Nr. 87 her in der Brandgasse Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er keine andere Antwort, als dass er äusserte:
Frau Ratsdienerin Spiess? Eine schöne Frau!
Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem grossen Schlüssel, den er aus der Brusttasche zog, sich an die Treppe begeben und auf ihr die Tür des alten Professhauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert, nach ihm einzutreten, als man eilende Fusstritte hörte. Pax hielt die Tür noch zu und sah sich um. Es war der Erwartete.
Sie kommen so spät, Hackert! Haben Sie's nicht finden können?
Da bin ich jetzt, sagte Hackert. Was soll's nun? ... Die Fässer hier kenn' ich ... auch die Ratten, die sich hier im hof jagen, sind alte Freunde ...
Finden Sie sich hier zurecht? fragte Pax voll Anteil für seinen Schützling, der in gewählter Kleidung, leicht, heiter und sorglos schien.
Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu tun hatte, sagte Hackert, sprang' ich kleiner Bursch' hier auf dem Hof herum, zupfte das Gras aus und band alte Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum, bis die Ratsdiener kamen und mir Ruhe geboten. Hier hab' ich leider zu früh Wein trinken lernen. Als zehnjähriger Junge hab' ich da in der Ecke oft betäubt gelegen und schlief meine ersten Räuschchen aus, die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen, als ...
Sie waren von jeher ein Taugenichts, unterbrach Pax lachend. Machen Sie sich nicht besser wie Sie sind!
Hackert schüttelte den Kopf.
O ich sass hier oft ganz allein im hof, fuhr er, sich umsehend, fort, und freute mich über die Schwalben, die da oben in den alten rotbraunen Fenstern nisteten. Sehen Sie nur da, Fratzen von Füchsen, Wölfen, Kranichen, die die alten Steinmetzen hinein gehauen haben. Die schienen mir alle lebendig zu werden, auch ohne Rausch. Da kam denn manchmal der alte Ratskellermeister heraus und kannte mich als Schlurck's Pflegesohn und Schreiberjungen. Da hiess es denn: Fritz komm! Willst einmal Wein kosten? Ich schmunzelte bloss und sagte gar nichts. Aber der Alte ging und kam mit einem grünen Römer angewackelt voll vom ältesten Niersteiner. Ich hatte bei Schlurck's früh Wein getrunken, aber der Niersteiner aus dem Ratskeller brachte mich gleich fertig.
Dem Alten quollen die Augen über vor lachen, wenn er sah, dass ich das Glas hinuntergoss und gleich darauf Augen machte wie ein angestochenes Kalb. Er wollte, ich sollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch, und wurde so verwirrt, dass ich umfiel. Da lachte er aus Leibeskräften und ging in den Keller zurück. Noch ist's mir, als hört' ich das alte Schurzfell rascheln, wenn er so klatsch! klatsch! klatsch! wieder in die Verliesse hinunter stieg. Er ist nun tot. Seitdem bin ich nicht wieder da gewesen. Und was soll's nun hier?
Die drei Diener der öffentlichen Sicherheit waren während dieser Unterhaltungen in dem inneren Raum des alten Professhauses angekommen. Aufgeschreckte Ratten huschten an ihnen im Dunkeln vorüber. Pax zog eine kleine Handleuchte aus der tasche, zündete sie durch ein Streichhölzchen an, das er behutsam auslöschte und der vielen Papiere wegen, die hier schon herum lagen, nicht etwa hinter sich fortwarf.
Schmelzing war hier bereits bekannt. Hackert kam zum ersten male.
Das sieht da aus! rief er, hier war ich nie!
Er erblickte zunächst eine grosse gewölbte Halle, die jedoch ihre wirkung durch die vielen Schränke und Repositorien verlor, die hier aufgerichtet standen. Schrank an Schrank, Kiste an Kiste, angefüllt mit Papieren. Dazwischen waren Tische, Stühle, Leitern zusammengeschichtet. Beim weitern Fortschreiten sah man eine steinerne Wendeltreppe, die aufwärts ging und auf allen ihren Stufen dieselbe Unordnung verriet. Links und rechts standen Türen auf, die in Gemächer führten, die seit langer Zeit ohne irgend eine Bestimmung schienen. Es kam nun ein Treppchen, das aufwärts und sogleich eins, das wieder niederwärts führte. Endlich hielt der Oberkommissair an, setzte seine kleine Handlaterne auf einen Sims und bedeutete seine Begleiter, ihr Ohr näher zu halten, da er leise sprechen müsse.
Hackert, sagte er, ich habe Sie deshalb herbestellt, damit Sie Schmelzing unterstützen.
Worin?
Im hören! sagte Pax.. Ich habe ihm schon alle seine verdammten Gehörgänge untersuchen lassen. Sie waren zwar seit Jahren nicht ausgefegt worden, wie alte Schornsteine; aber schreien muss man doch, wenn er etwas autentisch in seinen Hirnkasten aufnehmen soll.
Was gibt's denn hier in der Dunkelheit zu hören? fragte Hackert erstaunt.
Die Regierung, sagte Pax, ist einer Menge gefährlicher Umtriebe auf die Spur gekommen. Fremde Emissaire sind von Paris und Amerika eingetroffen. Man hat die genauesten Anzeichen einer sich ausbildenden neuen revolutionairen Bewegung. Die notwendigkeit, wachsam zu sein, liegt auf der Hand und unsere Kräfte reichen kaum aus, überall aufzumerken und aufmerken zu lassen, was im Stillen angesponnen wird ... hier nun befinden wir uns –
Über dem Ratskeller! unterbrach ihn Hackert.
Einer Lokalität, setzte Pax hinzu, die ihrer eigentümlichen Bauart wegen von einer gewissen feineren Revolutionspartei sehr gesucht ist.
Es herrscht hier das Zellensystem! sagte Hackert trocken.
Pax lächelte über diese Anspielung auf die pennsylvanischen Gefängnisse.
Allerdings, bemerkte er, hat diese Lokalität das Einladende