kein so schlimmes Gesicht! sagte er zu Dankmar; jetzt, wo wir Hohenberg näher kommen, wird's mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel werden. Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Costüm fahren, weiss man, dass Sie es nicht nötig haben und es nur aus Vergnügen tun. Wenn ich es aber tue, so sagt jede Canaille, Das wäre mein Beruf. Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten Herzens, aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zurückfahren, so sag' ich Ihnen, warum das Alles so sein muss, wenn Sie nämlich Lust haben, es zu hören.
Es ist eine verkehrte Welt, meinte Dankmar kopfschüttelnd nachgiebig und steckte das Tuch zu sich. Wir wollen sehen, ob wir da auch Etwas zu essen finden.
In der Wirtsstube trafen sie einen Jäger. Ein stattlicher Fünfziger, wie es schien. Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern. Sein grauer Rock mit grünen Aufschlägen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten. Das gebräunte mit fuchsrotem Barte umschattete Antlitz trug einen unverkennbaren Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens. Seine grossen wasserblauen Augen grüssten die Ankömmlinge ebenso freundlich, wie er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schöngewachsenen jungen Mann in der Blouse war. Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her, spielten mit seinem Hunde, zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und während er mit der Blouse, ja schon mit Dankmar und Hackert sprach, ging er doch dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein, die er hinterwärts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte.
Sie sind hier im Gelben Hirsch! erklärte er den Ankömmlingen. Ihr Mittagsmahl müssen Sie nehmen, wie Sie's finden. He da, Lenchen! Jungfer Drossel!
Ein junges hübsches Mädchen, die die Wirtstochter schien, brachte schon für den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen Mittagsmahle. Nun musste aber auch noch genug für die beiden Andern da sein.
Ja, sagte der Jäger, wenn der Drossel nicht immer im Busch sässe und seine politischen Lieder pfiffe!
Wie? erstaunte Dankmar, auch hier, wie auf dem Heidekrug, die Politik Störerin der häuslichen Ordnung?
Das nicht, meinte der Jäger begütigend; die Frau und das schmucke Lenchen da sehen schon nach dem Rechten. Aber es ist Alles mehr vollauf, wenn der Hausherr selbst für seine trockene Zunge sorgt. Wer viel spricht, muss auch sich und dem Magen viel bieten. Wir im Wald sind immer allein und reden nur einmal mit unserm Phylax oder mit den Grünspechten oder den Maulwürfen und da tut ein Stück Brot, ein Trunk wasser oder einer aus der Korbflasche seine Schuldigkeit. Zur Nacht freilich gibt ein Jägersmann seinem Magen auch volles Gehör. Da knurrt der und will für sein Tagewerk ein kräftiges Futter ....
Das Euch wohl bekommt ... sagte Dankmar, auf des Jägers frisches Aussehen deutend.
Besser als vielleicht Herrn Drossel das Essen auf sein vieles politisches Reden, fiel der Fremde ein, der sich bei Seite gesetzt hatte.
Ach nein, meinte begütigend der Jäger, es folgt Jeder seinem Geist.
Damit wandte er sich zur bedienenden hübschen Lene, den Kindern und dem Hunde Phylax. Er wollte es wohl vermeiden, den Wirt zum Gelben Hirsch so anzuklagen, wie die Liese den Heidekrüger angeklagt hatte.
Lenchen, sagte er ablenkend, wirst immer schmukker! Blitzaugen hat das Mädel! Ganz wie ihre selige Tante! Bist aus einem Tiegel mit ihr geschmolzen! Gott verzeihe mir die Sünde, dass ich von Feuer rede ....
Die letzten Worte brummte der Jäger mehr vor sich hin.
Warum nicht vom Feuer? meinte Dankmar, eine dargereichte Weinkarte musternd. Die Menschen sind mehr durchs Feuer als durchs wasser geschaffen.
Er bestellte eine Flasche Hochheimer.
Lenchen ging mit dem ganzen Kindertross, der sie in den Keller begleiten wollte. Auch Phylax würde gefolgt sein, wenn ihn der Jäger nicht zurückgehalten hätte.
Das Feuer im Wein lass' ich mir gefallen, sagte der Jäger freundlich, die Bestellung gleichsam lobend. Aber, setzte er mit zusammengedrückten Augen hinzu, das Feuer, das ich meinte, ist ein anderer Brand. Hier das Haus ging vor nunmehr sechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm ... die Schwester Drossel's ... ein junges Wesen ....
Verbrannte?
Verbrannte.
Der Jäger wandte sich auffallend erschüttert zum Fenster hinaus. Die Reisenden assen. Lenchen kam bald mit dem Wein zurück. Die Kinder lärmten wieder und litten nicht, dass der Jäger nach der Flinte griff, die an der Wand hing, und gehen wollte.
Ei, Onkel Heunisch, schon fort? sagte Lene Drossel. Vater und Mutter müssen von Schönau bald zurück sein. Ich dachte, Sie erzählen uns noch von Franziska's letztem Brief ....
Komm ins Jägerhaus, Lenchen! Kannst ihn selbst lesen!
Ins Jägerhaus komm' ich nicht.
Fürchtest dich? ...
Vor der Eule nicht.
Vor der Ursula. Ich weiss es. Bist ein Kindskopf.
Dabei lachte er wieder und verharrte dabei, dass er gehen müsse. Es wär' eine tüchtige Strecke nach haus, meinte er.
Dann grüssen Sie aber die Fränz und danken Sie ihr für das hübsche Band! sagte Lenchen.
Solltest ihr selbst schreiben, Lenchen! Legst es an die Tante bei –
Das dürfen wir nicht!
Die Tante Pfannenstiel