und konnte nicht. Er drückte Olga an sein Herz, schlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend: Meine Olga! So standen sie, geschützt vom Dunkel, eine Weile. Dann riss sich Olga los und rannte zu dem hellen haus hin, wie ein flatternder Nachtvogel. Siegbert folgte langsam und sprach vor sich hin: Verhiess dir Das damals die weisse Rose?
Sechstes Capitel
Eine ernste Nacht
Als Siegbert Wildungen wieder bei der Gesellschaft war, sprach er zur eifersüchtig forschenden Fürstin Worte, die er nicht bedachte und erwiderte eine Anrede der Trompetta, ohne sie verstanden zu haben. Er ass von dem gefrornen Champagner, ohne zu wissen, was man ihm bot. Er bereute schmerzlich, was geschehen war; umsomehr, als er die wirkung entdeckte, die diese Scene auf die wie umgewandelte Olga hervorbrachte. Olga trällerte, hüpfte, schlug das Piano zu einem Tanze an, sie sang ein kurzes, rasches Volkslied aus der Ukraine, ein Kriegslied der Tscherkessen, sie umschlang Anna von Harder und bestellte hundert Grüsse an die Perlhühner und türkischen Enten, an die Tauben und die Mäuse sogar und Kaninchen, die zu Tempelheide zusammen in einem Käfig hausten. Ja, als die Gesellschaft aufbrach, als die Wagen vorfuhren, der Propst sich empfahl, die Pröpstin knixte, die Töchter für den übergenussreichen Abend dankten, als die Trompetta mit Umständlichkeit nach ihrem Shawl rief, die Flottwitz noch zerstreutgefesselt mit Dankmar plauderte, war sie bei Allem behend zugegen, half, schwatzte, lachte, sodass die Mutter mit strengem Blicke ihr verbot, so ausgelassen die Honneurs zu machen und sie in den Schatten zu stellen suchte. Leidenfrost, der inzwischen auch noch, wie er's nannte, von dem "gefrorenen Zeuge" etwas gekostet hatte, erntete noch manchen Lobspruch. Dankmar schüttelte Rudhard's Hand und warf im Vorübergehen noch der Flottwitz die Worte hin: Also, wir zürnen uns doch? Die junge Freundin der Trompetta konnte aber im Augenblick gerade nicht antworten, denn die Trompetta dominirte jedesmal, wenn es die Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens, das Zusammensuchen ihrer Garderobe galt. Siegbert gab dem Propst die Versicherung, er würde sich seine gefälligen Vorschläge ernstlich überlegen und mit ihm darüber genauere Rücksprache nehmen. Als er Rudhard die Hand bot, war dieser etwas verstimmt oder wenigstens nachdenklich. Die Fürstin aber trat ihm einen Schritt näher und sagte mit klagendem Nachdruck und in langgezogenem Ton:
Sie gehen auch schon?
Gute Nacht! Gute Nacht! unterbrach Olga heiter und mit einer fast triumphirenden Sicherheit, gradezu die Frage der Mutter abschneidend.
Gute Nacht! Gute Nacht!
Was ist denn? Was soll Das? wandte sich die Mutter streng zu der Tochter.
Gute Nacht! Gute Nacht! rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden hinaus, noch ehe er der Fürstin auf ihren Wunsch, dass er bliebe, Rede stehen konnte ...
Endlich waren Alle verschwunden. Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter vorüber schritten Leidenfrost, Dankmar, Siegbert, hinter ihnen die drei Willing'schen Arbeiter. Danebrand trug den Böller hoch auf den Schultern ... Olga begleitete die sich entfernenden und die Hüte ziehenden Freunde noch das Gitter entlang bis zu der kleinen Estrade, wo einst Rudhard den vorübergehenden Siegbert angehalten hatte. Eine Rose konnte sie dem Freunde nicht nachwerfen. Die Zeit der Rosen war im Garten vorüber; aber in ihrem Herzen war es ein ganzer Frühling, der ihm folgte. Da brachen alle Knospen auf! Da duftete es wie von einem wald voller Blüten!
Als Olga zurückkam, fand sie die Mutter in der gereiztesten Stimmung.
Ist es schon an und für sich eine eigentümliche Leere, die sich meist nach allen Festen, wo es ganz ohne Zwang und künstliche Anregung doch niemals abläuft, einzustellen pflegt, so war die Fürstin vollends unbefriedigt von sich, von den Andern, von Olga, von Rudhard, von Jedem. Dass Siegbert gehen konnte, sie allein zurücklassend in dem wüsten Gefühlschaos, der Folge solcher künstlichen Aufregungen, verletzte, ja erbitterte sie. Zuerst mussten die Kinder entfernt und zu Bett gebracht werden. Sie gingen übermüdet und von Allem, was ihnen als Vergnügen geboten war, eher erdrückt als gehoben. Olga's Geschäftigkeit, ihr Aufräumen, ihre Kritik der Personen und gespräche erklärte die Fürstin für nervenangreifend. Rudhard sprach gar nichts, was ihr ebenso drükkend erschien. Obgleich es erst acht Uhr schlug, wollte sie sich auf ihr Zimmer zurückziehen und früh zu Bett gehen. Sie gab Olga nicht undeutlich zu verstehen, dass es ihr lieber wäre, wenn sie allein bleiben könnte. Olga griff diese gelegenheit, sich das eben Vergangene noch einmal zurückzurufen und noch einmal in seiner ganzen berauschenden Seligkeit durchzukosten, mit Freuden auf. Hatte sie doch nichts Heiligeres vor, als noch einmal in den Garten zu schlüpfen, noch einmal jene Stelle aufzusuchen, wo sie an Siegbert's Herzen ruhen, das Haupt auf seine Schulter lehnen durfte und den Kuss seines Mundes fühlte. An der Hängeweide hätte sie die ganze Nacht durchwachen mögen.
Adele Wäsämskoi, die Fürstin, ging auf ihr Zimmer. Es war bescheiden eingerichtet, wie die ganze wohnung, die nirgends einen ursprünglichen Luxus und nirgends auch die Spur verriet, Das aus eigenen Mitteln hinzuzufügen, was zum Comfort dieser gemieteten Einrichtung schon von vornherein fehlte. Adele warf sich auf ein Kanapé, das an einer dünnen Wand stand, die dies Zimmer von dem nebenan befindlichen Schlafkabinet der Fürstin trennte. Eine grosse Öffnung