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guten Ministern, zu dem Adel, zur Armee habe, die ist etwas Unerklärliches, die entspringt aus dem Gefühle, das einst die Christen trieb, das Kreuz zu nehmen und in's gelobte Land zu ziehen. Sie zerstören mir ja durch Ihre Teorie den ganzen Heiligenschein, den ich um Ihre schönen Locken erblickte.

Wilhelmine sah gedankenvoll empor. Es durchbebte sie etwas von einem Gefühle, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wusste. Sie ahnte fast, dass Dankmar für sich Recht hatte. Sie konnte ihm nur nicht sagen, dass es eins der schmerzlichsten Gefühle, das die Seelen unserer Zeit zerreisst, genannt werden muss, Menschen, die man liebt und verehrt, in Ansichten gefangen zu sehen, die man selbst nicht teilen kann. Sie hatte sich im Stillen auf Dankmar's Standpunkt gestellt, mit ihm verhandeln, ihn in ihre Gedankensphäre hinüber ziehen wollen und nur deshalb für etwas, was allerdings auch in ihr rein ursprünglich, wie eine visionäre Anschauung lag, äussere Gründe des Verstandes gesucht. Sie sagte:

Darf ich denn wagen, mich Ihnen so zu geben, wie ich bin, ohne von dem stärkeren geist verspottet zu werden? Ich sehe, Ihre Menschenkenntniss fühlt mir vollkommen die Empfindungen nach, die meine wahren sind. Sagen Sie mir aber Das: Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefühl, Ihren König geehrt und mächtig zu sehen, seinen Herrscherblick vielleicht auf Sie selbst niederzulenken, die Fahnen unserer Krieger stolz entfaltet zu schauen, von unsern Schlachten zu lesen und sich gläubig, nichtig, ergeben zu fühlen in dem grossen, gefeierten, heiligen, aber von Andern geleiteten Ganzen, das man den Staat nennt?

Das will ich Ihnen sagen, mein fräulein! antwortete Dankmar ernst und voll Anteil. Die geschichte und das Leben haben mich gelehrt, dass die grossen Ideen nur an der Wiege, als sie geboren wurden, unschuldig und heilig waren. Das Christentum war unschuldig und heilig, als es in Galiläa gepredigt wurde. Als es heranwuchs, gedieh, erstarkte, musste sich der Denker schon wieder von ihm abwenden. So kann ich in politischen Dingen auch nur die Vasallentreue eines Bayard unschuldig und heilig nennen, und für die Dichtkunst haben die Empfindungen, die in Ihnen, mein fräulein, leben, einen grossen, auch mir sehr bedeutenden Wert. Anders aber ist es auch hier mit der erstarkten idee der Loyalität, wenn auf ihr Institutionen wurzeln, Systeme. Da sehe' ich, dass zuviel Lüge, zuviel Egoismus von jenen Institutionen in Schutz genommen wird. Ich sehe, dass sich böser Wille, Unterdrückung, Anmassung zu gut bei jenen Systemen unterbringen lässt und muss deshalb auch das Gute, das ihnen zum grund liegen mag, leider zerstören, der Schlupfwinkel wegen, die das Böse hier im Guten findet. Ich bin nicht blind für die Fehler der Revolution. Auch sie war an ihrer Wiege in Rousseau's Schriften ein reiner keuscher Gedanke. Man kann nicht reiner und unschuldiger über den Staat denken, als damals gedacht wurde, als im Entusiasmus für Freiheit und Gleichheit aller Menschen die Adeligen Frankreichs ihre Privilegien selbst auf den Altar des Vaterlandes legten. Aber auch die Revolution ist entartet, degenerirt. Nun kann der Denker nur in der Mitte stehen und da seine Hand bieten, wo noch der meiste Rest von der Wiegenunschuld der Ideen übriggeblieben ist und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, dass das Zeitalter der Revolution jünger als Bayard ist. Die Pflicht der Menschen soll sich an das Gute der Revolutionen anschliessen, von Nichts aber, bei aller notwendigkeit der Mässigung, des langsamen Fortschreitens, des Abwägens der Übergänge, von Nichts sich entfernter halten, als von dieser rein vegetativen, alles Denken verbannenden, instinktmässigen Verehrung der Institutionen, die das neue Zeitalter anzweifelt. Man kann diese Institutionen noch eine Weile stützen, man soll es; aber man versündigt sich an Gott, wenn man sie anbetet und z.B. mit einem Soldaten so spricht, wie Sie es eben mit diesem Heinrich Sandrart getan haben.

Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und schwieg. Dann sagte sie rasch und aufseufzend:

Wir verständigen uns nicht!

Sie erhob sich gerade noch zur rechten Zeit, ehe die ganze Gesellschaft sie Beide in dieser Situation auf der einsamen Bank überraschte ...

Es war nun fast sieben Uhr und schon ziemlich dunkel. Jeden Augenblick erwartete Leidenfrost seine Unterstützung zum Lösen des Böllers und zum Steigenlassen der Raketen. Die Musiker, die unermüdet fortfuhren, sanfte Harmonieen durch die Büsche hin aus der Laube zu entsenden, hatten schon Licht. Auch in dem Salon, in den unmittelbar eine Tür des Hauses vom Garten führte, brannten Kerzen. Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Musikstück auf dem Klavier. Die Schwester Paulinen's hatte aber ihre Freude meist nur mit den Kindern und dachte daran, heimzukehren nach Tempelheide. Selbst Siegberten, der ihr so sympatisch war, mochte sie in seinem Verkehr mit den jüngern weiblichen Anwesenden nicht stören. Man bat, man drängte in sie noch zu bleiben, zu singen, zu spielen, wenigstens jedenfalls die Raketen abzuwarten. Sie konnte sich denn der Bitten nicht erwehren und willigte ein, auch am Piano das Duett zu begleiten, das die Trompetta und Wilhelmine singen wollten. Bald auch erscholl von den zwei kräftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabäus.

Ein krachender Böllerschuss unterbrach diesen Gesang und die Aufmerksamkeit der um den Flügel geschaarten Zuhörer. Zu gleicher Zeit zischte unbekümmert um die Cadenzen