die du von der Zukunft hast, zu verscheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu können, was, wenn ich unvermählt sterbe, leider meiner Familie gehört.
Eine Vernunft-, eine Geldheirat! fuhr Rudhard, da Adele stockte, mit fester stimme fort. Sie wissen, in dem Falle, dass wir vor den Torheiten der d'Azimont geschützt bleiben, in dem Falle, dass Ihre Kinder einst die Erben Ihrer Tante werden, dass sich die zerrütteten Vermögensverhältnisse des Hauses Wäsämskoi auch ohne eine Verbindung mit dem Baron Dystra wiederherstellen können.
Sie glauben, dass Helene von dem Prinzen Egon lassen, durch eine Scheidung von d'Azimont, die schon im Werke sein soll, uns die Hoffnung auf ihre Reichtümer nicht nehmen wird? Ha! Ha!
Ich zweifle sehr daran, sagte Rudhard fest, ich zweifle, dass Egon, der sich täglich mehr wiederfindet, täglich sein Inneres kräftiger entwickelt und einen Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Torheiten aufrichtet, sich jemals zu solchen excentrischen Schritten, wie eine Heirat zwischen ihm und Helene sein würde, herbeilässt ...
In diesem Falle hätten wir Aussichten ... Gut! Aber sie reichen weit hinaus!
So weit, Adele, wie der Fürst selbst sah. Ihre und die Jugend-Existenz Ihrer Kinder ist gesichert. Sie werden niemals glänzend leben können, das ist wahr. Sie haben es aber nicht nötig, da Sie nicht glänzend erzogen wurden. Was Sie zur Unterhaltung Ihrer Würde, zur Ehre Ihres Standes bedürfen, das besitzen Sie. Der Fürst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses, seinen Namen, das spätere los seiner Kinder gesichert sehen. Er war nie reich. Die Familie verarmte vollends und fühlte nur zu tief, wie mislich es ist, von den Launen des Kaisers abzuhängen und von den Wechselfällen des Geschickes. Er wollte in jenem alten russischen Bojaren-Stolze der Selbstständigkeit seiner Familie eine Stütze geben und hoffte auf zwei Möglichkeiten, entweder die Erbschaft von der reichen Gräfin d'Azimont oder die Verheiratung seiner Kinder. Baron Otto von Dystra ist sein Freund gewesen. Ein unruhiger Charakter, der zweimal die Welt umschiffte und von der Regierung zu ihren grossen überseeischen Missionen benutzt wurde. Es ist wahr, er soll Schätze besitzen, die er längst schon dem Fürsten zur Verfügung stellte. Der Fürst schlug sie für sich aus, nahm aber die mir immer nur frivol erscheinenden Anerbietungen des baron, sein unruhiges wechselvolles Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und wär's mit Olga oder Paulowna beschliessen zu dürfen, erst eben so scherzend, eben so frivol entgegen, bis aus ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in der Tat unterwegs ist, sein leichtsinnig verpfändetes Wort zu lösen. Dieser Brief, den ich heute aus London empfing, kündigt seine Ankunft so plötzlich an, dass wir ihn binnen drei Tagen erwarten dürfen.
Olga fühlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz.
Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen, lobte die weise Sorgfalt des Fürsten, pries die Umstände Dystra's, nannte ihn, trotz seiner barocken Gestalt, einen Philosophen, ohne angeben zu können, worin seine Philosophie bestände, behauptete, dass der Fürst nur Ehrenmänner zu Freunden gehabt haben könne und schloss damit, dass auf diese Art Olga's Zukunft ja vortrefflich bestimmt wäre und es keiner Böswilligkeit ferner einfallen könne, sich in die inneren Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen.
Und Alles, Alles Das, Adele, weil ... rief Rudhard, seinen Zorn unterbrechend.
Sein Gefühl, die Rücksicht übermannte ihn.
Weil? fragte die Fürstin mit einer Sicherheit, die ihm verriet, dass ihr Charakter jetzt erst, in ihrem vierunddreissigsten Jahre, in seine entwicklung getreten war.
Weil Sie selbst es sind, brach Rudhard hervor, Sie selbst, die Wildungen lieben und in Olga die glücklichere Nebenbuhlerin fürchten!
Rudhard glaubte in der Fürstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen, irgend den Ausbruch eines gewaltigen Zornes, eines längst gegen seine Bevormundung verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben. Nichts von alledem. Die Fürstin rümpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene:
Wie zart und rücksichtsvoll Sie sind!
Sag' ich etwa die Unwahrheit? fuhr Rudhard, durch diese Antwort sich steigernd fort. Muss ich mir nicht die bittersten Vorwürfe machen, dass ich in blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder, einen teilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einführte, der, ohne selbst die geringste Veranlassung zu geben, in die jungen Gefühle eines Kindes den ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten Funken zur Flamme entzündet.
Diese Worte entrüsteten die Fürstin.
Es ist genug! rief sie sich erhebend. Es ist genug, Rudhard. Ich habe das Joch Ihrer Weisheit so lange getragen, dass ich selber dumm darüber wurde! Ich habe Sie denken lassen und getan, Jahre lang getan, was Sie mir als gut und recht zu tun anempfahlen. Aber ich fühle, dass ich gegen Andere zurückgeblieben bin, dass ich verkürzt wurde um meine Freiheit, um mein wahres Lebensglück. Diese Zeit ist aus. Von der Botmässigkeit, in der ich unter Ihnen stand, jetzt in eine Sklaverei kommen zu sollen, bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen würde, Das ist zu viel, Das vermag ich nicht zu ertragen.
Ich würde gehen, sagte Rudhard, wenn ich dem Fürsten nicht geschworen hätte, über die Kinder zu wachen, bis mein Auge bricht