, das er ohnehin in baarem Metall nicht leiden mochte, weil er, wie er sagte, physische Schmerzen davon hätte. Da geschah es ihm wohl, dass er so frech war, einen Fünftalerschein als Fidibus zu einer Cigarre zu verbrennen. In solchen Krisen war er krank und stand in der Nacht auf, unruhig, gequält und erschreckte die Menschen durch sein Nervenleiden, das ihn zum Nachtwandler machte. Seitdem er bei Pax arbeitete, in der einzigen Tätigkeit, die ihm zuletzt doch nur allein möglich machte, sich einen Beruf zu bilden, war sein Wesen ruhiger geworden. Er schlenderte so hin und schlief ruhig. Er dämpfte seine Überreizung ab und sah nicht mehr rechts, nicht mehr links und war auf dem Wege, ein consequenter Menschenhasser zu werden, ein Peiniger, ein Tyrann aller Lebendigen.
Heute zum ersten male kam ihm nun eine Zumutung, wie sie ihm der Oberkommissair noch nicht gestellt hatte. Anfangs zog ihn die Art, wie er in diese Situation geriet, an. Das kam so eigentümlich, so geheimnissvoll. Die Erinnerungen an die Kinderzeit taten ihm wohl. Der Spott über Schmelzing, der Scherz über den Spuk, das Alles stimmte ihn anfangs launig. Wie er nun aber hier auf dem Estrich hingestreckt so allein kauerte, wie da drei gespenstische Kreuze, flimmernd und flackernd, so auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten, wie er sich sagte: Was sollst du hier? Horchen? Lauschen? Da überfiel ihn die Überlegung und sie stimmte eigentlich nicht mit Dem, was ihm genehm war. So Manches war schon vorgekommen, was ihm der Oberkommissair übertragen hatte und was ihm bedenklich schien. Er hatte sich Dem unterzogen, ohne lange zu prüfen. Diese