1850_Gutzkow_030_530.txt

sagte Hackert. Sich selbst hat er irgendwo in einem Spiegel gesehen, der vielleicht vom Pfandhaus sich hierher verirrt hat.

Schmelzing sah sich um. Die Stille des Orts war in der Tat geheimnissvoll und Hackert bewunderte Schmelzing's Mut, auch nur einmal hier ausgehalten zu haben.

Was sah er denn? fragte er den Oberkommissair.

Es war ihm, antwortete dieser, als hätte Einer die Tür hinter ihm aufgeschlossen. Dann hätt' er es rascheln hören. Auch ein Lichtstrahl wär' in der Ferne sichtbar geworden und zuletzt hätt' er einen kleinen Mann im grauen Rocke an sich vorüber schleichen sehen.

Die aufgeschlossene Tür, sagte Hackert lachend Schmelzingen in's Ohr, war der Wind, das Rascheln kam von den Mäusen und Ratten. Der Lichtstrahl kam aus dem hof von irgend einem ehrbaren Ratsküfer und das graue Männlein sah die gesteigerte Angst ...

Schmelzing schüttelte mit dem Kopf und protestirte entschieden gegen diese natürliche Auslegung Seitens eines Menschen, von dem er wusste, dass auch er nicht recht geheuer war ... Er blieb dabei, es wäre Jemand in dem Gebäude mit ihm zusammen gewesen, aber er hätte ihn auch fortgehen sehen und deutlich gehört, wie er wieder zuschloss. Es wäre ein Mann mittlerer Statur gewesen. Er, Schmelzing, hätte seine eigene Laterne gleich beim ersten Rascheln ausgelöscht und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Besuchers sich überzeugen können, dass er ganz grau war. Freilich hätte er ihn nur am Ende eines Corridors gesehen. In der Nähe hätte er unfehlbar den Tod gehabt.

Nun wohl! sagte Hackert scherzend und doch grübelnd, das ist der Geist von einem alten pfaffen der Johanniter, der keine Ruhe hat. Schmelzing, der wählt Sie am Ende, um ihn zu erlösen.

Machen Sie nur keine Scherze, Hackert! sagte der Schreiber. Was ich sah, sah ich. Ich beschwöre, dass Alles wirklich war.

Genug, unterbrach Pax die Streitenden. Ich habe Eile, Schmelzing fürchtet sich allein zu sein; auch vor Ihnen Hackert fürchtet er sich eigentlich. Aber durch wen soll ich ihn unterstützen lassen? Mullrich und Kümmerlein waren früher handfeste Metallarbeiter, sind aber jetzt, da es ihnen gut geht, Hasenfüsse. Fürchten Sie sich, Hackert, hier mit Schmelzing allein zu bleiben?

Nicht vor zehn Teufeln, sagte Hackert, fürcht' ich mich hier. Wo sind die Kreuze, die uns beschützen werden?

Ehe ich Sie dortin führe, bemerkte Pax, sprechen Sie mit Schmelzing Alles ab! Denn dort an dem Fussboden dürfen Sie nichts mehr zusammen reden. Es würde zu gefährlich sein und uns die ganze Unternehmung verderben.

geben Sie Acht! sagte Hackert, wir verständigen uns schon.

Damit fing er ein sonderbares Gebehrdenspiel an, schnalzte mit den Fingern, zupfte bald am linken bald am rechten Ohre, tippte auf die Nase und machte die sonderbarsten Gestikulationen.

Was treiben Sie denn für Narrenspossen? fragte Pax.

Nichts Narrenspossen! antwortete Hackert. Ich spreche mit Schmelzing.

Und Schmelzing bestätigte dem Oberkommissair, dass er sich, ehe seine Gehörkanäle polizeilich gereinigt wurden, oft der fürchterlichsten Melancholie ergeben hätte und vollkommen des Glaubens gewesen wäre, er würde einmal ganz taub werden. Da hätte ihn denn schon Hackert als guter Nachbar getröstet und ihn von den vielen tausend Künsten, die er verstünde, auch die Kunst der Zeichensprache gelehrt. So könnten sie Stundenlang zusammensitzen und sich, ohne den Mund zu öffnen, auf das Lebhafteste unterhalten.

Das trifft sich vortrefflich! fiel Pax erfreut von den Talenten seines Lieblings ein. Und wenn Sie vollends noch Wein vorrätig finden, so kann Ihnen die Zeit nicht lang werden, falls das graue Männchen die Flaschen nicht ausgetrunken hat.

Wein? sagte Hackert erstaunt.

Wir wollen sehen, bestätigte Schmelzing. Der Herr Oberkommissair gab mir das zweitemal einen Korb Wein mit, den ich in der Dunkelheit herein trug, um für öftere Besuche nicht ohne Erquickung zu sein.

Ja, sagte Hackert. Schmelzing und Wein! Nun weiss ich! Beim ersten Glase schon haben sich ihm alle Gräber der Vorzeit geöffnet.

Schmelzing schüttelte den Kopf und blieb fest dabei, dass er wirklich hier oben einen nächtlichen Besuch empfangen hätte.

Der Oberkommissair bemerkte jetzt, dass es ihm besonders lieb wäre, die Äusserungen des Majors Werdeck zu hören. Er wisse aus bestimmtester Quelle, dass er mit einigen Freunden heute Abend im Ratskeller soupiren würde. Er hätte auf die elegante feinere Trinkstube Beschlag gelegt. Wer die Gäste wären, wisse er noch nicht. Aber er zweifle nicht, dass es dieselben Personen sein würden, auf die die öffentliche Sicherheitspflege schon längst ihr Augenmerk gerichtet hätte.

Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwärts und bedeutete sie, leise aufzutreten.

Sie kamen alle drei jetzt auf einen steinernen Fussboden. Anfangs war es um sie her dunkel. Bald aber zeigten sich auf den steinernen Vliesen lichte Stellen.

Sehen Sie da, flüsterte Pax, den Widerschein der Gasflammen! Aber nun kein Wort mehr!

Zugleich bemerkten sie den Schwefelgeruch des Gases.

Schmelzing bedeutete Hackerten, nur auf den Zehen aufzutreten.

Sie waren an einem der Lichtschimmer. Es bildete sich hier ein Kreuz mit drei Kleeblättern an den vier Enden. Geisterhaft, wie aus Licht gewoben, schwebte das Kreuz im Dunkeln. Ebenso an einer andern und noch an einer dritten Stelle.

Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein Hinunterblicken war nicht zu denken. Wie Irrwische schwebten die heiligen Zeichen in der Nacht