1850_Gutzkow_030_517.txt

politisirt ... er schwieg.

Dankmar aber musste, als er mit dem fräulein allein war, in ein lautes lachen ausbrechen.

Bestes fräulein, sagte er; in Ihrer Rede war für meinen verlorenen unglücklichen Standpunkt jedes Wort ein Lustspiel, aber auch für den tragischen Standpunkt dieses jungen Mannes keine Tragödie!

Wie so? fragte Wilhelmine mit einer Mässigung, die im Widerspruche zu ihrer aufwallenden Mahnung an die berüchtigte dritte Compagnie des zweiten Garderegimentes stand.

Sie gingen wieder allein, Beide dem dunkeln Gange zu.

Dies Paar war heute zum ersten male in eine persönliche, durch Gespräch verbundene Beziehung gekommen und wunderbar rasch, wie zwei chemische Stoffe, die sich vereinigen, um zu explodiren, hatten sie sich während des Festes gesucht und gefunden. Es gibt Begegnungen, die gleich bei der ersten Begrüssung das Facit längst angelegter Beziehungen sind. Dankmar und fräulein von Flottwitz kannten sich, ohne sich gesprochen zu haben. Sie gewannen sogleich eine Vertraulichkeit, die schnell über die ersten Vorbereitungen einer Verständigung hinausging. Da das junge Mädchen etwas vorstellte und bedeutete, da sie ein Ziel und Streben hatte, so musste sie dem jungen mann von Interesse sein. Nichts kürzt ja die Verlegenheiten, die man der unbestimmten Gefühlswelt und der geheimnissvollen Existenz eines Frauenherzens gegenüber empfindet, so sehr ab, als wenn ein weibliches Wesen doch auch einmal ein wenig mehr ist als nur eine blosse Tabula rasa, die erst die Liebe, die künftige Begegnung mit dem mann, der sie wählt, mit Charakteren beschreibt. Anders wenigstens ist es kaum zu erklären, wie sich Dankmar und Friederike Wilhelmine so schnell in eine gewisse, Allen auffallende Vertraulichkeit fanden ...

Sie haben, sagte Dankmar, diesen jungen Soldaten wie eine Puppe von Holz behandelt und ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass das trotz seines Schweigens ein sehr gebildeter Mensch ist. Er bläst die Flöte, liebt die Empfindsamkeit, denkt schwärmerisch, macht leidliche Verse, hat Kenntnisse in allen Fächern und ist der Erbe eines sehr bedeutenden Vermögens. Er nahm den Wein und Kuchen mit einem Anstand, den Sie müssen gewürdigt haben. Er hätte gern gesagt: Ich bin kein Bettler, kein Bote, ich bin ein freier Mann und ich schweige auch zu den Ermahnungen des Fräuleins nur, weil sie wunderschöne blonde Locken, einen reizenden Teint, sprechende dunkelblaue Augen, kirschrote Lippen und Zähne wie von Elfenbein hat!

Spotten Sie, rief Wilhelmine fast erbebend und warf einen ihrer in der Tat schmelzenden Blicke ernst und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar, den sie ohne Zweifel in Folge der gesetz von der Polarität seit der Begegnung an der Terrasse von Solitüde fast zu lieben schien ...

Ich spotte nicht, fräulein! sagte Dankmar mit seinem gewohnten feinen Lächeln. Ich kann mir keine reizendere Form der Bellona denken. Sie haben etwas von einer Hohenpriesterin Ihrer Überzeugung! Und aufrichtig gestanden, ich gönne unsern Lieutenants, wie sie so kommen und gehen und das Trottoir der Residenz beherrschen, nicht die Poesie, die in Ihrer entusiastischen Verteidigung der reactionairen Staatsprincipien liegt!

Es geht mir mit Ihnen fast ebenso, sagte das junge Mädchen beklommen, schüchtern und hocherrötend. Ich gönne den Demokraten nicht, dass Sie zu ihnen gehören.

Dankmar warf die Augen flüchtig in die Runde, ergriff ihre linke Hand, küsste sie rasch und erwiderte:

Bekehren Sie mich, fräulein!

Wilhelmine zuckte zusammen. Sie liess die Hand in Dankmar's Rechten; er musste fühlen, dass sie zitterte ...

Ihr Bruder, sagte sie nach einer Weile sich sammelnd und die Hand wieder zurückziehend, Ihr Bruder schwärmt über die Gesellschaft und verfolgt bunte Träume, die sich nie verwirklichen werden. Sie aber sind viel schlimmer. Sie haben Ihren Geist wie ein Arsenal mit lauter feindseligen Waffen gegen das Bestehende ausgerüstet. In Ihrem kopf leben nur Mordgewehre, Dolche, Barrikaden. Jedes Wort, das Sie über öffentliche Dinge sprechen, klingt mir wie Hohn in's innerste Herz. Es ist die Trommel des Aufruhrs, die Sie rühren, und mich schmerzt es, dass Sie vielleicht in Verbindungen stehen, die Ihnen gefährlich werden können. Was haben Sie mit diesem unglücklichen Werdeck zu tun?

Wir treiben zusammen Schädellehre, sagte Dankmar. Er hat einen prächtigen Kopf, der mich physiognomisch unterhält und ihn unterhält wieder mein Kopf. So befühlen wir uns gegenseitig und sagen uns phrenologische Schmeicheleien.

Weichen Sie mir nicht aus! Ich weiss sehr wohl, wie Sie mit Werdeck bekannt geworden sind.

Wie denn, mein fräulein?

Sie ritten mit Lasally, Aldenhoven und einigen Offizieren vor mehren Wochen nach Burgheim. Nicht wahr?

Sehr oft tun wir Das.

Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck ...

Sehr oft begegnet er uns ...

Er schloss sich Ihnen an. Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien. Sie und Werdeck bildeten die Minorität. Es entstand Bekanntschaft, Verständigung, Freundschaft ...

Und zuletzt eine Verschwörung? Nicht wahr?

Bewahre Sie der Himmel davor! Ich warne Sie vor Werdeck. Erschraken Sie nie vor seinem unheimlichen Auge? Oder fesselt Sie doch nicht die wilde Leidenschaftlichkeit seiner Frau?

Ah! Ich hätte nie geglaubt, dass die Inquisition so schöne Dienerinnen hat, wie Sie, fräulein Wilhelmine ...

Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebungen gehört, als ich Ihnen wiederholen möchte ...

Was wissen Sie von mir und jener Frau?

Der Majorin von Werdeck?

Ich hoffe, Sie wissen, dass ich sie noch in meinem Leben nicht gesprochen habe. Mein