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die von Olga so vorbereitet wurden und nun auch nach ihrem Willen ausgeführt werden müssen.

Sie meinen wohl die Kleine mit den schwarzen gewundenen Flechten, im weissen Kleid ...

Es ist die Tochter der Fürstin ...

Die ist mutig, sagte Heusrück. Sie stand am nächsten, fast mitten unter den Schwärmern. Wenn sie nur nicht böse ist, ich habe sie etwas grob zurückgeschickt ...

Da hat es gute Wege, sagte Siegbert. Am liebsten hätte sie wohl selbst mit Hand angelegt. Aber, Freund, Ihr haltet den Böller mit einer Hand über den Schultern und raucht mit der andern die Cigarre?

Die Arbeiter lachten über Danebrand, der wirklich dies possierliche Bild eines so zu sagen die Weltkugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas darstellte.

Stellt ihn herab! Ihr bleibt und leert erst den Tisch und die Flaschen!

Na! sagte Danebrand, stehen lassen wir den Böller hier nicht! Artillerie ist jetzt so verlockend wie Baumobst. Die kleine Pfefferbüchse könnte mir über den Zaun gestohlen werden.

Danebrand, sagte Leidenfrost, nehmt die Büchse mit zum Tisch und was Ihr nicht essen könnt, stopft in den Böller hinein und nehmt die wohlschmeckende Ladung für morgen mit in die Fabrik!

Topp!

Darauf gingen die Arbeiter ein und sagten, sie würden sogleich kommen.

Siegbert wandte sich nach vorn.

Wie er rasch dahin sprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hängeweiden vorüber musste, sah er an einer derselben Olga ganz allein an den Stamm gelehnt. Es war ein kleines Rund, fast abgeschlossen. Die Zweige der Weiden hingen so dicht und tief, dass sie fast um die Stämme herum eine Laube, einen Versteck bildeten. So halb eingehüllt stand Olga an einem Baume, lehnte den Kopf träumerisch auf den Arm und den Arm an den Stamm. Siegbert erkannte sie nur an dem weissen Kleide. Vorübereilen, sie in diesem ihn rührenden Bedürfniss nach Einsamkeit allein stehen lassen, vermochte er nicht. Er hielt seinen eilenden Schritt an, wandte sich zu dem still nachdenklichen Mädchen und sprach mit einem so weichen Tone, wie er nur von seinem gerührten Herzen und von seinen Lippen kommen konnte:

Olga!

Das träumende Mädchen hatte ihn nicht erwartet und hätte überrascht sein sollen. Sie war es aber nicht. Sie gab ihm die linke Hand hinüber, während der rechte Arm als Stütze des unverwandt ruhenden, vom Sternenlichte milderhellten Hauptes, am Stamme liegen blieb.

Olga! Es ist kalt! Gehen Sie nicht zur Gesellschaft? Man musicirt wieder.

In diesem Augenblick änderte das Mädchen ihre Stellung, wandte ihr Antlitz ab und Siegberten war es, als hörte er sie schluchzen.

Er ergriff ihre Hand.

Olga, was ist Ihnen? fragte er sanft.

Olga wandte sich und sah ihn mit grossen, tränenerfüllten Augen an.

Sie erkälten sich in der Abendluft, Olga! Kommen Sie!

Olga schüttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hängeweide.

War das fest nicht nach Ihrem Wunsch? Es ging Alles so heiter, so wohlgeordnet! Warum sind Sie nicht zufrieden?

Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war so von dem Abende angeregt, dass er Olga leise an seine Brust zog und ihr in's Auge sehen wollte, um ihr Mut zuzusprechen und Freude, Heiterkeit, Teilnahme.

Wie sie aber seinem Herzen so nahe sich fühlte, schlug Olga die arme um ihn und legte sich so in die seinigen, dass er sie halten musste, wenn sie nicht zur Erde gleiten sollte.

Unwillkürlich kam es Siegbert über die Lippen, in sanftem, zärtlichem Tone zu sagen:

Olga! Was tust du?

Liebst du mich? fragte Olga zu ihm aufblickend.

Olga! Olga! Lass uns gehen! rief Siegbert durchrieselt von Wonne und Schrecken ...

Nein, ich mag keinen Menschen mehr in der Welt sehen, ausser dir!

Man wird uns vermissen! Olga, komm!

Sie sollen mich in deinen Armen sehen. Lass mich! Lass mich!

Dabei hielt sie sich so fest an Siegbert's Halse, dass dieser, von innerster Empfindung durchbebt, kaum noch wusste, wie er sich ihrer und seiner wehren sollte. Er war zärtlich, er musste es sein, er streichelte ihr Haar und drückte einen Kuss auf ihre Stirn, nur um sie zu beruhigen, sie abzulehnen, zur Besinnung zu führen. Aber kaum fühlte Olga die warmen Lippen des angebeteten Freundes auf ihrer kalten Stirn, als sie ihm mit erneuter Wonne in's Auge blickte und durch ihre Zärtlichkeit, durch ihr Verlangen nach einer Versicherung auch seiner Liebe ihn verlockte, auch ihre Lippen mit dem warmen, weichen mund zu berühren.

Wie ihm Das so geschehen war, besann er sich und hielt mit plötzlich erwachender männlicher Kraft das liebekranke Mädchen von sich zurück.

Olga, rief er, was tun wirsehen Sie die Mutter!

Er zeigte auf die Tür des Saales, die geöffnet war. Geblendet von dem Lichte eines Armleuchters, den sie in der Hand hielt, stand die Fürstin und suchte im Dunkeln Siegbert oder Olga, vielleicht Beide ...

Olga, wie von einer bacchantischen Lust und einer jubelnden Schadenfreude ergriffen, lachte laut, schlang den Arm um Siegbert, zog ihn mit sich und behielt dabei seine rechte Hand, küsste sie und rief:

Du bist mein! Siegbert! Dich lieb' ich!

Siegbert, der sonst so Rücksichtsvolle, sonst sich so Beherrschende, hatte die Besinnung verloren. Er wollte widerstehen