1850_Gutzkow_030_526.txt

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Quält Ihr mich, rief Adele, foltert Ihr mich, so wähl' ich den äussersten Fall

Fürstin!

So bleiben Sie und ich gehe!

Die Mutter von ihren Kindern? ... Adele!

Rudhard's stimme zitterte. Er musste einen Sitz suchen, um sich aufrecht zu erhalten.

Adele aber fuhr fort:

verstehe' ich denn jetzt, was meine Schwester bestimmen konnte, entehrende Fesseln zu brechen? Fass' ich's denn jetzt, was es heisst, das Leben hingehen lassen, ohne seine Blüten zu brechen, ohne seine Früchte zu geniessen? Du kalter Mann, du schiltst das Herz, dass es liebt? Hab' ich denn je geliebt? Hab' ich denn je die Wonne empfunden, in eines Mannes Ferne vom Schauer der sehnsucht, in seiner Nähe vom Schauer der zärtlichsten Freundschaft ergriffen zu werden? Ich habe den Fürsten geheiratet, weil es so beschlossen wurde. Ich achtete ihn, ich verehrte ihn. Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre. Mein Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe. Ich ahnte eine schöne Welt, ich fand sie in den mütterlichen Pflichten. Ich habe mich nie gesträubt sie zu vollziehen. Ich lebte ihnen bis diese Stunde. Aber wenn sich ein Kind in das eigene Herz der Mutter krallt, wenn es über uns hinweghüpfen, über uns hinwegtändeln, über uns hinweglachen, lieben will und die Jugend wie ein trotziges Vorrecht übt, dann komm' ich mir vor wie ein Mensch, den man lebendig begraben will, und ich schüttle mich, ich springe auf, ich lasse mich nicht in die Erde werfen, ich sage: Ich liebe! Ich liebe Siegbert Wildungen und das Schicksal ist gütig, Gott ist liebevoll wie unser Herz, ich weiss es, ich werde durch ihn nicht unglücklich sein.

Hier unterbrach ein gellendes lachen die Worte der Fürstin.

Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeöffneten Vorhange Olga stehen, wie wahnsinnig, mit geisterhaftem Blicke.

Du hier? Was willst du? herrschte die Mutter zornentbrannt.

Mutter! rief das Mädchen halb ohnmächtig mit schmelzendem Ausdruck und wollte sich in die arme der Fürstin werfen.

hinweg! schrie diese im höchsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes.

Olga, so zurückgewiesen, blieb stehen, sah die Mutter mit zitternden Lippen, funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an, dann lachte sie plötzlich, klatschte in die hände und rief: Gute Nacht! Gute Nacht! lachte wieder und stürzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefühle schluchzend, aber auch triumphirend hinter dem Vorhange davon.

Die Fürstin folgte ihr, sah, dass das Cabinet auf den Corridor hin nicht verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmächtig und erschöpft auf ihr Kanapé.

Rudhard nahm die Briefe und kämpfte einen Augenblick mit sich, ob er dem Starrkrampf, in den die Fürstin gefallen schien, eine mildere Lösung geben sollte. Er war aber zu entrüstet, zu streng dazu. Auch überwältigte ihn die Trauer, dass alle Erziehung, alle Lehre nicht ausreicht, in gewissen äussersten Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrücken. Er sagte nichts, als ein einfaches:

Sammeln Sie sich, Adele! Prüfen Sie ernst, was Sie bewegt. Tödten Sie Ihr Kind nicht! Es gibt einen moralischen Tod, den ich bei Olga mehr fürchte, als den physischen. Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse. Das weiss ich, Das hoff' ich.

Damit ging Rudhard und überlegte, als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg, ernstlich, was nun zu tun sei. Als der Sensenmann an seiner Uhr zehnmal anschlug, stand es ihm nach längerer Prüfung fest, dass hier nur Siegbert Wildungen selber helfen konnte. Er war überzeugt, dass es nur einer kurzen Aufforderung bedürfen würde, um diesen edlen jungen Mann zu bewegen, sich auf einige Zeit nicht nur von diesem haus, sondern auch aus der Stadt und ihrem nächsten Umkreise ganz zu entfernen.

Adele aber überlegte, wie viel von Dem, was Olga möglicherweise belauscht hatte, hinreichen würde, ihre Wünsche zu erleichtern oder zu erschweren. Goete's Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor. Sie sah durch ihr Fenster hinüber in die dunklen Gärten. Im haus der Geheimrätin von Harder war es hell und belebt. Sie mochte nicht länger hinsehen; es war ihr Alles peinlich, Alles zu eng, um sich zu klein! Erst in den heftigen Vorwürfen, mit denen sie ihr Kammermädchen wegen der nicht geschlossenen Tür überschüttete, fand sie sich zurecht und warf sich erschöpft, in verdriesslichster Misstimmung von der Welt, schmerzzerrissen, auf ihr einsames Lager.

Diese Nacht, einer uns werten Familie so ernst und bedeutsam, sollte auch dem Kreise der Freunde, deren Schicksalen wir folgen, mit verhängnissvollen Sternen aufgehen.

Versetzen wir uns in das innerste Gewühl der grossen Stadt, an die Stelle ihrer reichsten historischen Erinnerungen. Da, wo die alte Johanniskirche und die Propstei, wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte Johanniterkomturei und das Rataus liegen, befindet sich auch der sogenannte Ratskeller, einer der beliebtesten Besuchsörter, ein von der gewähltesten Gesellschaft gepflegtes, altertümliches Local. dicht an dem rataus selbst gelegen, waren seine oberen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen durch einen Hof mit dem ehrwürdigen alten rataus selbst in nächster Verbindung. Das untere Geschoss hatte seit den ältesten Tagen der Ratskellermeister in Besitz. Es waren dies grosse, feuerfeste Gewölbe,