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Militairstaat, rief er, wie tief stand er! Wie oberflächlich waren seine Neuerungen! Wie verbrecherisch seine Bestrebungen, sich auf Kosten der inneren Kraft äusserlich auszudehnen! Er gab die Gewerbe frei, nicht um der Gewerbe willen, sondern um seiner Armee willen! Er sagte: Ruinirt Euch, wenn Ihr mit dem gescheiterten Versuche, glücklich zu werden, mir nur die Patente, die Freiheiten des Gewerbes bezahlt! Dieser schlechte Staat von damals, rief er, derselbe Staat, den die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will ...

Ah, rief die Trompetta. War Das die Stelle?

Das war die Stelle, gnädige Frau! sagte Dankmar.

Aus dem mund des Sohnes

Eines Generalfeldmarschalls! griff Dankmar die zweite Rüge, die vom fräulein von Flottwitz kam, auf. Die Galerieen waren ausser sich darüber, nicht etwa vor Zorn, sondern vor jubel. Der Präsident musste die Glocke ziehen und den Zuhörern alle Zeichen des Anteils und der Misbilligung untersagen

Ah! Das war seine Schuldigkeit! bemerkte die Trompetta, die sich constitutionell zu bilden anfing. Aber, wie weiter?

Dieser schlechte Staat, fuhr Dankmar fort Egon's Worte zu wiederholen, den jetzt die blinde Reue bündlerisch wiederherstellen will, hatte zur Förderung einer unverhältnissmässigen Kriegsmacht nur die üppige, wuchernde Fortpflanzung der Bevölkerung zum Ziele. Dieser Staat vernichtete die Gewerbe, indem er sie der Willkür preisgab. Er erleichterte das Recht des Ansiedelns, des Meisterwerdens, der Heiraten. Er wollte nur Menschen und raschgewonnene Einnahmen für den Fiskus. Kurz, Egon schilderte die notwendigkeit der ernstesten Erwägungen dieser Verhältnisse mit so lebhaften Farben, dass man auf seinen Wunsch einging und den Gewerbeausschuss aus den Elementen der kammer zusammensetzte, die über die Interessen der Arbeit kompetent sind. Es ergab sich zwar nunmehr, dass die linke Seite bei der Zusammensetzung dieses Ausschusses im Nachteile war, sie verlor drei Stimmen und hatte die Majorität nicht mehr, aber man beachtete kaum dies Resultat, so wirkte der Zauber der Persönlichkeit des Prinzen und seiner aus der unmittelbaren Anschauung des Volkslebens gewonnenen Überzeugung nach.

Die Trompetta, fräulein Wilhelmine, die drei Gelbsattels, selbst Rudhard waren nur froh, dass die linke Seite in der Minorität geblieben war und bezweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes. Siegbert sah Dankmarn bedenklich an. Dankmar flüsterte ihm zu: Ich habe viel mit dir zu reden. Ich verlange entschieden, dass wir Beide um acht Uhr heute frei sind ... Siegbert nickte ihm zu, dass er sich darauf verlassen könne ... Die Fürstin erhob sich und bat die Gesellschaft, ihr behülflich zu sein, nun die Trauben vom Stock zu lösen. Einer der Bedienten präsentirte die Körbchen mit den Messern. Die Damen fanden die idee allerliebst und Alles folgte der Fürstin, um das Werk zu beginnen und dem Dienste des Bacchus in holdesten Grenzen zu opfern. In der Ferne ertönte auf ein von Leidenfrost, der sich wieder genähert hatte, gegebenes Zeichen eine sanfte Musik, die irgendwo in einem hintersten Winkel des Gartens versteckt sein musste. Die Fürstin war davon auf's Angenehmste überrascht und als es sich herausstellte, dass dies eine idee von Leidenfrost selbst war, söhnte man sich mit dem wunderlichen mann, der sie Alle durch seine Äusserungen verletzt hatte, im geist leidlich wieder aus und ging wohlgemut, unter den sanften Accorden, scherzend und neckend an die spielende Arbeit.

Die Näscherei Paulowna's und Rurik's hatte nun freilich schon früher dafür gesorgt, dass diese "Weinlese" keine zu lange Zeitdauer in Anspruch nahm. Unter mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der "Ernte" fertig und überliess den Kindern, den helfenden Dienern und Mägden, hie und da die Beeren, die noch versteckt oder schwer zu erreichen waren, vom Stamme zu lösen. Man sollte nun die gefüllten Körbe bei sich behalten, ihren Inhalt entweder selbst verzehren oder mit sich nehmen. Das war die Antwort, die die Fürstin Jedem gab, der einen Ort zu wissen wünschte, wo er seine Beute niederlegen sollte. Die Fräuleins Gelbsattel, die sehr lang waren, kamen dabei gut fort. Sie hatten reichlich gesammelt. Die Trompetta, die Lebhafteste, hatte nur geringe Ausbeute. Sie war zu klein, um mit ihrem Messer besonders hoch zu langen und das Anerbieten von Stühlen, Schemeln und Leitern, die die Diener in Bereitschaft hielten, schien ihr bei ihrem corpulenten Wuchse zu halsbrechend und gefährlich. Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend, dass man ihr Alles vorweggeschnitten hätte. Wo ist denn noch eine Traube? Wo? Wo? rief sie. Kinder! Ich sehe nichts! Wilhelmine! Wilhelmine! ... Aber fräulein Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite. Sie war fortwährend mit Dankmar in neckendes Gespräch verwikkelt ... Die Fürstin nahm die Lese sehr umständlich und ernst, fast pedantisch. Siegbert musste ihr den Korb, die Hand, den Schemel halten. Rudhard und Gelbsattel erzählten sich von einer Weinlese bei Naumburg, die sie einst in lateinischer Sprache hätten mitmachen müssen und lächelten über die Erinnerung, wie die Portenser, wenn Einer eben sagte: O quam dulcis haec uva est! und eine Traube in den Mund herablassen wollten, sie immer vom Andern geraubt bekamen, wobei sie auf Wildungen übergingen, der zu Denen gehörte, denen man nur zu oft den Genuss verdarb, wenn er eben sagen wollte: O quam dulcis haec uva est